Glasgow: Grösste Lohngleichheits-Demo seit Jahrzehnten

Enough von diesem Shit, sagen die Schottinnen

Peter Stäuber, London

Das öffentliche Lohn­system im schottischen Glasgow diskriminiert Frauen. Jetzt gehen sie auf die Strasse.

ZAHLTAG, JETZT! Frauen fordern von der Stadtbehörde in Glasgow, dass sie endlich gleiche Löhne wie ihre männlichen Kollegen bekommen. (Foto: Getty Images)

«Eigentlich ist es eine Schande, dass wir hier stehen müssen», sagt Ingrid Bain. Die 50jährige Gewerkschafterin ist seit sechs Uhr früh im schottischen Glasgow unterwegs, sie geht von einem Streikposten zum nächsten, um ihre Kolleginnen zu unterstützen. Im Hintergrund hupen die Autos, signalisieren so ihre Zustimmung. «Die Solidarität, die wir hier ­sehen, ist phantastisch», sagt Bain – aber sie findet es bedauerlich, dass sie überhaupt streiken müssen: «Dass wir im Jahr 2018 noch immer für einen fairen Lohn für Frauen kämpfen müssen, ist doch Scheisse.»

Der Streik in der schottischen Metropole war der grösste seit Jahrzehnten: Über 8000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtbehörde, Glasgow City Council, haben für 48 Stunden die Arbeit niedergelegt. Sie wollen damit erreichen, dass eine jahrelange Auseinandersetzung um unfaire Bezahlung von Frauen endlich endet. Gewerkschafterin Bain erklärt: «Im Kern geht es ­darum, dass sogenannte Frauenjobs nicht gleich bezahlt werden wie Männerjobs.» Denn Arbeit, die mehrheitlich Frauen erledigen, wird von der Stadtbehörde tiefer bewertet als Arbeit, in denen mehrheitlich Männer arbeiten.

SYSTEMATISCH DISKRIMINIERT

2006 führte die Stadt ein neues Lohnsystem ein, das dafür sorgen sollte, dass Frauen und Männer für gleichwertige ­Arbeit den gleichen Lohn erhalten. Aber gerade dieses ­System verstärkte die Diskriminierung gegenüber Frauen noch: In Jobs, in denen überwiegend Frauen arbeiten – in der Kranken- und Altenpflege, im Reinigungsdienst oder in der Gastronomie –, lag der Stundenlohn bis zu 3 Pfund tiefer als in männerdominierten Stellen wie der Ghüderabfuhr. Dafür gibt es mehrere Gründe. So wird Mitarbeitenden, die mehr als 37 Stunden pro Woche arbeiten, ein höherer Lohn bezahlt. Aber weil die meisten Frauen knapp darunter­liegen, profitieren sie nicht von diesen höheren Tarifen.

«Dass wir 2018 noch immer für einen fairen Lohn für Frauen kämpfen müssen, ist doch Shit.»

Gewerkschafterin Bain beispielsweise hat zwei Teilzeitstellen, beide bei der Stadt. Sie ist Putzfrau in einer Primarschule und serviert zudem Essen in einer Schulkantine. Insgesamt arbeitet sie 28 Stunden pro Woche – und bekommt dafür gerade mal 11’000 Pfund pro Jahr (gut 14’000 Franken). «Ich arbeite echt hart für mein Geld. Um 5 Uhr früh steh ich auf, arbeite bis um 8 Uhr im Reinigungsdienst, gehe zurück nach Hause und bringe meinen Sohn zur Schule. Dann gehe ich zu meinem zweiten Job in der Kantine.» Und während unangenehme oder gefähr­liche Arbeit normalerweise besser bezahlt wird, erhält Bain kein Ex­trageld, obwohl das Putzen teilweise sehr eklig ist. Dies nur deshalb, weil hauptsächlich Frauen im Reinigungsdienst arbeiten. Die Ungerechtigkeit des neuen Lohnsystems war offensichtlich, und so dauerte es nicht lange, bis die Angestellten begannen, die unfaire Bezahlung mit Hilfe ihrer Gewerkschaften gerichtlich anzufechten. Im Sommer 2017 erhielten sie schliesslich recht – und die Stadtverwaltung erklärte sich bereit, den Frauen eine Kompensation zu zahlen. Die Summe wird auf über 500’000 Pfund geschätzt. Monatelang wurden Gespräche geführt, aber passiert ist bislang wenig. Also entschlossen sich die Frauen zum zweitägigen Streik.

GROSSE SOLIDARITÄT

«Wir verlangen lediglich, dass wir gleichbehandelt werden wie die Männer», sagt Bain. «Selbst wenn mein Stundenlohn nur um ein Pfund höher wäre, hätten ich und meine Familie zusätzliche 1500 Pfund pro Jahr zur Verfügung. Für jemanden, der für einen tiefen Lohn arbeitet, macht das einen riesigen Unterschied.» Wie gross die Zustimmung zum Protest der Frauen ist, zeigte sich am zweiten Streiktag: Ghüdermänner und Strassenputzer weigerten sich, zur Arbeit zu gehen und stellten sich stattdessen neben die Frauen.


Lohngleichheit: Gesetzlich ja, faktisch nein

PIONIERINNEN: Näherinnen des Ford-Autowerks erringen das Lohngleichheitsgesetz von 1970 in Grossbritannien. (Foto: Alamy)

Im Sommer 1968 begannen die weiblichen Angestellten des Ford-Autowerks in London einen der folgenreichsten Arbeitskämpfe in der britischen Geschichte. Das Unternehmen kündigte an, dass Frauen, die Sitzbezüge zusammennähten, 15 Prozent weniger Lohn erhalten sollten als Männer. Begründung: Die Arbeit erfordere weniger Geschick. Deshalb gingen die Näherinnen in den Streik. Der Arbeitskampf – verewigt im bri­tischen Kinohit «Made in ­Dagenham» – führte schliesslich zum Lohngleichheitsgesetz von 1970. Seither muss in Grossbritannien gleicher Lohn für gleiche Arbeit bezahlt werden.

SKANDALÖS. Aber Diskriminierung am Arbeitsplatz ist auch fünfzig Jahre später noch Realität. Frauen in Vollzeitjobs verdienen im Durchschnitt rund 9000 Pfund weniger als Männer. Gründe für die Lohndiskriminierung gibt es viele, sagt die Fawcett Society, eine Organisation, die sich für Gleichstellung einsetzt: Frauen kümmern sich um Kinder und alte Verwandte und sind deshalb mit grösserer Wahrscheinlichkeit in den schlechter bezahlten Teilzeitstellen beschäftigt. Zudem sind Frauen im Niedriglohnsektor überdurchschnittlich vertreten, und schliesslich werden Mütter am Arbeitsplatz diskriminiert. (ps)

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