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Der letzte Kongress

Anne-Sophie Zbinden

Seit 37 Jahren arbeitet Elisabeth Soucek als Assistentin für die Gewerkschaften. Bereits zum ­vierten Mal hat sie den SGB-Kongress organisiert. Doch dieses Mal ist alles etwas anders.

ZENTRALE FIGUR. Als Assistentin hält Elisabeth Soucek (59) im Hintergrund tausend Fäden fest in der Hand. (Fotos: Matthias Luggen)

Die Vorbereitungen laufen auf Hoch­touren. Begonnen haben sie schon vor ­einem Jahr. Aber jetzt, so seit ungefähr drei Wochen, lebe sie eigentlich nur noch für den Kongress, träume auch schon davon, sagt Elisabeth Soucek, Leiterin Assistenz beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Am Kongress, der alle vier Jahre stattfindet, bestimmen die 16 Verbände die grossen Linien des SGB und wählen das Präsidium. Für ­Soucek ist es bereits das vierte Mal, dass sie diese administrative Meisterleistung bewältigt: den geeigneten Termin und die Lokalität für 350 Leute findet, Einladungen verschickt, den Kongressordner in drei Sprachen zusammenstellt, die Sitzordnung bestimmt, die Helfer und Helferinnen instruiert, die Spezialgäste betreut und im ganzen Tohuwabohu die Übersicht nicht verliert. Soucek sagt: «Ich mag diese Hektik vor dem ­Kongress.» Und hektisch bleibt es, auch wenn der Ablauf der Kongresse immer gleich ist. «Meine Liste, die ich mir für den ersten Kongress gemacht habe, könnte ich auch heute noch verwenden, da wurde nichts verändert.» So ist sie beispielsweise per Statuten gezwungen, die Kongressunterlagen noch immer mit der Post zu versenden, kiloweise Papier. «Das hätte ich gerne noch geändert!» Aber das geht nun leider nicht mehr.

EINZIGARTIG. Denn dieser Kongress ist in vielerlei Hinsicht einzigartig: Nach 20 Jahren wird ein neuer Präsident oder eine Präsidentin gewählt. Es ist die erste Kampfwahl seit Jahrzehnten – und es ist Elisabeth Souceks letzter Kongress. In drei Jahren wird sie pensioniert, nach 40 Jahren Gewerkschafts­arbeit. Begonnen hat sie bei der Metallergewerkschaft Smuv. Nach einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn und durch Japan begann sie als Assistentin des damaligen Smuv-Vizepräsidenten Agostino Tarabusi. Das war 1981. Seither hat sich einiges verändert. Früher hätten Assistentinnen eine zudienende Funktion gehabt, erinnert sich Soucek: «Ich packte dem Chef das Aktenköfferli, kaufte sein Zugbillett, selber denken war nicht so gefragt.» Heute arbeite sie selbständig, habe mehr Verantwortung. Und es sei ein Hand-in-Hand mit Chefinnen und Chefs. Vom Smuv wechselte Soucek 2005 zum SGB. Auch dort hat sich in den letzten 13 Jahren einiges getan. So habe es mehr Frauen in Leitungsfunktionen, und die Mitarbeitenden seien jünger geworden. «Das ist sehr erfrischend.»

WERKZEUG: Die wichtigsten Utensilien von Elisabeth Soucek sind nebst dem Computer das Telefon,
die SGB-Statuten und Dokumente in Papierform, fein säuberlich abgelegt.

CONNECTIONS. Zu ihren Hauptaufgaben beim SGB gehört die Betreuung der Gremien (Präsidialausschuss, Vorstand, Delegiertenversammlung und Kongress). Daneben hält sie als Assistentin ihren Chefinnen und Chefs den Rücken frei. Und manchmal, da müsse sie innerhalb von zwei ­Tagen einen Termin mit einem Bundesrat oder einer Bundesrätin organisieren. «Da braucht es schon gute Verbindungen in die Vorzimmer des Bundeshauses», sagt Soucek lachend. Das einzige, was sie manchmal störe, seien die starren Strukturen, vorgegeben von den uralten Statuten.

BÜEZER-FAMILIE. Soucek stammt aus einer Gewerkschafterfamilie. Ihr ­Vater war Sekretär beim Smuv und beim VPOD: «Die Leute riefen ihn manchmal am Wochenende an, wenn sie ein Pro­blem hatten.» Und bereits die fünf­jährige Elisabeth ging an der Hand ihres Grossvaters an die 1.-Mai-Kundgebung. Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren beide Verdingkinder. Mit dem Hilfs­ar­beiterlohn, den der Grossvater bei der Schoggifabrik Tobler in Bern verdiente, mussten sie ihre 11 Kinder durch­bringen.

Wohl auch deshalb hat Soucek eine kämpferische Seite. So drohte sie einmal ihrem damaligen Chef mit Streik, als er das Rentenalter für die Mitarbeiterinnen ohne Ausgleich erhöhen wollte. Sie ­forderte für sich und ihre Kolleginnen mindestens dieselbe Ferienregelung wie für die Metaller – mit Erfolg.

JEDE DEMO. Seit 37 Jahren ist sie bei den Gewerkschaften und scheint kein bisschen müde. Im Gegenteil: «Ich kann jeden Tag etwas lernen, dieser Job ist wie eine ständige Weiterbildung.» Kraft schöpft sie aus der tiefen Überzeugung, dass sie für diejenigen Menschen arbeitet, die ihre Situation nicht alleine ver­ändern können. Vielleicht fehlt ihr deshalb beim SBG-Job der Kontakt zur Basis. «Beim Smuv habe ich jeden Tag mit Mitgliedern telefoniert und deshalb die ­Lebenswelt der Büezer gespürt, das war natürlich sehr schön.» Dieser direkte Kontakt zur Basis sei beim SGB halt ­leider nicht mehr so stark. Dafür sei sie in der Unia-Frauengruppe aktiv und gehe an jede Demo und natürlich an ­jeden 1. Mai.

Und am Kongress, ihrem letzten, was wird sie tun? «Wenn es dann mal losgeht, sind wir ganz ruhig», sagt Elisabeth Soucek. Die Nervosität sei dann vorbei, und sie könne sich ganz auf das Drehbuch verlassen. Und das tun, was sie seit 37 Jahren mit Hingabe und Begabung tut: im Hintergrund die Fäden fest in der Hand halten.


Elisabeth Soucek Ein halbes Leben für die Gewerkschaft

Auch nach der Pensionierung in drei Jahren will Elisabeth Soucek aktiv bleiben. Die Mutter einer Tochter und Grossmutter plant, ihre Frei­willigenarbeit als Sterbe­begleiterin und Vermittlerin für Patenschaften wieder­aufzunehmen.

YOGA UND REISEN. Und sie möchte wieder Städteführungen machen, reisen und weiterhin regelmässig ins Yoga gehen. Und bestimmt wird sie auch weiterhin an den 1.-Mai-Kundgebungen und Demos zu sehen sein.

Elisabeth Soucek ist lang­jähriges Unia-Mitglied, arbeitet normalerweise 80 Prozent, ausser vor dem Kongress, da stockt sie während vier Monaten auf 100 Prozent auf. Sie verdient bei 80 Prozent brutto 6286 Franken.

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