Ticktack! Die nächste Stufe der kapitalistischen Krise kündigt sich an

Sind wir diesmal bereit?

Oliver Fahrni

Der ­Kapitalismus war vor zehn Jahren ein paar Tage lang klinisch tot. Seither tritt er uns in verschärfter Form entgegen. Was ­geschieht beim kommenden Crash?

EXPLOSIV. Zehn Jahre nach der letzten Krise hat sich wenig geändert. (Foto: iStock)

Ihre Tage sind gezählt, das wissen sie. Wer sich heute unter Banker mischt, fühlt sich wie in einem vollbesetzten Zug, der ungebremst auf einen Sackbahnhof zurast. Abspringen geht nicht mehr. Der Crash kommt. Wenigstens noch abräumen, was geht. An einem einzigen Tag im Februar hat die US-Bank Goldman Sachs 200 Millionen Dollar Gewinn eingefahren. Für den Internationalen Währungsfonds (IWF) stehen die Signale auf dunkelorange. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht Europa und andere Teile der Welt «am Abgrund». Steve Keen, Professor an der Londoner Kingston-­Universität, spricht von einer «Zombie-Ökonomie».

Dass der nächste Zusammenbruch ­bevorstehe, ist derzeit die bestgeteilte Meinung unter Ökonomen. Manche ­glauben, er habe bereits begonnen. Unter dem Suchwort «financial crisis 2019» wird man im Internet reichlich bedient. ­Wirtschaftsprofessoren neigen in der Regel nicht zu Johannes-Offenbarung und ­Apokalypse. Doch nun soll es noch weit schlimmer kommen als 2007 / 08. Der ­französische Banker und Autor Jean-Michel Naulot, der zur Bankenaufsicht wechselte: «Das war nur eine Vorwarnung.»

In den USA vernichtete die
Krise monatlich 700’000 Jobs.

DESASTRÖS. Beim 2008er Crash (der im August 2007 begann) lösten sich Ver­mögenswerte von 40’000 Milliarden Dollar in Luft auf, und die Krise vernichtete allein in den USA jeden Monat 700’000 Jobs. Drei Tage nach dem Bankrott der Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 waren die Finanzmärkte kaputt. Inzwischen kann man in den Texten der damaligen Weltenlenker nachlesen, dass sie bis weit ins Frühjahr 2009 hinein dachten, das Gesellschaftssystem Kapitalismus sei am Ende. Doch es wurde nicht gestürzt. Die USA, China und die EU reanimierten es.

Inzwischen wächst das Kreditvolumen (präziseres Wort für «Verschuldung») rasend auf Rekordwerte. Der Kapitalismus überlebt auf Pump, am Tropf einer irrwitzigen Kreditschöpfung. Nur ein Bruchteil davon fliesst in Investitionen, 95 Prozent in die Spekulation: Die Wertpapiere-Derivate, die als Schrottpapiere die Krise 2008 aus­lösten, haben 2018 das neun- bis zehnfache der gesamten Weltwirtschaftsleistung übertroffen. Alle Versuche, die Banken und Fonds zu zähmen, wurden abgebrochen oder, wie dieser Tage durch US-Präsident Trump, wieder rückgängig gemacht.

NICHTS GELERNT? 2008 war ein Bruch. Der Kapitalismus tritt uns nun in verschärfter Form als Neoliberalismus 2.0 entgegen: Lohndruck, Abbau des Service public, Privatisierungen, Abbau des Arbeitnehmendenschutzes und so weiter. Die Vermögens- und Einkommenskonzentration in Händen der wenigen hat sich stark beschleunigt. Absurde Form der Krisen­bewältigung: Statt weltweit rund 2800 Milliarden Franken für Bankenrettungen aufzuwenden, hätte man besser Kaufkraft geschaffen, in den ökologischen Umbau und die soziale Digitalisierung investiert. Und den Hunger aus der Welt geschafft.

Das ist eine interessantere Frage als der Zeitpunkt des nächsten Crashs: 2008 ­konnten Arbeitende, Gewerkschaften und linke Parteien kein vernünftigeres Wirtschaftssystem durchsetzen oder auch nur vorschlagen. Sind wir diesmal bereit?

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