Coiffure & Beauty: Konkurs als Geschäftsmodell

Fernando Muttis multiple Mutationen

Regula Bähler

Eine richtige Räubergeschichte: So zügig wie Geschäftsführer Fernando Mutti (55) seine Firmen in den Ruin schickt, können Behörden und Gerichte gar nicht arbeiten. Zurück bleiben die ­Angestellten und die Lieferanten, ohne Lohn und ohne Geld.

DAS MUTTI-PRINZIP. Kaum geht eine Firma Konkurs, ist schon die nächste da. (Illustration: Rolf Willi)

«Manchmal ist es besser, ein krankes Glied zu amputieren», schrieb der Chef seinen Angestellten. ­Damit meinte er nicht seine Hand oder einen seiner Finger. Fernando Mutti entledigte sich so seiner maroden Firma Riflessi Lifestyle GmbH und erklärte weiter: «Die Liquidation einer Gesellschaft von Amtes wegen ist dabei die günstigste und schnellste Variante.» Somit könnten «die Altlasten in der alten Gesellschaft verbleiben». Neu habe die Selcore AG die von Riflessi geführten Center-Coiffure in Ostermundigen BE übernommen. Man, also Mutti und Selcore, hätten nun Kraft, sich zu erholen und auf das Neue zu konzentrieren.

Mutti schuldet den Vorsorge­einrichtungen 150’000 CHF.

Viel weniger entspannt sehen es Muttis Mitarbeitende. Zu den entsorgten Altlasten gehören etwa auch ihre Beiträge an die Pensionskasse. Sie wurden vom Lohn abgezogen, gelangten aber nie bis zur Kasse. Die Mitarbeitenden fühlen sich nicht nur geschröpft, sondern echt am­putiert, nämlich um einen Teil ihrer ­Altersvorsorge (work berichtete, rebrand.ly/malediven-mutti). Denn die Auffangeinrichtung, die in solchen Fällen einspringt, deckt nicht die gesamten Verluste.

AM ANFANG WAR SELCORE

Zuerst war da die Selcore AG, um sich mit Geld an Firmen und Projekten zu beteiligen sowie in Finanzstrategien zu beraten. Einziger Verwaltungsrat und Zeichnungsberechtigter: Fernando Mutti. An Heiligabend 2013 meldet Selcore ihre Tochter Riflessi Lifestyle GmbH zur Eintragung ins Handelsregister an. Diese führt Coiffeur-, Beauty- und eben auch Lifestyle-Geschäfte. Sie ist aber auch für eigene und fremde Finanzierungen da und kann Garantien und Bürgschaften eingehen. Riflessi gehört zu hundert Prozent der Selcore, ihr einziger Geschäftsführer ist ebenfalls Fernando Mutti. 2015 besitzt die Selcore AG, die auch mal mit dem Zusatz Consulting oder Holding auftritt, acht Coiffureläden und hat nach eigenem Bekunden zwölf Geschäftsgründungen erfolgreich begleitet.

FERNANDO MUTTI: In seine Ex-Läden geht er «höchstens noch zum Haareschneiden». (Foto: ZVG)

LEPOTA GMBH

Noch im selben Jahr geht die Meeting Point, Mutti & Co. in Konkurs. Einst als Unternehmen für Telefoninserate gegründet, mauserte es sich zu einer Dienstleisterin im Treuhand- und Immobilienwesen. Unbeschränkt haftender und alleiniger Gesellschafter ist Fernando Mutti. Später ist auch die ­Selcore-Tochter Lepota GmbH mit ihren vier Coiffureläden in St. Gallen und Rorschach bankrott. Wenig überraschend zeichnet Fernando Mutti als einziger Geschäftsführer. Der Lepota-Konkurs bringt auch Riflessi «in Schieflage», wie Mutti seinen Angestellten vermeldet. Riflessi hat 2014 den Center Coiffure Hairshop ­in Ostermundigen gekauft. Vom vereinbarten Kaufpreis für den Laden mit allem Drum und Dran sieht die frühere Inhaberin nur einen Teil. Nach fast 30 Jahren Aufbauarbeit sitzt sie auf Verlustscheinen. Denn so zügig wie Mutti seine Firmen in den Ruin schickt, kommt niemand nach, auch nicht mit gerichtlichen Schritten.

2015 wird Riflessi allein von der AHV-Ausgleichs- und Pen­sionskasse Coiffure & Esthétique für ausstehende Beiträge von rund 60’000 Franken betrieben. Von denen ist die Hälfte den Angestellten beim Lohn in Abzug gebracht worden. 2016 bleibt Riflessi der Vorsorgeeinrichtung weitere 90’000 Franken schuldig. Ein gutes halbes Jahr später ist Riflessi reif für den Konkurs. Und daraufhin ist auch die Muttergesellschaft Selcore fällig. Ihr Betreibungsregister sieht nicht besser aus.

STEP IN BEAUTY GMBH

Gleichwohl gibt es den Center Coiffure Hairshop in Ostermundigen noch, mit demselben Mobiliar und der Telefonnummer wie früher. Zwei Wochen nachdem die frühere Inhaberin die Betreibung eingeleitet hatte, übernahm die Step In Beauty GmbH die Center Coiffure. Sie hiess einst CT Caslife Technologies GmbH und wollte Spielcasinos in Finanz- und Marketingangelegenheiten beraten. Fernando Mutti zeichnete verantwortlich. 2012 wurde sie mit neuem Zweck in Step in Beauty umbenannt, Mutti schied aus, und seine Weggefährtin Carmen Selva trat auf den Plan.

2013 erhöhte sich das Stammkapital der Step In Beauty GmbH ums Zehnfache auf 200’000 Franken, durch eine Verrechnung von bestehenden Forderungen. So kam auch Selcore hinzu und hielt die Hälfte dieses Kapitals. Ende August 2014 übernahm Carmen Selva die Selcore-Anteile. Damit besitzt sie bis heute die Hälfte von Step In Beauty, die andere gehört der ehemaligen Frau von Fernando Mutti.

Eine Firma geht konkurs,
und schon ist die nächste da.

BÄCKER’S HAIRLOUNGE

Der Sitz der Step In Beauty GmbH befindet sich in Zürich. Genau an der Adresse, an der Fernando Mutti auch noch eine Einzelfirma, die Coiffure Step, domiziliert hat. Diese ist aus einer Kollektivgesellschaft hervorgegangen, in der Carmen Selva auch mal kurz Gesellschafterin mit Einzelunterschrift war. Des weiteren gehört der Step In Beauty die Bäcker’s Hairlounge, ebenfalls in Zürich. Diese führt den Coiffeurladen fort, den früher Fernando Muttis Bäckers GmbH besass. Bis zum Konkurs 2013.

Und so geht das Hin und Her, das Amputieren und Bereinigen von Altlasten munter immer weiter.


Fernando Mutti Geschichte eines Haar­abschneiders

EINER VON MUTTIS LÄDEN: Coiffure Step In, Zürich. (Foto: RB)

Im Geschäftsmodell von Fernando Mutti (55) werden Firmen umbenannt, deren Zweck wird geändert, und die Verantwortlichen wechseln sich ab. Die eine Firma reserviert für die andere die Internetadresse. Dann heissen sie manchmal ähnlich: Coiffure Step In oder Step In Beauty GmbH etwa. Der dazu gehörige Laden ist seit je mit Coiffure Step In angeschrieben. So braucht es keinen neuen Anstrich, wenn er die Hand wechselt.

Und sind die Kassen leer, obwohl man gerade das Coiffuregeschäft verkauft hat, ist für die Gläubiger kein Hinterherkommen. Weil es dauert, bis es zur Konkurs­eröffnung kommt. Denn niemand will die Kosten von mehreren Tausend Franken für das Verfahren vorschiessen, um dann ­darauf sitzenzubleiben. Kommt es doch zum ­Konkurs, wird dieser mangels Aktiven sofort wieder eingestellt.

Das Schweizer Recht fördert
solche Geschäftspraktiken.

KEINEN SPASS. So funktioniert das Geschäftsmodell Konkurs. Oder mit den Worten von Mutti: Altlasten von Amtes wegen entsorgen lassen und mit ­einer anderen Firma vorwärtsschauen.

Sein Firmengestrüpp ist nur schwierig zu entwirren. Vor allem, wenn in einem Vertrag Riflessi als ­Arbeitgeberin aufgeführt ist, am Schluss aber die Firma Selcore unterschreibt. Ein Versehen im illustren ­Firmenreich? Dieses hat Mutti vom ­Telefonmarketing über Casinos, Treuhand­wesen und Beteiligungen, Immobilien, Reinigungen zu Aus­flügen in die ­Gastroszene geführt.

Aus dem Coiffuregeschäft sei er nun ganz ausgestiegen, sagt Mutti zu work. In einen seiner früheren Läden gehe er «höchstens noch zum Haareschneiden». Am Telefon gibt er bereitwillig Auskunft: «Ich habe auch keinen Spass an solchen Situationen», ­betont er und behauptet, mehr investiert als rausgeholt zu haben. Das Hauptpro­blem seien ­eigentlich die Lepota-Läden ­gewesen (siehe Artikel oben). Nach ­deren Schlingern «hat auch Bern ge­litten und dann Zürich. Es war nie die Absicht, das eine mit dem anderen zu verbinden», führt Mutti aus.

BLUFF. Auf die Nachfrage, wie denn die Verbindung zu Carmen Selva sei, die seit 1992 immer wieder namentlich in Muttis Firmen auftaucht: «Geschäftlich haben wir nichts miteinander zu tun», sagt er. Sie habe seit je nur die Lohnbuchhaltung für die Mitarbeitenden geführt. Weshalb erschien sie denn auf der Selcore-Homepage unter anderem als Finanz- und Liquiditätsplanerin von Muttis Coiffureläden? Dazu räumt Mutti ein, dass er wohl ­etwas geblufft habe: «Das war mehr Marketing, eine Geschäftsidee, die dann eingeschlafen ist.» Und was sagt Selva selber? – «Mit dem, was Herr Mutti macht, haben wir nichts zu tun», meint sie. Beim Kauf des Coif­furegeschäfts in Ostermundigen sei ­alles mit rechten Dingen zugegangen, und auch die Wechsel in den Firmenleitungen seien völlig legal gelaufen.

Das mag alles ja sein. Aber nur, weil das Schweizer Recht solche Geschäftspraktiken eher fördert, als dass es sie verhindert.


Weitere Artikel zum Thema:

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.