Coiffeurmeister Mutti schuldet Angestellten 50'000 Franken
Aufstand gegen Mutti

Die Löhne kamen erst nur tröpfchenweise und dann gar nicht mehr. Jetzt hat Coiffeuse Carolina Pereira (23) die Nase voll.

Coiffeur-Unternehmer Fernando Mutti prellt Angestellte um ihren Lohn. Carolina Pereira ist eine von ihnen. (Foto: Michael Schoch)

Anstatt auf Ende Monat erhielt sie ihren Lohn jeweils erst im nächsten Monat. Und tröpfchenweise: «Mal gab es 500 Franken, dann drei Tage später noch mal 200 Franken – wie der Chef grad Lust dazu hatte», erzählt Coiffeuse Carolina Pereira. Und ihr Ärger über ihren ehemaligen Chef, Fernando Mutti, ist gut hörbar.

Der 54jährige Coiffeurmeister ist Geschäftsführer und Mitinhaber der Firma Selcore und war Herr über acht Coiffeursalons von Ostermundigen BE bis St. Gallen (siehe Box unten). Im Coiffeur­­salon du Marché in Zürich, wo Pereira gearbeitet hat, habe Mutti mindestens sechs Beschäftigten den Lohn jeweils verspätet ausbezahlt, sagt die junge Frau. Und ihre Ex-Kollegin aus der Center Coiffure in Ostermundigen, Sabrina Landis * erzählt, bei ihnen sei’s nicht besser gewesen: «Am Anfang kam der Lohn noch pünktlich, dann Monat für Monat immer später.»

«Wir alle wurden nach Strich und
Faden belogen.»

Alles in allem hat Mutti Pereira bis heute rund 1500 Franken nicht bezahlt. Bei Sabrina Landis sind es sogar mehrere Tausend Franken. work weiss: Alleine bei den Coiffeusen und Coiffeuren in Ostermundigen sind mindestens 40 000 Franken ausstehend.

Coiffeuse Maria Blanco ging sogar vor Arbeitsgericht, um zu ihrem Geld zu kommen. Gut 3000 Franken schuldet ihr Mutti als Verantwortlicher der Firma Selcore. Doch weder er noch sonst ein Firmenvertreter erschien zur Verhandlung. Das Gerichtsurteil ist klar: Mutti beziehungsweise die Selcore muss den Betrag zahlen. Doch Mutti ignoriert sogar den Richterspruch. Jetzt hat Blanco die Betreibung eingeleitet. Sie sagt: «Ich will einfach den Lohn, der mir zusteht, das ist nichts als recht.»

FERNANDO MUTTI: Er macht Ferien, und die Angestellen warten auf den Lohn. (Foto: zvg)

CHEF AM RELAXEN

Statt die Löhne zu zahlen, liess es sich Chef Mutti gutgehen. So reiste er vor einem Jahr etwa auf die Malediven – und schickte den Mitarbeitenden per Whatsapp ein Foto vom Strand. Mit dem Kommentar: «…musste mal sein!»

Inzwischen hat Malediven-Mutti seine Coiffeurgeschäfte an die Firma Step in Beauty weitergegeben. Und er behauptet in einem Brief an die Angestellten und im Namen der Selcore AG, es sei «im Moment» nicht genügend Geld vorhanden. Selcore würden nun ja die Einnahmen durch die Coiffeurgeschäfte fehlen.

Das ist rechtlich nicht haltbar. Der Berner Unia-Gewerkschafter Fabio Wihler stellt klar: «Bei einer Betriebsweitergabe haften die alte und die neue Firma solidarisch. Wenn die Selcore AG kein Geld mehr hat, muss also die Step in Beauty die ausstehenden Löhne bezahlen.

BEI DER PK GESCHUMMELT

Nicht nur bei den Löhnen trickste Coiffeurmeister Mutti. Dokumente, die work vorliegen, zeigen: Er zog den Angestellten zwar die Beiträge für die Pensionskasse vom Lohn ab, überwies sie aber nicht an die Kasse. Mit dramatischen Folgen: Im letzten April kündigte die Kasse den Vertrag und informierte die Beschäftigten, «dass die Deckung für die berufliche Vorsorge beendet ist». Im Fall von Maria Blanco trieb Mutti die Schummelei noch weiter: Er meldete die Coiffeuse gar nie bei der Pensionskasse an. Zog ihr die Beiträge aber stinkfrech vom Lohn ab. Ex-Mitarbeiterin Sabrina Landis fasst es so zusammen: «Wir alle wurden nach Strich und Faden belogen.»

Die Gewerkschaft Unia prüft jetzt rechtliche Schritte. Für Gewerkschafter Wihler ist schon jetzt klar: «Wir lassen nicht locker, bis die Geschädigten zu ihrem Geld gekommen sind.» Weder Fernando Mutti noch die beiden Firmen wollten gegenüber work auf Anfrage Stellung nehmen.

Immerhin: Seit die Firma Step in Beauty übernommen habe, kämen die Löhne pünktlich, berichten mehrere Angestellte.

* Name geändert

Coiffeur, Gastronom, Casino-Promoter: Mutti hat überall seine Finger drin

Fernando Mutti (54) bleibt nicht nur zahlreichen Angestellten den Lohn schuldig (siehe Artikel rechts). Auch Lieferanten habe er nicht pünktlich bezahlt, berichten zumindest ehemalige Mitarbeiter.

BETREIBUNGEN. Neben der Center Coiffure in Ostermundigen BE ist oder war der Zürcher noch mit sieben weiteren Coiffeur­geschäften verbandelt: In Zürich die Step in Coiffure, die Coiffure du Marché und die Bäcker’s Hairlounge, dazu vier Salons unter dem Label Lepota in St. Gallen und Rorschach SG. Dies geht aus der Homepage der Firma Selcore hervor. Dass Mutti auch die Zulieferer hängenliess, hatte unangenehme Folgen fürs Personal. Ex-Mitarbeiterin Sabrina Landis* berichtet: «Immer wieder riefen Firmenvertreter im Coiffeursalon an und forderten Geld.»

Mit der Zeit hätten sich diese geweigert, dem Salon weitere Produkte zu schicken. Gewisse Haarfärbemittel seien einfach nicht mehr vorhanden gewesen, sagt die Coiffeuse: «Manchmal bin ich mir vorgekommen wie eine Bäckerin, die ohne Mehl Brot backen sollte.»

Fernando Mutti wollte sich auf Anfrage von work nicht äussern. Aufschlussreich ist aber sein persönlicher Eintrag beim Kredit-Auskunftsdienst Teledata: Er umfasst ganze acht Bildschirm­seiten. Darunter auch eine Betreibungsauskunft von 2013. Innert dreier Jahre sind zwölf Betreibungen verzeichnet, mit einer Summe von fast 250 000 Franken. Teledata beurteilt Muttis Kreditwürdigkeit als «sehr tief».

CASINO. Mutti ist ein Hansdampf in vielen Gassen: Neben dem Coiffeurbusiness ist er laut ­Teledata auch an einem Gastro­betrieb, einer Reinigungs- und ­einer Immobilienfirma massgeblich beteiligt. 2010 war er zudem Projektleiter einer Firmengruppe, die in der alten Börse in Zürich ein Spielcasino eröffnen wollte. Ein Jahr später erlitt er Schiffbruch: Die eidgenössische Spielbankenkommission gab einem anderen Projekt den Zuschlag. (che)

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