Riegers Europa

Griechenland hofft wieder: Tsipras’ rote Krawatte

Andreas Rieger

Andreas Rieger

Alexis Tsipras mit einer Krawatte – das war ein Novum für die Griechinnen und Griechen. Noch nie hatte der linke Regierungschef bisher «oben mit» getragen. Doch nun montierte er das rote Stück – dies hatte er für das Ende der Vormundschaft durch die EU versprochen. Für das Ende des griechischen Dramas:

Akt 1: Ab den 1980er Jahren verspricht die EU den Griechinnen und Griechen ein besseres Leben. Europäische Banken gewähren haufenweise Kredite für Immobilien, Infrastrukturen und Konsum. Auch der griechische Staat gibt grosszügig aus und zieht wenig Steuern ein.

Akt 2: 2010 wetten Spekulanten an der Wall Street auf die Pleite Griechenlands und drücken seine Wertpapiere auf Ramsch­niveau. Umso höher steigen die Schuldzinsen. Bald steht Griechenland vor dem Bankrott. Da zittern die Banken in Frankreich und Deutschland, denn sie haben am meisten Kredite vergeben.

Akt 3: Die EU wendet den Bankrott mit Milliardenzahlungen ab. Gerettet werden aber nicht die Griechen, sondern die Banken. Ihre faulen Kredite werden zu Schulden des griechischen Staats.

EU diktierte eine brutale Sparpolitik.

Akt 4: Die EU diktiert Griechenland eine siebenjährige brutale Sparpolitik. Die Renten und Löhne sinken 20 bis 30 Prozent. Ein Viertel der Bevölkerung stürzt in die Armut. Mangelernährung macht sich breit. Spitäler weisen mittellose Kranke ab. Die Wirtschaftskraft des Landes schrumpft um einen Drittel. So etwas hat es in Europa bisher nur im Krieg gegeben.

Akt 5: Am 21. August 2018 endet das Diktat der EU. Es bleibt ein riesiger Schuldenberg, den soll Griechenland bis 2060 zurückbezahlen. Das ist unmöglich. Eigentlich müsste die EU Schulden abschreiben und mit Investitionen in Wirtschaft und öffentliche Dienste Starthilfe leisten. Das wäre schon vor Jahren die richtige Medizin gewesen.

Aber dennoch: Alexis Tsipras hat guten Grund, die rote Krawatte anzuziehen. Das Tal der Tränen ist endlich durchschritten. Die griechische Wirtschaft zieht an. Die Regierung hat die Spitäler wieder zugänglich gemacht, sie will eine Erhöhung der Mindestlöhne und andere Sozialreformen. Die Griechinnen und Griechen können wieder hoffen.

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