Letzte Tage in den OVS-Filialen
Total-Liquidation

Der oberste OVS-Chef ist schon längst über alle ­Berge, alle Verkäuferinnen ver­lieren ihre Stellen. Aber sie müssen noch die Filialen aufräumen – und schwitzen dabei Blut und Tränen.

AUSGESCHAUBT: Endzeitstimmung in der OVS-Filiale im Thuner Bälliz – Schaufensterpuppen warten auf den Abtransport. (Foto: Christian Egg)

Der Laden ist voll. «Total-Liquidation» steht in gelb-schwarzen Lettern überall: «70% Rabatt auf alles». Verkäuferin Daniela Friedrich * und ihre Kolleginnen schwitzen. Es ist ihr letzter Tag in der OVS-Filiale an der Einkaufsstrasse Bälliz in Thun. Erst vor knapp einer Woche haben sie erfahren, dass ihr Laden zugehe. Jetzt versuchen sie, den letzten Tag noch zu überstehen. Friedrich sagt: «Unsere Motivation ist im Keller.» Zwar gehört sie zu den Glücklichen, die bereits eine neue Stelle gefunden haben. Dass OVS so brutal den Stecker gezogen hat, tut ihr trotzdem weh: «Mit den Kolleginnen hier habe ich fast zwanzig Jahre zusammengearbeitet. Ab heute abend ist Schluss.» Auch das Verhalten der Kundinnen und Kunden macht Friedrich zu schaffen. Sie erzählt: «Viele lassen Kleider, die sie nicht wollen, einfach am Boden liegen. Die Wertschätzung uns gegenüber ist gleich null.»

SCHLIESSUNGSBEFEHL PER INTERNET

Die Schweizer Tochtergesellschaft des italienischen Modegiganten OVS übernahm das serbelnde Modehaus Charles Vögele vor knapp zwei Jahren. Mit rosigen Versprechungen. Doch diese Woche gab sie bekannt: Alle 1180 Angestellten verlieren ihren Job. Das ist die grösste Massenentlassung, die der Schweizer Detailhandel je gesehen hat (siehe Kasten). Seit Ende Mai ist das Unternehmen in Nachlassstundung und schliesst in der Schweiz Geschäft um Geschäft. CEO Stefano Beraldo hat sich bereits nach Italien abgesetzt. Rund hundert Millionen Euro hat er mit dem Schweiz-Abenteuer versenkt, so die «Handelszeitung». Täglich veröffentlicht die Firma im Internet eine aktualisierte Liste, welche ihrer 140 Läden wann schliessen. Und zahlt nur den halben Juni-Lohn aus – vorerst, wie es heisst. Die Verkäuferinnen werden herumgeschoben: Nach der Schliessung in Thun müssen einige nach Bern pendeln und dort mithelfen, die übrigen Kleider zu verramschen.

EIN 3-FRANKEN-95-RING

OVS-Verkäuferin Katrin Schmid * arbeitet jetzt schon 42 Jahre in der Branche. Sie sagt: «Aber ich habe noch nie eine so schlimme Zeit erlebt wie jetzt.» Schmid verkauft in der anderen Thuner OVS-Filiale, etwa 200 Meter entfernt. Hier steht noch kein Termin für die Schliessung fest. Aber auch hier ist der Ausverkauf. Vor dem Eingang stapeln sich Kisten mit Kleidern, die aus anderen Filialen herangekarrt werden.

Wegen der Nachlassstundung darf das Personal keine OVS-Gutscheine mehr einlösen und keine Ware mehr zurücknehmen. Klar, dass das unter der Kundschaft für Ärger sorgt. Mehrmals schon mussten die Verkäuferinnen die Polizei rufen, weil Leute einfach mit Kleidern unter dem Arm abhauen wollten.

«Schäm dich, OVS!»

Schmid erzählt von einer Kundin, die einen kaputten Fingerring zurückgeben wollte: «Als ich ihr sagte, dass das nicht gehe, wurde sie fuchsteufelswild und drohte mit ihrem Anwalt.» Fünf oder sechs Telefonanrufe hat Schmid machen müssen, bis sie die Ware endlich zurücknehmen durfte. Der Wert des Fingerrings: 3 Franken 95. Judith Venetz von der Unia Berner Oberland hat derzeit fast täglich Kontakt mit den OVS-Verkäuferinnen: «Dieses Chaos zerrt an den Nerven und frustriert die Beschäftigten», sagt sie. «Und die Chefs hatten nicht einmal das Rückgrat, den Leuten zu sagen, was Sache sei.» In etwa zehn Filialen protestierten diese Woche die Verkäuferinnen mit einer Beraldo-Maske, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Auch Verkäuferin Susanne Meier * ist «stinksauer und traurig zugleich». Das schreibt sie per Mail an work. Auch ihre Filiale haben sie kurzfristig geschlossen. Meier: «Ich war eine loyale Mitarbeiterin und habe Blut, Schweiss und Tränen vergossen für diese Filiale. Jetzt werde ich abgeschoben in irgendeine andere Filiale. Schäm dich, OVS!»

Ökonom Beat Baumann: «Katastrophale Fehleinschätzung»

Unia-Ökonom Beat Baumann. (Foto: ZVG)

Auf einen Schlag bis zu 1180 Stellen weg – das gab es noch nie im Schweizer Detailhandel, sagt Unia-Ökonom Beat Baumann. Vor allem erstaunt ihn, dass OVS schon so kurz nach dem Start das Aus verkündet: Von der Neueröffnung unter dem Label OVS bis zur Schliessung verging bei einigen Filialen weniger als ein Jahr. OVS habe die etwas behäbigen Vögele-­Läden auf eine neue, jüngere Zielgruppe ausrichten wollen: «Da kann man nicht erwarten, dass es schon im ersten Jahr kostendeckend ist.»

VERSAGT. Wegen der Konkurrenz durch Onlinehandel (Zalando) und Einkaufstourismus sei der Schweizer ­Detailhandel schon seit längerem ­unter Druck. Trotzdem sei OVS mit ­einer grossen Klappe und hohen ­Erwartungen in den hiesigen Markt eingestiegen – «eine katastrophale Fehleinschätzung des Managements», bilanziert Ökonom Baumann.
Die Unia fordert jetzt, dass die OVS-Leitung Verantwortung übernehme und die Angestellten mindestens darin unterstütze, eine neue Stelle zu finden. Etwa mit Computern sowie der Erlaubnis, während der Arbeitszeit an Vorstellungsgespräche zu gehen. Alle sollen ein Zwischenzeugnis erhalten, das sie bei der Stellensuche einreichen können. Und zusätzliche Ferientage, um dem Stress des Liquida­tionsverkaufs zumindest kurz ent­fliehen zu können. Darüber hinaus ­fordert die Unia einen Sozialplan mit Abgangsentschädigungen, abgestuft nach Alter, Dienstjahren und Anzahl der Kinder sowie eine besondere ­Unterstützung für Schwangere.

 

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