Hinter Oviesse stecken Finanzfonds

Tatort Luxemburg

Oliver Fahrni

Das Schicksal der Oviesse-Ver­käuferinnen in der Schweiz wurde nicht in Italien besiegelt.

KARDASHIAN-CLAN: Die Model-Schwestern Kendall und Kylie Jenner werben für die neuste OVS-Kollektion. (Foto: Keystone)

Stefano Beraldo, der Chef des Kleiderkonzerns OVS (Oviesse) aus Mestre bei Venedig, wusste, dass die alte Vögele-Kundschaft mit italienischem Chic nichts am Hut hat. Der Aufbau einer neuen Kundschaft würde etwas Zeit brauchen. Schliesslich hat Profi Beraldo seine Sporen bei der italienischen Modekette Benetton verdient.

Dass OVS nun doch so blitzartig aus der Schweiz aussteigt und über 1000 Arbeitsplätze zerstört, hat mit Kleidergeschmack wenig, mit spekulativen Finanzaktionen aber viel zu tun. Der Schlüssel der OVS-Schweiz-Katastrophe liegt nicht in Venedig, sondern in Luxemburg. Anfang Dezember 2017 fand dort eine Sitzung von Fondsmanagern statt. Sie beschlossen, ihr Investment bei OVS scharf herunter­zufahren.

REICH UND BILLIG. Der Reihe nach: Die OVS-Läden in der Schweiz gehören der Firma Sempione im steuergünstigen Kanton Schwyz. Sie wird von OVS und ein paar Fonds kontrolliert. OVS seinerseits ist Teil der Coin-Gruppe, des grossen italienischen Warenhauskonzerns, der auch Upim, La Standa, Kid’s Planet, Melablu usw. besitzt. Doch wem gehört die Coin-Gruppe? Einer Schachtelkonstruktion von Investmentfonds im Steuerparadies Luxemburg. Die Federführung hat BC Partners. Dieser Fonds hält weltweit Beteiligungen von 127 Milliarden Euro. Hinter BC Partners stehen mehr­heitlich US-Fonds, Pensionskassen und Banken.

Sie wollen hohe Renditen. Das Billigkleidergeschäft brachte diese lange (reich durch billig). Doch nun gerät das ökonomische Modell Fast Fashion unter Druck.

KYLIE & KENDALL. Sogar H & M und Zara taumeln. Die Kundschaft will wieder nachhaltigere Mode. Die mörderischen Arbeitsbedingungen in Bangladesh und anderen Produktionsländern sind ein Thema, die Schadstoffe in den Kleidern auch. Zudem ist das Prinzip, 52 statt 4 Kollektionen pro Jahr zu fahren, teuer. Es steht und fällt mit dem Zuspruch der Internet-Influencerinnen. Für die neuste Kollektion wirbt OVS mit den beiden Model-Schwestern Kendall und Kylie Jenner aus dem Kardashian-Clan. Wie viel die Modekette ihnen bezahlt hat, ist nicht bekannt. Aber es muss ein riesiger Batzen gewesen sein. Jetzt verkleinert Coin Oviesse, denn die Finanzfonds ziehen sich zurück.

Aber Geld für einen starken Sozialplan wäre mehr als genug da.


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