Mega-Theaterevent zu 100 Jahre Landesstreik: Sie ist der kreative hinter den Kostümen

Landesstreik-Mode

Sabine Reber

Etwas punkig und doch zeitgemäss: So sind Kostüme von Eva Butzkies (40) für das Stück 1918.ch. work hat die Kostümbildnerin im Atelier besucht.

KOSTÜMBILDNERIN EVA BUTZKIES: Sie kennt alle 110 Mitwirkenden des Landesstreik-Theaters und weiss, wer wann was trägt. (Fotos: Nicolas Zonvi)

Früher wurden hier Lokomotiven repariert. Nun stehen im improvisierten Schneider­atelier auf dem Gelände der alten SBB-Werkstätte in Olten Schneiderbüsten und zwei Tische mit Nähmaschinen. Im hinteren Raum reihen sich Kleiderstangen dicht an dicht im Dämmerlicht. Über den Bügeln kleben Fotos der Schauspielenden, mit Name und Massen. Jedes fertige Kleidungsstück erhält zusätzlich innen am Kragen ein waschbares Namensschild eingenäht.

Kostümbildnerin Eva Butzkies sagt, sie kenne inzwischen fast alle Mitwirkenden persönlich und wisse, wer wann was tragen wird. Aber am Anfang sei sie wirklich froh gewesen um die Schilder. Denn bei einer so grossen Produktion gehe es nicht nur ums Entwerfen und Nähen der Kostüme. Ein solches Projekt sei auch eine grosse logistische Herausforderung.

FAST WIE DAMALS: Eva Butzkies zeigt eine Büezer-Hose.

VIELE BUNTE KNÖPFE

Drei Assistentinnen und rund 40 freiwillige Helferinnen gehen der diplomierten Kostümbildnerin aus Hannover zur Hand. Butzkies arbeitet für freie Theatergruppen in Deutschland und in der Schweiz. Nach dem Landesstreik-Projekt wird sie am Thea­ter Biel-Solothurn die Kinderoper Pollicino ausstatten.

Derb und doch schick mit den taillierten Silhouetten, eine Spur punkig und sehr zeitgemäss: so wirken die Kostüme für das grosse Theaterereignis zum Landesstreik. Butzkies erklärt: «Wir wollen bewusst eine Brücke schlagen in die heutige Zeit.»

Besonders ins Auge stechen die Damenjacken, für die es bereits eine Warteliste gibt von Leuten, die sie nach Ende der Aufführungen kaufen möchten. Bunte Knöpfe, Reissverschlüsse und weisse Stoffbänder mit Slogans von damals, in den vier Landessprachen, peppen die alten Armeekleider der Sorte «Tenue blau» auf. «Tenue blau» heisst in der Soldatensprache die Arbeitskleidung, die bei der Reinigung von Fahrzeugen und Waffen getragen wird.

Die Damenröcke wirken zwar ebenfalls wie «Tenue blau», sind aber aus umgekehrtem, neuem Jeansstoff genäht. Denn der hat an der Innenseite das für die alte Arbeitskleidung typische Blaugrau. Die Frauen hätten bei den Proben gewünscht, sich «kraftvoller und femininer» zu fühlen, erzählt Butzkies. Beim ersten Durchlauf mit einigen Prototypen habe man rasch gemerkt, dass die Bewegungsfreiheit nicht durch zu schwere Stoffe oder zu weit gebauschte Röcke eingeschränkt werden dürfe.

Als Oberteile dienen neue Stücke aus den Kollektionen von gängigen Modeketten. Eva Butzkies lacht: «Wir haben Glück, dass die Pluderärmel grad wieder Mode sind.» So muss sie mit ihrem Team die Blusen nicht auch noch nähen. Denn auch so haben sie alle Hände voll zu tun.

100 JAHRE REISSVERSCHLUSS

Auch bei den Männerkostümen kommen alte Armeemäntel, Hosen und Jacken vom «Tenue blau» sowie Fundstücke aus dem Secondhand zum Einsatz. Vor allem aber ist bei den Männern die Gesichtsbehaarung ein Thema. Butzkies sagt: «Wir haben sie gebeten, sich Schnäuze wachsen zu lassen.»

«Wir wollen eine Brücke
schlagen in die heutige Zeit.»

Auch sonst ist jedes Detail gut durchdacht, und vieles ist mit historischer Bedeutung aufgeladen. Zum Beispiel die Reissverschlüsse, die vor 100 Jahren erfunden wurden. Butzkies erklärt: «Sie stehen für den Übergang vom Handwerk zur Indus­trialisierung. Und darum ging es ja auch beim Landesstreik. Und um die Teilhabe. Die Arbeitenden wollten teilhaben an der Gesellschaft und am Wohlstand.» Darum sollen auch beim Theaterprojekt möglichst viele Menschen einbezogen werden, «alle nach ihrer Zeit und ihren Möglichkeiten». Dafür stehen symbolisch die Knöpfe, die bunt zusammengewürfelt als Zierde auf die Kostüme genäht werden. Butzkies erzählt, viele der Mitwirkenden hätten Knöpfe von der Grossmutter oder aus dem eigenen Nähkästchen beigesteuert, «insgesamt wurden zwei grosse Papiersäcke voll Knöpfe gespendet, und die haben alle eine Geschichte!».


Spektakel in OltenJetzt Tickets kaufen

Es soll das Theater-Grossereignis des Jahres werden: Das Stück «1918.CH – 100 Jahre Landesstreik» kommt vom 16. August bis 23. September 2018 in der alten Hauptwerkstätte beim Bahnhof Olten zur Aufführung. Rund 20 Theatergruppen aus allen Landesteilen der Schweiz machen mit bei der Grossproduktion von Regisseurin Liliana Heimberg. Ticketvorverkauf und weitere Hinweise gibt’s auf der Website www.1918.ch.

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