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Buchhändlerin Anna Christen: «Das hat schon etwas Verrücktes»

Patricia D'Incau

Anna Christens Herz schlägt für Bücher, Politik und Fussball. In ihrer Buchhandlung «Klamauk» hat sie alle drei Leidenschaften vereint.

AUS LEIDENSCHAFT. Buchhändlerin Anna Christen (31) hat sich den Traum von der eigenen Buchhandlung erfüllt. (Fotos: Severin Nowacki)

Aus dem Schaufenster an der Postgasse 38 in Bern grüssen die Helden der Kindheit. Das doppelte Lottchen und der gestiefelte Kater. Till Eulenspiegel und das fliegende Klassenzimmer. Emil und seine Detektive.

«Ich liebe Erich Kästner», erzählt Anna Christen, während sie sich über eine graue Postkiste bückt. Buch für Buch nimmt sie in die Hand, inspiziert es kurz, legt es auf einen Stapel. Neuerscheinungen, Kundenkäufe, Nachbestellungen – die morgendliche Lieferung zu sortieren gehört zur täglichen Routine der Buchhändlerin.

Manchmal halten die grauen Kisten auch kleine Überraschungen bereit. Heute ist es ein flaches Päckchen, leuchtend gelb. Christen dreht es zwischen den Händen. Wieder ein Kästner – dieses Mal nicht als Buch, sondern als Schallplatte. Christen strahlt. «Ich habe grosse Hochachtung vor diesem Autor», sagt die 31jährige. Kästner war ein Verfolgter, im Zweiten Weltkrieg wurden seine Bücher verbrannt. «Trotzdem hat er es geschafft, in einer solch dunklen Zeit noch unbeschwerte Kinder- und Jugendliteratur zu schreiben, die aber – wenn man zwischen den Zeilen liest – doch noch Botschaften haben», erzählt Christen. Das finde sie «oben use».

FUSSBALLECKE. In Anna Christens Buchhandlung, dem «Klamauk», hat Kinderliteratur deshalb einen festen Platz. Aber nicht nur. Rund 6000 Bücher habe sie an Lager und im Laden, sagt Christen. Romane und Krimis, Biographien und Mundartliteratur, Bestsellerautoren und Erstlingswerke.

Dazu kommen Christens Spezialitäten: die Politabteilung mit linker Literatur, wo neben Klassikern wie Karl Marx auch Bücher zu Themen wie Rechtsextremismus, Hausbesetzungen und Migration stehen. Dann die Tablare mit Prüfungslektüre für angehende Maturandinnen und Maturanden. Und zuletzt, ganz hinten im Laden: eine Fussballecke, ausstaffiert mit Spieler- und Trainerbiographien, Bücher zu Fan-Kultur und Comics. Selbst aus Zürich reist mittlerweile Kundschaft an, um sich hier mit Fussballlektüre einzudecken.

ALLROUNDERIN. Vom Bestellen übers Einräumen bis zum Verkauf und zur Inventur macht Anna Christen alles selber. Bei der Entscheidung, was ins Sortiment kommt, verlässt sie sich auf Erfahrungswerte und Bauchgefühl. Zweimal im Jahr hat sie die Qual der Wahl: Dann stapeln sich auf der kleinen Ladentheke dicke Verlagskataloge. Mit Vorschauen auf Neuerscheinungen. Christen arbeitet sie alle durch: «Ich schaue, was mich interessiert, wo ich noch Fragen habe oder was schon klar ist, dass ich es ­bestelle.» Die Bücher, die es schliesslich bis in Christens ­Regale schaffen – über hundert Neuerscheinungen sind das pro Halbjahr –, hat sie fast alle bereits im voraus gelesen. «Ich gebe mir Mühe, dass ich etwa 85 Prozent meiner Bücher gelesen habe», sagt Christen. Nur so lasse es sich bei der Kundenberatung herausspüren, welches Buch zu wem passe. Denn: «Das ist, was eine kleine von einer grossen Buchhandlung unterscheidet: die persönliche Beratung.»

KÄSTNER-FAN: Buchhändlerin Anna Christen liebt Erich Kästner, weil er in der dunklen Zeit des Zweiten Weltkrieges unbeschwerte Kinder- und Jugend­bücher mit einer Botschaft geschrieben hat.

PLÖTZLICH CHEFIN. Nach fast drei Jahren im Geschäft kann Anna Christen sagen: «Es läuft gut.» Aber: Sich den Traum von der eigenen Buchhandlung zu verwirklichen – in einer Zeit, in der viele Geschäfte um ihre Existenz kämpfen –, «das hat schon etwas Verrücktes», sagt die Buchhändlerin mit einem Lachen.

Zumal sie im August 2015 nicht nur ihren «Klamauk» in der Berner Altstadt eröffnete, sondern auch eine Buchhandlung in Worb übernahm. «Zur Schmökerei» heisst sie heute – und war so in Christens Plänen ursprünglich nicht vorgesehen. Doch weil dem Geschäft die Schliessung drohte und den Angestellten die Entlassung, beschloss Christen, es zu kaufen. So wurde sie – damals 28 Jahre alt – von einem Tag auf den anderen Geschäftsführerin. Und Vorgesetzte von fünf Mitarbeitenden. Für sie sei aber von Anfang an klar gewesen, dass sie keine klassische Chefin sein wolle. Während sie sich in Bern um den «Klamauk» kümmert, ist ihr Team in Worb weitgehend selbständig. Eine Befehlskette von oben nach unten gibt es nicht. Alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Nach dem Prinzip der Basisdemokratie, so wie es Christen aus ihrem langjährigen Engagement in der Berner Reitschule kennt. Sie ist überzeugt: «Wenn die Leute wirklich mitbestimmen können, machen sie ihren Job lieber.»

Wichtig seien dabei die Arbeitsbedingungen. Ihrem Team zahlt Christen mehr als den Mindestlohn von 4000 Franken, statt vier Wochen Ferien gibt es fünf. Ausserdem freut sie sich, wenn ihre Leute in der Gewerkschaft sind. Schliesslich ist auch sie noch immer Mitglied bei Syndicom. Darüber, wie die Unternehmer sich jahrelang gegen Mindestlöhne gestellt haben, ärgert sie sich mindestens genauso wie über die Schleuderpreise, zu denen an manchen Orten Bücher verkauft werden.

Aber auch wenn es Schattenseiten gibt: Anna Christen liebt ihren Beruf. Und was bleibt, wenn man sich mit Anfang dreissig den grössten Traum schon verwirklicht hat? «Luege, das es verhäbt», sagt die Bernerin und lacht.


Anna Christen Vielleserin

Die Bücher waren schon immer da, seit Anna Christen (*1987) denken kann. An Lektüre mangelte es daheim in Oberburg BE nie. Kein Wunder also, dass sie schon lesen konnte, bevor sie überhaupt eingeschult wurde.

In ihrer Jugendzeit verschlang sie alles, was sie zum Zweiten Weltkrieg finden konnte. Die Bücher, sagt sie, hätten sie geprägt. Bis heute ist sie überzeugte Antifaschistin.

AKTIVISTIN. Eigentlich wollte Anna Gymnasiallehrerin werden. Nachdem sie zweimal knapp durch die Matur gerasselt war, begann sie aber in der Buchhandlung Lüthy in Biel die dreijährige Lehre zur Buchhändlerin EFZ. Daneben engagierte sie sich in der Berner Reitschule.

In der Fussballsaison steht sie für «ihren» Club, die Berner Young Boys, in den Stadionrängen. Nicht nur im Heimstadion ist sie dabei, sondern auch in der übrigen Schweiz und im Ausland. Seit sie sich selbständig gemacht hat, konnte sich Anna Christen noch keinen Lohn auszahlen. Weil das Geschäft gut läuft, wird es aber bald so weit sein.

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