Editorial

Vive la France!

Oliver Fahrni

Oliver Fahrni, Korrespondent work

Wächst der Spargel, zieht es manche in die Provence. Eine Schweizer Tradition. Der eine oder die andere schaut auch in Marseille vorbei. Heini hatte sich angekündigt, aber er blieb in Lyon hängen. Eisenbahnerstreik. «Fürchterlich», sagt er am Telefon, «da hat Frankreich zig Millionen Arbeitslose, und diese Leute streiken für ihre Privilegien.» Heini ist Unia-Mitglied. Eigentlich ein kritischer Kopf.

Sie kam mit dem letzten Zug. Beim ­Pastis sagt sie: «Frankreich ist so rebellisch. So chic. Und doch so rückständig. Die Leute wehren sich gegen jede Reform.» Pam arbeitet beim Fern­sehen. Ich habe ihr ein bisschen von der Realität der Eisenbahner erzählt. Sie fand, ich sei wohl schon «ziemlich gut integriert».

VON WEGEN PRIVILEGIEN. Es sei denn, man halte Löhne zwischen 1800 und 2900 Franken für Schicht- und Nachtarbeit und eine Pensionierung nach 42 Dienst­jahren in der fünftreichsten Ökonomie der Welt für Zustände wie im «Schlaraffenland» (NZZaS). work hat ein bisschen genauer hingeschaut (Seite 7).

Und von wegen Reformstau: Jede französische Regierung seit 1981 hat das Arbeitsrecht mindestens einmal umgebaut, und das Eisenbahnerstatut ist eine Dauer­baustelle. Genauer gesagt, eine Abbruchstelle. Denn was die neo­liberale Propaganda «Reformen» nennt, fährt immer nur in die eine Richtung. Am Ende geht es 90 Prozent der Bevölkerung schlechter.

Was ist gegen akzeptable Löhne zu sagen?

VON WEGEN SKANDAL. Viele Berufsleute in Frankreich chrampfen zu noch mieseren Löhnen als die Bähnler und Bähnlerinnen. Nur: Was ist eigentlich gegen halbwegs akzeptable Arbeits­bedingungen zu sagen? Der wahre Skandal liegt darin, dass Präsident ­Emmanuel Macron den Reichen und den Konzernen Milliarden schenkt, die Arbeitenden aber drücken will. Volkswirtschaftlich ist das absurd. Sozial sowieso. Ein Streik ist da noch das mindeste.

Das neoliberale Reformgerede, das seit 30 Jahren auf uns einprügelt, arbeitet mit dem sozialen Ressentiment. Bähnler Benjamin Cattiau, seit 14 Jahren bei der SNCF, sagt es so: «Jene, die 150’000 verdienen, wollen denen, die nur 1500 bekommen, einreden, das Problem seien die, die 2000 verdienen.» Diese Propaganda richtet mächtige Verheerungen in den Köpfen an. Nicht nur bei Heini und Pam.

Vive la grève!

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