Jean Ziegler ‒ la suisse existe

Verdingkinder: Die endlose Tragödie

Patricia D'Incau
Jean Ziegler

Jean Ziegler

Der 1. März war ein kalter Regentag. Der energische Lausanner Rechtsanwalt und Alt-Ständerat Luc Recordon hatte zur Pressekonferenz eingeladen. Thema: die endlose Tragödie der ehemaligen Verdingkinder.

Die Stimmung im Café Le Milan am ­Boulevard de Grancy in Lausanne war gedrückt. Kurz vor Konferenz­beginn war die Nachricht vom Bundesamt für Justiz aus Bern eingetroffen: Die ultimative Frist für die Einreichung der Entschädigungsgesuche bleibe der 31. März 2018. Dies sei im Bundesgesetz festgeschrieben, und nur das Parlament könne das mit einer Gesetzesrevision ändern.

WENIGE GESUCHE. Die Situation ist absurd: Von den rund 20’000 noch lebenden ehema­ligen Verdingkindern haben bislang nur um die 7500 ein Entschädigungsgesuch eingereicht. Das Bundesamt hat bis heute etwas mehr als 1200 Gesuche geprüft und bewilligt. Im Herbst 2016 hatte die Bundesversammlung einen Kredit von 300 Millionen Franken beschlossen. Jedes Opfer sollte 25’000 Franken erhalten. Zuvor hatte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga in glaubwürdigen, warmherzigen Worten für die häufig fürchter­lichen Verbrechen entschuldigt, welche die sogenannten Fürsorgebeamten der Kantone und Gemeinden an Zehntausenden von Kindern begangen hatten. Im Namen eines Gesetzes zur «administrativen Verwahrung», das von den deutschen Nazis hätte stammen können. Es wurde erst 1981 aufgehoben.

Viele haben nicht die Kraft, sich ihrer schmerzvollen Erinnerung zu stellen.

UNENDLICHES LEID. Warum sind so wenige Gesuche eingegangen? Etwas mehr als 85’000 Menschen, meist Kinder, wurden in Zuchthäusern, Erziehungsanstalten, Waisenhäusern oder Klöstern «verwahrt». Ledige junge Mütter wurden sterilisiert und ins Zuchthaus Hindelbank BE eingeliefert. Kleinkinder, die im «Bürgerlichen Waisenhaus» von Freiburg das Bett nässten, wurden von den dort regierenden Nonnen des Ordens Sainte-Agnes bis aufs Blut geschlagen. Das Bundesamt für Justiz prüft – zu Recht – jedes Gesuch genau. Die Antragstellenden müssen einen Fragenkatalog ausfüllen und Dokumente liefern, um ihre «Opfereigenschaft» zu beweisen. Diese Pflicht ist für viele Opfer unerfüllbar. Auch im hohen Alter haben sie nicht die Kraft, sich ihrer schmerzvollen Erinnerung zu stellen. Viele Opfer sind ­psychisch und auch physisch zerstört, und sie leben in schlimmster Armut.

KEINE VERJÄHRUNG. Wo ist Hoffnung? Im Bundesamt arbeiten vernünftige Menschen. Es muss gelingen, in Altersheimen mit den Opfern ins Gespräch zu kommen und sie zur Gesuchstellung zu bewegen. Diese Gesuche sollten dann trotz ihrer Verspätung noch bewilligt werden. Die schreckliche Tragödie darf nicht weitergehen. Für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt es keine Verjährung.

Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden ­Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Der schmale Grat der Hoffnung», ist im März 2017 auf deutsch erschienen.

1 Kommentar

  1. Daniel Kälin

    Ja genau! Herr Ziegler schreibt richtig: „Die schreckliche Tragödie darf nicht weitergehen. Für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt es keine Verjährung.“
    Und so müssten auch all die Zwangs- Sterilisationen und Massnahmen, Kastrationen, Entmündigungen und Menschenversuche an Unschuldigen ohne Einwilligung der Opfer endlich auf der ganzen Welt untersucht werden. Wenn man mit dem Buch von Thomas Huonker: „Anstaltseinweisungen, Kindswegnahmen, Eheverbote, Sterilisationen, Kastrationen. Fürsorge, Zwangsmassnahmen, „Eugenik“ und Psychiatrie in Zürich zwischen 1890 und 1970″ https://www.med-etc.com/soz/buch-hoelle/03_psychiatrie-holocaust.htm mal eine historisch wissenschaftliche Vorlage gibt, müsste man das mit den Dr. Josef Mengele Versuchen in KZs und CIA Mkultra Projekten (Mind Control), zu der „Greenbaum Speech“, zu den Mandschurischen Kandidaten „Muslim Terroristen“ und USA- mass shooters bis auf den heutigen Tag empirisch extrapoliert, dazu verwenden, alle westlichen Regierungen und ausführenden Behörden abzusetzen, sie juristisch à la Nürnberg zur Rechenschaft zu ziehen und diese Weltordnung zusammen zu stürzen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.