Genf: Logistik-Mitarbeitende streikten für einen Tag
Dicke Luft am Cern

Schlechte Löhne, eine krasse Entlassung: Jetzt haben die Logistiker die Nase voll.

STREIKENERGIE: Das Forschungszentrum Cern in Genf ist wegen seines Teilchenbeschleunigers weltberühmt. Doch die Mitarbeitende im sind unzufrieden. (Foto: Keystone)

Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Das renommierte Genfer Forschungszentrum Cern schasste einen 59jährigen Logistikmitarbeiter. Auf dreiste Art und Weise, wie Umberto Bandiera von der Unia Genf erklärt: «Wir haben die Kündigung als missbräuchlich angefochten.» 17 der 26 Logistikerinnen und Logistiker am Cern traten darauf einen Tag lang in den Streik. Frühmorgens stellten sie sich am Haupteingang auf und verteilten Flugblätter.

JOBS IN GEFAHR

Sie liefern intern Pakete und Ersatzteile aus, zum Teil auch gefährliches Material. Angestellt sind sie aber nicht vom Cern, sondern von der dänischen Gebäudeunterhaltsfirma ISS. Und genau das ist Teil des Problems: Wie andere öffentliche Betriebe hat auch das Cern vor einigen Jahren entschieden, Bereiche wie die Logistik auszulagern. Mit dem Resultat, dass jetzt bei jeder Ausschreibung die Anbieter die Preise und damit die Löhne drücken. So hat ISS kürzlich am Flughafen Genf einen Auftrag an die Securitas verloren. Das hat die Beschäftigten im Cern weiter verunsichert: Sollte ISS auch den Cern-Auftrag verlieren, stehen ihre Stellen auf dem Spiel.

DROHUNGEN

Die Angestellten wollen, dass die Unia darüber mit der ISS-Leitung spricht. Auch über ihre Anstellungsbedingungen. Zum Beispiel arbeiten sie 40 Stunden pro Woche – erhalten aber nur einen 90-Prozent-Lohn. Dazu kommen individuelle Ungerechtigkeiten.

Sie arbeiten 40 Stunden pro Woche, erhalten aber nur 90 Prozent Lohn.

Stéphanie Froidevaux* sagt: «Ich verlange einen gerechten Lohn und ein klares Pflichtenheft. Seit sechs Jahren verdiene ich nur 3600 Franken brutto, und es wurden in der Zeit mehrere neue Leute angestellt, die viel mehr verdienen.» Und Didier Muller * fügt hinzu: «Unsere Arbeitsbedingungen verschlechtern sich, wir haben immer mehr zu tun, aber seit sieben Jahren keinen Rappen Lohnerhöhung bekommen. Und sobald jemand pieps macht, heisst es, hier ist die Türe, du kannst gehen.» So erging es dem 59jährigen Arbeiter Jérôme Peroni *: «Letztes Jahr bat ich, wegen Rückenschmerzen in einen anderen Dienst versetzt zu werden. Daraufhin wurde ich entlassen. Dabei hatte ich all die Jahre immer die Prämie von 200 Franken für gute Arbeit bekommen. So schlecht habe ich dann ja wohl nicht gearbeitet.»

DIDIER MULLER*: «Unsere Arbeitsbedingungen verschlechtern sich, wir haben immer mehr zu tun, aber seit sieben Jahren keinen Rappen Lohnerhöhung bekommen. (Foto: Neil Labrador)

Die Unia hat die ISS zu einem Gespräch aufgefordert. Doch es kam keine Antwort. Erst durch den Streik kam Bewegung in die Sache. Auf Anfrage von work sagt ISS-CEO André Nauer, man sei bereit, die Unia zu treffen und ihr auch die Gründe für die umstrittene Entlassung darzulegen: «An der Kündigung halten wir aber fest.» Denn diese sei gut begründet.

Die Unia hat jetzt die Schlichtungsstelle des Kantons Genf angerufen. Auf diesem Weg sollen endlich Verhandlungen zustande kommen. Wenn nicht, sagt Unia-Mann Bandiera, «werden wir wieder streiken».

In Zusammenarbeit mit der Gewerkschafts­zeitung L’Evénement syndical
* Namen der Redaktion bekannt


ISS Schweiz AG Reinigungsriese

Die Firma ISS Schweiz AG hat ihren Hauptsitz in Zürich, ist aber auch in der Westschweiz und im Tessin tätig. Letztes Jahr beschäftigte sie über 12’000 Mit­arbeitende und erwirtschaftete einen Umsatz von fast 800 Millionen Franken.

KONFLIKTE. Die Firma wurde im Jahr 1967 in Genf unter dem Namen Swan Clean als Tochter­gesellschaft eines dänischen Security-Unter­nehmens gegründet. Erster Grosskunde war damals das Cern, wo die heutige ISS zuerst nur die Fenster und bald das ganze Gebäude reinigte. Später kamen Grossaufträge für die Uno in Genf dazu. Heute zählen nebst dem Cern zu den Hauptkunden von ISS die Novartis, die Swisscom sowie die Flughäfen Genf und Zürich. Im Flughafen Genf ist es bereits 2010 zu einer Auseinandersetzung der ISS mit der Unia ge­kommen.

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