Der französische Präsident pflegt die soziale Verachtung

«Leute, die nichts sind»

Oliver Fahrni

Macron beleidigt Arme und Arbeitslose als «Tagediebe». Unter der glatten Pariser Politur ist er brutal einfach gestrickt.

DER BESSERWISSER: Präsident Emmanuel Macron. (Foto: Keystone)

Kürzlich gab es eine Szene mit französischen Rentnern. Präsident Macron (41) federt aus dem Dienstwagen und beginnt mit dem Händetätscheln, um für seinen Rentenabbau zu werben: «Sie müssen Opfer bringen.» Küsschen. Da sagt eine Frau: «Sie fressen uns auf, Herr Präsident. Ich habe 44 Jahre lang gearbeitet, und jetzt habe ich weniger als 800 Euro zum Leben.» Macron sofort: «Das stimmt nicht!» Er sagt nicht: «Wie kann das sein?» Er weiss nichts über die Verhältnisse dieser Frau, aber er weiss es besser. Schliesslich hat er ja Eliteschulen absolviert. Schliesslich ist er reich. Schliesslich ist er Präsident.

GLATT POLIERT. Manchmal geht es mit Macron einfach durch. Seit seine Umfragewerte sinken, immer häufiger. Da werden aus Arbeitslosen «Tagediebe», aus Armen «Leute, die nichts sind», und wer einen Widerspruch wagt, hört sich «Analphabet» geschimpft. Und wehrt sich jemand gegen Entlassungen, will der nur «foutre le bordel», eine derbe Formulierung für «den Laden aufmischen». Natürlich hat man ihn danach nur falsch verstanden. Er pflege halt ein «komplexes Denken», sagt er. Tatsächlich aber ist sein Weltbild, unter einer glatten Pariser Politur, brutal einfach gestrickt. Er allein weiss, was für Frankreich gut ist. Sträuben sich die Fakten, sind sie selber schuld. Das zieht er durch, notfalls per Dekret.

SCHNELLER ABBAU. Eile treibt ihn an. Er muss möglichst schnell möglichst viel zerschlagen: Den Kündigungsschutz im Arbeitsrecht. Die Steuern für die Reichsten. Die Chancengleichheit beim Studium. Die paritätische Arbeitslosenversicherung. Das Rentensystem. Die Gesundheitsversorgung für alle. Das Eisenbahnerstatut. Seit der britischen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher hat kein europäischer Staatschef in so kurzer Zeit so heftig die soziale Ordnung demontiert. Macron kultiviert eine tiefe Verachtung für sozial Schwächere und erst recht für alle, die sich für Arbeitslose, Flüchtlinge und andere vom Leben Gebeutelte einsetzen.


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