Die Post-Spitze kommt bei den Angestellten schlecht weg

«Die Pause reicht nicht einmal für aufs WC»

Christian Egg und Patricia D'Incau

Die Schweiz diskutiert den Subventions-Bschiss bei den Postautos. Doch wie geht’s eigentlich den Post-Mitarbeitenden? work hat sich umgehört.

DIE ZEIT IST KNAPP: Ein Computer rechnet aufgrund der Anzahl Briefe aus, wie lange die Briefträgerinnen für ihre Tour maximal haben dürfen. (Foto: Keystone)

Der Postauto-Bschiss ist in aller Munde. Das Management machte Gewinnvorgaben, die nicht auf ehrlichem Weg erreicht werden konnten. Darum wurden Zahlen frisiert und zu hohe Subventionen kassiert. Nun ermittelt das Bundesamt für Polizei.

Der Postauto-Skandal ist eine Folge des Profitstrebens der bonusgetriebenen Post-Spitze um CEO Susanne Ruoff (Jahreseinkommen 2016: 974’178 Franken). Seit Jahren baut die Post den Service ab – und verschlechtert die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden (siehe unten). Nur oben wird schamlos abkassiert.

ANGST UND WUT AN DER BASIS

Durch alle Bereiche der Post hindurch berichten Beschäftigte von Zeitdruck, Frust und der Angst, die Stelle zu verlieren. Da ist zum Beispiel Jakob Lüscher *, der am Bahnhof Chur förmlich aus seinem Postauto herausspringt, um einer Passagierin mit dem Koffer zu helfen. Es ist wenige Tage nach dem Auffliegen des Skandals. «Sie haben uns gesagt, wir müssten jetzt besonders hilfsbereit sein», sagt er. Sein Kollege Walter Bösch *, Mitte fünfzig, grauer Schnauz und Glatze, steuert sein Poschi routiniert durch den Berner Mittagsverkehr. Zum work-Reporter sagt er: «Das ist eine Riesensauerei der Chefs. Wir Chauffeure werden mit verdeckten Kontrollen überwacht. Wenn das Namensschild fehlt oder das Radio zu laut ist, gibt’s einen Zusammenschiss. Aber bei denen oben hat offensichtlich niemand richtig hingeschaut.»

Viktor Liechti *, jünger und mit dunkler Sonnenbrille, schildert den Profit- und Zeitdruck, den das Post-Management in den letzten Jahren bis zum Geht-nicht-mehr erhöht hat. Früher gab es zwischen zwei Postautokursen sechs, sieben Minuten Pause. «Heute sind es noch zwei Minuten», sagt Liechti. «Das reicht nicht einmal, um aufs WC zu gehen.»

«Wer nicht schnell genug ist, muss antanzen.»

MANAGEMENT PER STOPUHR

Am Postschalter heisst das neue Führungsinstrument «KGS». Die Abkürzung steht für «Kundengeschäfte pro Schalterstunde». Bei der Päcklipost wird Leistung in «Päcklisekunden» gemessen: So viele Sekunden, um ein Päckli zuzustellen. Und bei den Briefträgerinnen und Briefträgern rechnet das System aufgrund der Anzahl Briefe jeden Morgen aus, wie lange sie für ihre Tour brauchen dürfen, danach wird eine Rangliste erstellt. «Wer zu langsam ist, muss antanzen», sagt Klara Schmid *, 51 Jahre, aus der Nordwestschweiz.

AUSLAGERN UND LÖHNE DRÜCKEN

Weil die Post laufend Poststellen schliesst, ist beim Schalterpersonal die Angst um den Job allgegenwärtig. Post-Mitarbeiterin Laure Wenger * (56) sagt zu work: «Mit meiner Entlassung muss ich früher oder später rechnen.» Fast alle Kolleginnen und Kollegen seien auf der Suche nach neuen Stellen: «Junge finden einen Job bei Banken. Ab 40 geht nicht mehr viel, und für noch Ältere ist es fast unmöglich.»

Besonders schlecht dran sind die Angestellten der Presto AG. Sie liefern frühmorgens Zeitungen in die Briefkästen. Presto-Leute haben deutlich schlechtere Löhne als Briefträger. Das war nicht immer so, erzählt Thomas Bucher * aus Basel. 2009, bevor die Post die Firma aufkaufte, betrug sein Stundenlohn 23 Franken 50. «Heute sind es noch 17 Franken 65.»


20 Jahre gelber Riese: Vom Grundversorger zum Profitkonzern

Lohndruck und Serviceabbau für Angestellte und Bevölkerung – höhere Boni und Millionen­gewinne für Kader und Staatskasse.

Ulrich Gygi ist 1998 Konzernleiter. (Foto: Keystone)

1998 Aus der PTT werden die Schweizerische Post und die Swisscom. Post-Konzernleiter ist Ulrich Gygi (SP). Die Post wird zum öffent­lichen Konzern mit Verwaltungsrat und Management und den drei Bereichen Post, Postauto und Postfinance. Sie soll die Grundversorgung gewährleisten und eigenwirtschaftlich sein.

2001 Die Post beschliesst den Abbau der Poststellen von 3’500 auf 2’500.

2002 Die Post will die durch Absenzen und Unfälle bedingten Lohnkosten um 50 Millionen Franken senken.

2005 Die ersten Postagenturen in Dorfläden anstelle von Filialen gehen in Betrieb. Die Post fährt einen Rekordgewinn von 837 Millionen Franken ein.

2006 Die Post setzt ihre Paket­boten und Briefträger mit engen Zielvorgaben unter Druck.

2008 Die Post lagert die Reinigung aus. Gegen 2500 Mitarbeitende haben jetzt «marktübliche», d. h. tiefere Löhne.

2009 Die Post übernimmt die Presto AG, die frühmorgens Zeitungen zustellt. Die Mehrzahl der ohnehin schlechten Löhne sinkt.

2011 Die Post übernimmt von Tamedia die Genfer Firma Epsilon, die in der Westschweiz Adressen bewirtschaftet und Zeitungen verteilt. Sie untersteht keinem GAV. Prekäre Löhne von 6 Franken pro Stunde werden publik.

2012 Susanne Ruoff wird neue Konzernleiterin. Sie will die Löhne der 7200 Schalterangestellten senken. Diese sollen nicht mehr als 10 bis 12 Prozent über denjenigen im Detailhandel liegen.

2015 wurde die ganze Camion-Flotte ausgelagert. (Foto: Keystone)

2015 Die Post lagert ihre Camion­flotte von Post Logistics aus. Der Konzern macht einen Gewinn von 645 Millionen Franken. Den 180 Betroffenen drohen tiefere Löhne, weil sie keinem GAV mehr unterstehen. Die Chauffeure wehren sich mit Protestpausen in den Logistikzentren in Cadenazzo TI und Ostermundigen BE.

2016 Die Post will bis 2020 die Kosten bei der Verwaltung (Finanzen, Personal, Kommunikation) um 30% senken.

2017 Sparprogramm und Re­organisation bei Postfinance. 120 Angestellte der Belegver­arbeitung werden zu Post Solutions verschoben. Dort gilt ein schlechterer GAV mit tieferen Löhnen. Reorganisation der Post-Informatik: Kosten sollen um 15% gedrückt werden.

Unter Susanne Ruoff kommt es 2018 zum Subventions-Bschiss. (Foto: Keystone)

2018 Der Skandal bei Postauto mit Um- und Scheinbuchungen zur Verschleierung von unerlaubten Gewinnen bei den Regionallinien platzt. Susanne Ruoff, Konzernchefin, und Urs Schwaller, Verwaltungsratspräsident, und Bundesrätin Doris Leuthard geraten unter Druck. Der «Tages-Anzeiger» rechnet vor, dass die Löhne und Boni der Post-Kader von 2006 bis 2016 um 24% gestiegen sind. Der Bonusanteil erhöhte sich von 24% auf 31%. (rh)

3 Kommentare

  1. Mathys Daniel

    Ich bin selber Paketbote in Basel. Ich stimme all den obeten Berichten voll und ganz zu. Auch wir werden ständig kontrolliert… oder schikaniert von oben. Auch wir haben kaum Zeit für Kunden weil wir sehr gestresst sind. Auch bei uns werden die Löhne gedruckt. Für jede Kleinigkeit die wirklich belanglos ist, werden wir zur Rechenschaft gezogen. Doch iben werden wir und der Staat um Millionen betrogen. Oben werden super Gehälter und Bonis aus gezahlt. Und unten fällt fast gar nichts an.
    Unsere Chefin sollte mal 2Wochen als Paketzudtellerin unterwegs sein. Da würde Sie mal auf die Welt kommen und sehen was Sie hunderten von Mitarbeiter/innen jeden Tag zumutet und körperlich und spychisch antut. Wir werden kaputt gewirtschaft und wenn es nicht mehr geht … einfach abgeschoben/entlassen.
    Ich könnte noch Stundenlang über unseren sehr schlechten (schlecht gewordenen) Arbeitgeber reden. GRÜSSE AN ALLE KOLLEGEN… HALTET MSL ZUSAMMEN UND WEHRT EUCH.

  2. Steiner H.

    Hier sieht man richtig, wie die Mitarbeiter seit 1998 beraubt und abgeschafft werden !
    und trotz Skandale geht alles munter und froh weiter wie nichts geschehen ist.
    mit anderen worten, die Manager/innen gehen über laichen.
    Muss die Post an die Wand gefahren werden, wie vormals die Swissair ?

  3. Grütter Rolf

    Ich war Briefträger bei der Post wird gepusht bis zum Teufel komm raus, die schwachen bleiben auf der strecke habe es am eigenen leib erfahren

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