Digitaler Wandel: Unia präsentiert Umschulungsmodell für die Industrie

Die 4.0-Software fürs Gehirn

Ralph Hug

Warten, bis der Roboter alle ­arbeitslos macht? Nein, findet die Unia. Und legt mit der «Berufspasserelle 4.0» ein Weiterbildungskonzept für die Arbeitnehmenden vor.

BEREIT FÜR DIE ZUKUNFT: Das Ausbildungsprogramm der Unia möchte Arbeitnehmende auf die digitale Berufswelt vorbereiten. (Foto: Fotolia)

Alle reden von der Digitalisierung. Studien sagen massive Jobverluste voraus. Nur das Ausmass ist umstritten. Dass sich die Arbeitsplätze auch in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) rasant verändern, ist sonnenklar. Unia-Industriechef Corrado Pardini sagt: «Wir müssen die Arbeitnehmenden in diesem Wandel unterstützen.» Es brauche nicht nur eine Agenda für die Industrie 4.0, sondern auch eine für Arbeit und Bildung 4.0. Die Digitalisierung müsse sozial umgesetzt werden. Schon seit längerem denkt man in der Unia-Zentrale darüber nach, wie das geschehen könnte. Pünktlich zum Start der Verhandlungen über den neuen MEM-Gesamtarbeitsvertrag liegt nun das Konzept Berufspasserelle 4.0 vor.

«Die Passerelle 4.0 ist ein Teilzeit­studium.»

AM SCHLUSS WINKT FACHDIPLOM

Der Plan ist, dass Sozialpartner und Staat einen neuen Träger für Umschulungen und Weiterbildung auf die Beine stellen. Dieser soll berufsbegleitende Kurse und Module anbieten. Sie sollen dazu befähigen, den digitalen Wandel in der Industrie zu bewältigen. Manuel Wyss hat am Konzept mitgearbeitet und führt die GAV-Verhandlungen. Er sagt: «Der Besuch der Passerelle 4.0 ist ein Teilzeitstudium.» Das heisst, es wird einiges abverlangt. Der Umgang mit digitalen Technologien steht ebenso im Zentrum wie zum Beispiel Sprachkompetenz. Nach dem Studium legt man eine Prüfung ab und erhält am Schluss ein Berufs-Fachdiplom, analog einem Fachhochschulzeugnis.

Warum 4.0?

«Industrie 4.0» heisst so, weil bisher vier Revolutionen die Entwicklung der Industrie prägten. Zuerst kamen am Anfang des 19. Jahrhunderts Webstuhl und Dampf­maschine (1.0). Dann ­stiegen nebst Textil, Eisen und Stahl auch die Chemie- und Elektroindustrie sowie die Fliessbandarbeit zu ­führenden Faktoren auf (2.0). In den 1970er Jahren wurden erste Computer eingesetzt, die Automatisierung nahm Fahrt auf und ver­änderte die Fabrikproduktion (3.0). Jetzt im 21. Jahr­hundert ist 4.0 dran: Das ­Internet vernetzt Mensch, Maschine und Produkt in Echtzeit, die digitale Revolution rollt an.

AUCH ARBEITGEBER DISKUTIEREN

Und wer zahlt das? Im Modell der Unia ist eine paritätische Finanzierung durch einen Fonds der Sozialpartner vorgesehen. Ob der bestehende Fonds dafür ausreicht, ist jedoch fraglich. Eine Mitfinanzierung durch den Staat ist nötig. Die Arbeitslosenversicherung kennt solche Hilfen für den Arbeitsmarkt. «Die Details sind noch zu diskutieren», sagt Wyss. Wichtig sei, dass die finanzielle Belastung der Teilnehmenden massvoll bleibe: «Sonst ist eine solche Weiterbildung nicht attraktiv.» Das Unia-Modell fordert zudem einen Kündigungsschutz während der Ausbildung sowie eine zwölfmonatige Anschluss­lösung, entweder im bisherigen oder im neuen Betrieb. Das alles soll im neuen GAV verankert werden.

Auch die Arbeitgeber haben ein 4.0-Umschulungsmodell ausgearbeitet. Dem Industrieverband Swissmem ist klar, dass in der digitalen Revolution kein Weg an Weiterbildung für die Berufsleute vorbeiführt. Nur auf Junge zu hoffen, die schon im Kinderzimmer am Laptop spielten, nützt wenig. An der ersten GAV-Verhandlungsrunde war die Umschulung von Erwachsenen bereits ein Thema. Weit auseinander liegen die Parteien in ihren Vorstellungen nicht. Es herrscht Optimismus. Unia-Industriechef Pardini sagt: «Ich glaube, das Ding kommt zum Fliegen.»

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