Job-Angst im Cailler-Dorf Broc FR:

Aus für Schoggi-Hasen?

Sabine Reber

Die ersten Maschinen sind schon weg. Die Osterhasen wurden heuer gar nicht mehr dort gegossen. Bleibt im freiburgischen Cailler-Dorf Broc bald nur noch das Schoggi-Museum?

MEIN NAME IST HASE. Die ersten Maschinen sind schon weg. Wo die Schoggihasen künftig produziert werden, weiss niemand. (Foto: Marco Zanoni)

Schon auf dem Carparkplatz riecht’s nach Schoggi. In Broc FR in den Greyerzer Hügeln liegt die Wiege der Schweizer Schokoladenkunst. So geht die hauseigene Geschichtsschreibung: Vor 200 Jahren hat Pionier Cailler hier begonnen, mit frischer Milch aus der Gegend Schokolade zu produzieren. Und noch heute wirbt Cailler alias Nestlé damit, dass man mit Milch aus der Region produziere. Und mit dem hauseigenen Schoggi-­Museum: Gerade schwärmt eine indische Touristengruppe aus der Tür und leckt sich die Finger. Im Cailler-Museum darf man nach Lust und Laune Schoggi probieren. Doch jetzt hat die Greyerzer Idylle plötzlich einen Riss bekommen: Die Traditionsschokolade Rayon und der Schoggistengel Chokito sollen künftig nicht mehr in Broc her­gestellt werden. Mehr noch: Die Produk­tionslinie für die Hohlformen der Oster­hasen sei bereits im Winter demontiert worden, vermeldet die Freiburger Lokalpresse. Auf die Frage, wo denn all die Hasen her­gestellt würden, reagiert die Verkäuferin im ­fabrikeigenen Laden trotzdem erstaunt. Sie sagt: «Hier in der Fabrik natürlich, wo denn sonst?» Ihre Kollegin präzisiert, die hand­gemachten Hasen des «Atelier Cailler» würden bestimmt hier in Broc hergestellt. Bei den Industriehasen könne sie das nicht garantieren.

SCHOGGILAND: Die Cailler-Fabrik in Broc, Kanton Freiburg. (Foto: Markus Geiger)

NACH ENGLAND VERLAGERT

In Broc herrscht Verunsicherung. Die Leute in der Cailler-Fabrik fürchten um ihre Jobs. Die Nestlé-Direktion sendet ambivalente Zeichen aus. Erst im letzten Jahr hat der Konzern der Schoggi ein frisches Design verpasst. Nestlé-Pressefrau Nina Kruchten sagt dazu: «Wir haben die Marke Cailler im Jahr 2017 relauncht und damit unser Engagement für die ­Fabrik in Broc unterstrichen.» Und nun plötzlich wird die Produktion der Cailler-Hasen ausgelagert? Klar, dass die Mitarbeitenden beunruhigt seien, sagt Unia-Gewerkschafter Armand Jacquier. Und: «Bis jetzt ist jedoch kein Stellenabbau angekündigt worden.» Dennoch ist die Auslagerung der Schoggi­hasen Dorfgespräch. In der Molkerei reden die Kundinnen über die Zukunft der Fabrik. «Alles wird doch ins Ausland verlagert, weil wir in der Schweiz zu teuer sind», sagt die eine. Im Tea-Room Hauser stellt die Serviererin ein Krüglein Greyerzer Doppelrahm zum Kafi und meint: «Schon das Forschungszentrum haben sie nach England verlagert. Vielleicht zügeln sie auch die Schoggi dorthin.» Der junge Gast an der Theke zuckt mit den Schultern: «Wenn nicht mehr hier produziert wird, wird unser Museum wohl so hohl wie eine Hasenform. Dann wird es in Broc auch nicht mehr so fein nach Schoggi riechen.»

«Ist das Cailler-Museum
bald so hohl wie eine Hasenform?»

HAUPTSACHE, DIE MENGE BLEIBT GLEICH

Das mit dem Forschungszentrum ist für Claude Cretton ein schwerer Dämpfer. Als Gemeinderat von Broc ist der FDP-Mann für die Finanzen und die Wirtschaft im Dorf zuständig. Noch im Fe­bruar 2010 hatte Bundesrätin Doris Leuthard das neue Schokoladen-Forschungszentrum mit grossem Tamtam eingeweiht. Jetzt, im Januar, hat es Nestlé ohne viel Lärm nach England verlagert. Dabei seien rund 20 von 350 Arbeitsplätzen in Broc verloren gegangen, sagt Cretton. Trotzdem will er optimistisch bleiben: «Solange die Schoggimasse hier mit Milch aus der Umgebung hergestellt wird, habe ich kein Problem mit ­einer Auslagerung des Hasen­giessens.» Giessen und Verpacken sei nur ein kleiner Teil der Fertigung. Und schliesslich achte man von der Gemeinde genau darauf, dass die Produktion in Broc insgesamt nicht abnehme. Cretton: «Bis jetzt ist sie konstant geblieben.» Ein bisschen nervös seien sie auf der Gemeinde aber schon.

GEHEN SIE ZUR MIGROS?

Wohin müssen die Oster­hasen von Broc? Alle rätseln, niemand weiss es. Nestlé-Pressechefin Nina Kruchten bestätigt gegenüber work ­lediglich, dass die Cailler-Hasen nun «auf der Basis der Cailler-Schokoladenmasse extern hergestellt werden». ­Ansonsten kommentiere man keine Marktgerüchte und Handelsbeziehungen. Könnte es sein, dass die Produktion von Rayon, Chokito und das Giessen der Hasen auf verschiedene Fabriken verteilt wird, je nachdem, wer gerade Kapazitäten frei hat? Branchenkenner halten das für wahrscheinlich. Chocosuisse-Direktor Urs Furrer meinte zu work: «Hauptsache, die Schokolade wird in der Schweiz hergestellt!» Mehr wollte er zu den Cailler-Hasen aber auch nicht sagen. Die luftige Rayon-Schoggi, die gehe sicher zur Migros-Tochter Chocolat Frey, meint ein Arbeiter auf dem Weg in den Feierabend. Aber die Hasen?

P. S. Auch in der Bäckerei Kilian riecht es heftig nach Schoggi. Aber nicht von der Nestlé-Cailler. Hier betont die charmante Verkäuferin: «Unsere Hasen, die sind hausgemacht, die giesst Chef ­Kilian nämlich selber! Das kann ich Ihnen garantieren, ich habe sie eigenhändig verpackt.»

EIN GENUSS: 16 Millionen Hasen für die Schweiz. (Foto: Marco Zanoni)

Schoggiland Schweiz: Am liebsten grosse Ohren

In der Schweiz werden ­jedes Jahr schätzungsweise 16 Millionen Osterhasen produziert. Das macht durchschnittlich zwei Hasen pro Person. Allein die Migros-­Produzentin Chocolat Frey stellte heuer 9 Millionen Schoggi­hasen her. Über das ganze Jahr gesehen, betrug der Schoko­ladekonsum in der Schweiz im Jahr 2017 laut Choco­suisse 10,5 Kilo pro ­Person, wovon 550 Gramm in Form von Osterschoggi vernascht wurden.

ZUERST DIE OHREN. Weil seit letztem Jahr die Schokoladefabrik Pfister aus Illnau ZH nun im französischen Strassburg produziert, gibt es in der Schweiz noch 17 Schokoladefabriken. Sie ­beschäftigen rund 4600 Mit­arbeitende. Am beliebtesten sind laut Branchenkennern die Schoggi­hasen mit den grössten Ohren. Eine Umfrage von Chocolat Frey ergab, dass 58 Prozent der Schleck­mäuler den Schoggihasen zuerst die Ohren abbeissen. Rund 15 Prozent der Befragten zerschlagen zuerst den ganzen Hasen, bevor sie ihn aufessen. (sr)

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