Kahlschlag bei General Electric: Ein Insider berichtet

«Der Abbau ist finanzgetrieben»

Sabine Reber

1400 Stellen will General Electric (GE) im Aargau streichen. Thomas Bauer, Chef der GE-Personalkommission, weiss, was dahintersteckt.

ANGST GEHT UM: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von General Electric in Baden. (Foto: Blick)

Baden, Brown-Boweri-Platz 1, 7. Dezember, 11 Uhr morgens: Der gläserne Koloss ragt kalt in den Winterhimmel. Am Hauptsitz von General Electric Schweiz fällt der Blick durch die Glastüren auf einen Tannenbaum mit silbrigem und blauem Lametta. Vor dem Eingang hängt schlaff eine Amerikafahne. Daneben, ebenso schlaff, eine Schweizer Fahne. Drinnen erfahren die Mitarbeitenden des Standorts Baden, was der oberste GE-Chef John Flannery mit ihnen vorhat. Auf dem grossen Bildschirm flackert das Wort «Marktanalyse» auf. Versteinerte Gesichter. Angespanntes Warten. Um 11.15 Uhr die Gewissheit: 1400 Stellen werden gestrichen.

work: Thomas Bauer, wie nehmen die Mitarbeitenden die Hiobsbotschaft aus den USA auf?
Thomas Bauer: Die Auswirkung des Abbauplanes wurde den Mitarbeitenden von den jeweiligen Businessleadern per Videostream in englischer Sprache mitgeteilt. Dazu kam eine deutschsprachige Präsentation. Der Schock ist riesig, hier in Baden sollen rund 1100 Stellen gestrichen werden! In Birr kommen weitere 250 Stellen weg, in Oberentfelden 50. An allen drei Standorten herrschen Wut und Ungewissheit. Und das drei Wochen vor Weihnachten!

  • GE stellt im Aargau Gasturbinen her und beschäftigt Fachleute aus hundert verschiedenen Ländern: Ingenieure, Forscher, Techniker usw. Nicht wenige von ihnen sind mit ihren Familien in die Schweiz gezogen. Haben ein Einfamilienhäuschen gekauft, ihre Kinder gehen hier zur Schule und sprechen Schweizerdeutsch.

Wissen Sie, welche Abteilungen es vor allem treffen wird?
Thomas Bauer: Ja, ich kenne den vorgelegten Plan im Detail, da er dem Europäischen Betriebsrat vorgelegt wurde. Der Plan folgt nicht wirklich einer sinnvoll industriellen Logik, sondern ist finanzgetrieben und muss verhandelt beziehungsweise verhindert werden.

  • Schon 2015/16 baute GE im Aargau 1300 Stellen ab. Damals dauerte es ganze neun Monate, bis der Konzern bekanntgab, wer entlassen werde und wer bleiben dürfe. Diesmal hat der europäische Betriebsrat ein etwa 500seitiges Dossier erhalten. Darin erklärt das amerikanische Management seine Abbaupläne. Das Dokument beinhaltet aber keine Strategiepläne für die Zukunft der europäischen Standorte.

Thomas Bauer (Foto: Sabine Reber)

Sie sind auch Mitglied im europäischen Betriebsrat. Was will CEO-Neuling John Flannery eigentlich?
Thomas Bauer: Wir müssen sein Dossier erst gründlich studieren. Eines ist aber ganz klar: GE hat sich bei der Übernahme von Alstom verspekuliert und die Marktchancen besser beurteilt, als sie sind. Die Überkapazitäten sollen nun in der Schweiz, Deutschland, England und auch in anderen europäischen Ländern abgebaut werden. Dabei nimmt GE keine Rücksicht auf die Mitarbeitenden, ihre Familien oder die Lieferanten. Selbst Kunden – und somit auch die zukünftigen Aufträge – sind in diesem Plan unwichtig. Was Chef John Flannery will: den Profit für die Dividenden der Aktionäre!

Die Mitarbeitenden in der Schweiz sind von diesen Plänen überproportional betroffen. Es ist nach wie vor so, dass hier die Mitarbeitenden und ihre Personalvertreter die schwächeren Mitwirkungsrechte haben als zum Beispiel in Deutschland oder Frankreich. Wir müssen uns starkmachen und gemeinsam gegen den Plan mobilisieren.

Stimmt es, dass der Gasturbinen- Markt weltweit zusammengebrochen ist?
Thomas Bauer: Das ist zurzeit so. Die erneuerbaren Energien sind heute ganz klar auf dem Vormarsch. Nur, das Geschäft war und bleibt immer schwankend. Aktuell läuft es nicht in Europa, deswegen konzentriert GE seine Kapazitäten in den Ländern mit hohen Marktchancen, in Asien und in Afrika.

  • In Deutschland will GE ebenfalls 1600 Jobs streichen. Die Gewerkschaft IG Metall hat bereits Proteste organisiert. Wie schon 2015 wird Frankreich auch diesmal vom Abbau verschont. Dort hat die Regierung beim Verkauf von Alstom GE Bedingungen gestellt: kein Stellenabbau bis Ende 2018, und GE muss 1000 neue Jobs schaffen. Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann flog zwar nach Atlanta, doch ohne Erfolg.

Was geschieht nun, Thomas Bauer?
Thomas Bauer: Wir von der Personalkommission werden uns mit aller Kraft gegen den Kahlschlag zur Wehr setzen, zusammen mit den Gewerkschaften, Verbänden, dem Kanton und hoffentlich auch mit dem Bund. Sobald wir das Flannery-Papier analysiert haben, werden wir Gegenargumente ausarbeiten und konkret aufzeigen, wie die Stellen gerettet werden können. Das Konsultationsverfahren in der Schweiz beginnt am 9. Januar. Jenes auf europäischer Ebene am 19. Dezember. Eine Zusammenarbeit der Gewerkschaften auf europäischer Ebene ist entscheidend. Wir müssen unbedingt auch die französischen Gewerkschaften mit im Boot haben.

Politik reagiert: Hofmanns Entsetzen

Der Kanton Aargau hat sofort reagiert. Regierungsrat Urs Hofmann (SP) zeigte sich entsetzt und verurteilte den Stellenabbau bei GE in einer Medienmitteilung: «Dieser Massenabbau ist ein harter Schlag für den Industrie- und Wirtschaftskanton Aargau. Ich bedaure zutiefst, dass GE solch drastische Massnahmen ergreift.» Hofmann stellt in Aussicht, die Aargauer Regierung werde gemeinsam mit der GE-Personalkommission und den Gewerkschaften alles versuchen, um den Abbau zu verringern. Einmal mehr liegt der Ball nun beim Bundesrat, und insbesondere bei Wirtschaftsminister Schneider- Ammann, der nun aktiv werden sollte.


In Baden getroffen: Kurt Emmenegger «Das ist eine Tragödie»

Kurt Emmenegger. (Foto: Unia)

Ruhestand sieht anders aus. Am 5. Dezember ist der Gewerkschafter Kurt Emmenegger bei der Unia Aargau verabschiedet worden. Aber schon am zweiten Tag nach seiner Verabschiedung platzte bei General Electric (GE) eine Bombe: nochmals 1400 Stellen weg! Baden war einst stolze Brown-Boveri- Stadt. In den 1970er Jahren arbeiteten rund 10 000 Menschen bei der BBC. Emmenegger erinnert sich noch gut: Tausende Flugblätter für den Teuerungsausgleich oder für Arbeitszeitverkürzungen hat er in den Boomjahren frühmorgens am Fabriktor verteilt.

Entlassungsrunden folgten auf jeden Besitzerwechsel.

1988 fusionierten BBC und Asea, von da an gehörte der Konzern zu ABB. Minus 1700 Stellen! Die meisten Betroffenen hätten Arbeit in anderen und neuen Betrieben gefunden, erzählt der Unia-Mann. Doch dann kam ABB ins Schleudern. Zwar übernahm Alstom im Jahr 2000 den ABB-Teil des Kraftwerkbaus und schuf 1600 neue Stellen. Aber bald folgten Abbauankündigungen. 2011 wurden erneut 360 Stellen gestrichen.

DÜNNE LUFT. Damals fanden viele Entlassene wieder einen Job. Das war auch vor zwei Jahren noch so, als General Electric von den 1300 angekündigten Stellen schliesslich deren 900 abbaute. Aber heute sieht Gewerkschafter Emmenegger schwarz: «Auch ABB baut kontinuierlich ab, und Siemens entlässt im grossen Stil. Insbesondere für die hochspezialisierten Ingenieure ist die Luft jetzt sehr dünn. Es ist eine Tragödie für die entlassenen Menschen und für den Kanton Aargau.» Es bleibe nun nichts anderes übrig, als nochmals in die Hosen zu steigen und weiterzukämpfen. (sr)


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