Für den Schutz hart erkämpfter Rechte. Für faire Löhne.

Heisser Herbst bei der Unia

Sabine Reber

Ein immer kleinerer Teil der Firmengewinne kommt bei den Arbeitenden an, die Rechten wollen im Parlament das Arbeitsgesetz demontieren, und in vielen Firmen herrscht ein Klima der Angst. Dagegen helfen nur starke Gewerkschaften, engagierte und kämpferische Frauen und Männer. work dokumentiert drei Brennpunkte der Unia-Herbstoffensive.

Industrie: Angestellte wehren sich gegen drohende Verschlechterungen im Arbeitsgesetz.

Industrie: Hände weg von unserer Freizeit!

Parlamentarische Vorstösse wollen das Arbeitsgesetz durchlöchern. Zum Beispiel mit 60-Stunden-Wochen und verkürzten Ruhezeiten. Industriearbeitende wehren sich mit einer Petition. Über 6000 haben unterschrieben.

Zwei von 6000: Uhrmacherin Catherine Arnaud und …

Bei der Übergabe auf dem Bundesplatz dabei waren auch Pressführer Benoît Constantin (53) aus dem Wallis und die Uhrmacherin Catherine Arnaud (47) aus dem Vallée de Joux.

Arnaud weiss, wovon sie spricht. Die gelernte Coiffeuse ist vor 15 Jahren als alleinerziehende Mutter ins Uhrmachertal gezogen und hat eine Zusatzlehre bei der Luxusmarke Audemars Piguet absolviert, damit sie arbeiten und ihren Sohn alleine grossziehen konnte.

Sie setzt das Federherz in die Uhren ein. Das sei ein wunderschöner Moment, wenn eine Uhr zum ersten Mal zu ticken beginne. Sie holt ihre violette Brille hervor, zeigt die Details auf einer Skizze. Bei ihr sei immer alles violett oder pink, «klar, ich habe mich schon immer für die Rechte der Frauen eingesetzt!». In der Uhrenindustrie werde nun vermehrt über die Jahresarbeitszeit geredet, schildert die Unia-Delegierte und Präsidentin der Personalkommission von Audemars Piguet, aber dieses Modell sei auch für Paare und intakte Familien schlecht, denn «gemeinsame Freizeit ist dann nicht mehr selbstverständlich».

ES STEHT VIEL AUF DEM SPIEL

… Benoît Constantin zählen zu den vielen, die gegen die Angriffe aufs Arbeitsgesetz Widerstand leisten. (Fotos: Darrin Vanselow)

Benoît Constantin (53), Pressführer aus der Aluminiumindustrie in Siders VS, ist gleicher Meinung. Ausserdem macht er sich Sorgen über die Zunahme der Temporären. Als Präsident der Betriebskommission von Constellium und Mitglied der europäischen Betriebskommission des Konzerns setzt er sich dafür ein, dass möglichst viele Temporäre fest angestellt werden. Und er bekämpft die Kürzung der Ruhezeit. Im Betrieb Unterschriften für die Petition zu sammeln sei leicht gewesen, denn «unsere Leute haben verstanden, wie viel auf dem Spiel steht!»

Resolution: An der Delegiertenversammlung des Unia-Industriesektors nach der Petitionsübergabe wurde unter anderem eine Resolution zur Gestaltung der Digitalisierung und der Industriepolitik verabschiedet. Sie kann hier nachgelesen werden: rebrand.ly/industriepolitik.


Vertrauensleute: Sie machen die Unia stark

An der 4. Nationalen Vertrauensleute-Tagung von Unia forte tauschten Vertrauensleute in Olten ihre Erfahrungen aus.

Basisarbeit: Bijouterieverkäuferin Annouk Besson, seit zwei Jahren bei der Unia, will anderen mit den Erfolgen Mut machen, die ihre Gruppe bereits erzielt hat.

Die Bijouterieverkäuferin Annouk Besson (37) aus Le Locle NE ist heuer das erste Mal dabei. Seit zwei Jahren engagiert sie sich in der Verkäuferinnengruppe der Unia Neuenburg gegen die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten. Sie sagt: «Wenn wir von morgens um 6 Uhr bis abends 20 Uhr verfügbar sein müssen, dann haben wir gar kein Privatleben mehr!» Damit es nicht so weit kommt, ist sie vor zwei Jahren der Unia beigetreten. In der Gruppe sei eine gute Dynamik entstanden, sie hätten alle Mut geschöpft, weil sie nun nicht mehr alleine dastünden mit ihren Problemen. Inzwischen haben die Neuenburger Verkäuferinnen auch schon einiges erreicht. In ihrem Gesamtarbeitsvertrag steht nun, dass die Läden in Neuenburg nur noch an einem Sonntag im Jahr offen haben dürfen.

Von den ersten Erfolgen ihres Engagements und den weiteren geplanten Aktionen berichtete sie an der Tagung den anderen Vertrauensleuten. Vor allem ist es ihr Anliegen, den Verkäuferinnen in den anderen Regionen Mut zu machen: «Seht her, wir sind eine Gruppe von nur zehn Mitgliedern, und wir konnten schon einiges erreichen!»

JEDE WOCHE VORBEISCHAUEN

Jean-Marc Bonvin, pensioniert, will Junge für die Gewerkschaftsarbeit sensibilisieren. (Fotos: Darrin Vanselow)

Schon lange dabei ist Jean-Marc Bonvin (72). Der Aluminiumarbeiter aus Siders VS engagiert sich seit seinem ersten Tag als Lehrling in der Gewerkschaft. Er macht sich Sorgen, weil viele Junge heute politisch nicht mehr interessiert seien. Darum steht der ehemalige Alusuisse-Mann oft am Bahnhof und sucht das Gespräch mit den jungen Leuten. Bonvin sagt: «Ich versuche ihnen aufzuzeigen, dass gewerkschaftliche Anliegen mit ihrem eigenen Leben zu tun haben.» Der unverwüstliche Gewerkschafter engagiert sich auch stark in der Rentnergruppe der Unia, und ein bisschen trauert er den alten Zeiten nach: «Ich hatte das Glück, die goldenen Jahrzehnte der Walliser Industrie mitzuerleben!» Als er seine Lehre begonnen habe, seien sie über 3000 Arbeiter gewesen, und die Gewerkschaftsversammlungen hätten grosse Säle gefüllt. In seiner Freizeit war er erst für die Gewerkschaft Smuv und später für die Unia unterwegs. Noch heute schaut er jede Woche im Unia- Sekretariat vorbei: «Auf mich können sie immer zählen, wenn es etwas zu tun gibt.»

Jedenfalls sei die Gewerkschaft sein Leben. Und dann schmunzelt er, er habe seiner Frau schon gesagt, er werde dereinst als Gewerkschafter sterben, und auf seinem Sarg, da wolle er dann nur drei rote Rosen und einen Unia-Helm.


Bau: Jetzt ist Zahltag!»

Seit drei Jahren verweigern die Baumeister eine generelle Lohnerhöhung. Dabei laufen ihre Geschäfte bestens. Von Ralph Hug

So nicht: Unia-Protet gegen Lohnstillstand.

Letztmals gab es 2014 mehr Lohn auf dem Bau. Seither mauern die Arbeitgeber. Und bleiben stur. Im August und September fanden zwei Verhandlungsrunden mit dem Baumeisterverband statt. Nichts schaute dabei heraus. Nicht einmal ein Lohnangebot. Zu hören waren nur Klagelieder über angeblich mangelhafte Erträge und hohe Kosten wegen des Parifonds und der Rente ab 60 (FAR). Jetzt sagt Unia-Bauchef Nico Lutz: «Es muss Schluss sein mit Nullrunden!»

Entgegen den Klageliedern floriert der Bau massiv. Das zeigen die aktuellen Zahlen. Der Bauindex stieg im dritten Quartal 2017 auf ein Rekordhoch. Auch die Ertragslage ist gut. Umsätze und Erträge zeigen weiterhin nach oben. Im Hochbau sind es 4,5 bzw. 3,9 Prozent, im Tiefbau gar 10,5 bzw. 10,4 Prozent. Und auch die Gewinne sind frappant. Im Schnitt lieferte 2015 jeder beschäftigte Büezer im Hochbau pro Jahr fast zehntausend Franken Gewinn an seine Firma ab – dies, nachdem alle Löhne, die Maschinen und das Baumaterial bezahlt sind. Für 2016 liegen noch keine Zahlen vor. Aber es dürfte nicht weniger gewesen sein. Da wird massiv verdient.

Doch ohne Lohnerhöhung haben die Bauleute nichts vom Boom. Die Gewinne fliessen allein in die Taschen der Baumeister und Aktionäre. Und dies trotz harter Arbeit. Die Büez wird sogar immer härter. Denn es wird mehr und schneller gebaut, aber mit weniger festangestellten Mitarbeitenden. Der Stress wächst. So ist der Unmut unter den Bauleuten gross.

Im Juni trafen sich 400 Vertreter in der Unia-Zentrale. Einhellig fanden sie: «Wir verdienen mehr!» In den letzten Wochen fanden auf den Baustellen Protestversammlungen statt. Klar kam heraus, dass eine vierte Nullrunde nicht drinliegt. Sie verlangen in den nächsten beiden Jahren 150 Franken mehr Lohn. Das ist nötig, um die Kaufkraft zu erhalten. Nächstes Jahr steigen die Krankenkassenprämien um vier Prozent, viele Mieten gehen ebenfalls rauf. Und die Teuerung zieht auch wieder an. Die Unia hat ausgerechnet, dass das verfügbare Einkommen der Bauleute zwischen 2010 und 2016 allein wegen der Prämienexplosion um 4,3 Prozent geschmolzen ist.

DAS BILD TRÜGT

Gerne brüsten sich die Baumeister, sie zahlten die besten Löhne. Doch das Bild trügt. Zwar liegen die Mindestlöhne für Ausgebildete im Landesmantelvertrag des Bauhauptgewerbes im Vergleich zu anderen Gesamtarbeitsverträgen an der Spitze. Aber bei den durchschnittlich bezahlten Effektivlöhnen fällt die Branche zurück. Am Ende zählt eben nur, was tatsächlich ausbezahlt wird. Am Samstag marschieren die Bauleute in Olten und Lausanne auf und sagen «Zahltag!». Es kann nicht sein, dass der Bau boomt und die Preise steigen, aber die Löhne stehen still. Diese Rechnung geht nicht auf.

«Durchbruch»-Preis für Generali-Streik

Der internationale Gewerkschaftsbund UNI Global Union hat die Unia für den Streik bei der Generali-Versicherung mit dem «Durchbruch»-Preis ausgezeichnet. Die UNI Global Union belohnt damit den Kampf der Generali-Mitarbeitenden, die sich erfolgreich gegen den Abbau von 108 Stellen in Nyon wehrten.

 

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