Zwei Kita-Praktikantinnen packen aus
«Sie sagten: Mach doch einfach mal»

Sie arbeiten für einen Fünfliber pro Stunde: Jugendliche, die nach der Schule keine Lehrstelle finden und in einem Praktikum landen.

Alleingelassen: Lorena Meichtry (links) und Larissa Russo fühlten sich als Praktikantinnen oft schlecht betreut. (Foto: Franziska Scheidegger)

Plötzlich standen sie mitten im Berufsleben. Ohne Ausbildung und ohne Anleitung. Larissa Russo und Lorena Meichtry waren 16. Bereits als Schülerinnen war ihnen klar: Sie wollten mit Kindern arbeiten. Doch Ausbildungsplätze in Kitas waren rar. Also bewarben sie sich um ein einjähriges Praktikum. Lorena in Brügg BE, Larissa in Bern. Larissa erinnert sich: «Ich war zwar Praktikantin, aber sie setzten mich oft genau gleich ein wie die anderen.» Die mit Ausbildung. Bereits nach kurzer Zeit habe sie sich um zwölf Kinder gekümmert. Fünf Tage die Woche, für 900 Franken im Monat. Für einen Teenager viel Geld. Den Betrieb kam das günstig. Eine Ausgelernte hätte monatlich über 3000 Franken mehr gekostet.

AUSGENUTZT

Larissa merkte schon bald: Sie ist auf sich alleine gestellt. «Ich wurde nicht an die Aufgaben herangeführt, man hat mir nichts Pädagogisches mitgegeben. Also: Was wichtig und richtig wäre im Umgang mit den Kindern», erzählt sie. «Ich habe halt einfach gemusst.»

Dass man auch einmal Nein sagen dürfe, das habe sie damals nicht gewusst. Manchmal, wenn sie mit den Kindern alleine war, drohte der damals 16jährigen die Verantwortung über den Kopf zu wachsen. «Ich musste Brei machen, gleichzeitig das Baby schöppele und mich um die anderen Kinder kümmern. Das war eine riesige Verantwortung. Selbst wenn ich ausgebildet und volljährig gewesen wäre.» Rückblickend muss sie sagen: «Manchmal habe ich mich richtig überfordert gefühlt.»

Trotzdem hat Larissa weitergemacht. Auch weil sie hoffte, eine Lehrstelle zu bekommen. Erst nach einem halben Jahr erfuhren sie: Für fünf Praktikantinnen gibt es nur zwei Lehrstellen. «Und keine von uns wurde schliesslich genommen», erzählt Larissa. Sie habe sich ausgenutzt gefühlt, «als billige Arbeitskraft ».

MIT DEN KINDERN ALLEINE

Bei Lorena war das anders. Sie arbeitete in einem Familienbetrieb. Aussicht auf eine Lehrstelle hatte sie dort von Anfang an keine. Ausgenützt gefühlt habe sie sich aber nicht. Doch auch sie sieht heute einige Dinge kritischer als damals.

«Wenn du jetzt in der Ausbildung lernst, was du bei der Betreuung tun solltest und was nicht, ist es ziemlich krass», sagt die 19jährige. Überrascht hat sie auch, wie streng die Richtlinien in ihrem jetzigen Lehrbetrieb sind: «Jetzt, im dritten Lehrjahr, darf ich mit drei Kindern alleine raus. Mehr dürfen es nicht sein. Das ist schon ganz anders.»

In ihrem Praktikum hatte das keine Rolle gespielt. «Oft war ich mit allen Kindern alleine unterwegs. » Wie Larissa auch. Erst heute wissen die beiden: Ganz ungefährlich war das nicht. «Was hätte ich gemacht, wenn ein Kind plötzlich weg gewesen wäre? Zuerst in der Kita anrufen oder gleich bei der Polizei? Ich hätte damals keine Ahnung gehabt, wie ich reagieren müsste. Ich war 16», sagt Larissa. Lorena stimmt ihr zu. Einig sind sie sich auch in einem anderen Punkt: Firmen, die Praktikantinnen anstellen, denen geht es vor allem auch darum, Kosten zu sparen.

KAUM REGELN

Der Unia ist diese Problematik bekannt. Lena Frank, bisherige Leiterin der Unia-Jugend, weiss: «Praktika gibt es vor allem dort, wo grosser finanzieller Druck herrscht. Und Frank weiss aus eigener Erfahrung, wovon sie redet. Bevor sie zur Gewerkschaft kam, hat sie in der Pflege gearbeitet: «Den Praktikantinnen und Praktikanten wird einmal gezeigt, wie man die Leute wäscht, und dann heisst es: Mach mal.» Einen Ausbildungscharakter gebe es nicht. Stattdessen würden die Jugendlichen als normale Arbeitskräfte eingesetzt, zu einem Lohn, der sich zwischen null und 700 Franken bewege. Für Frank ist klar: Mehrmonatige Praktika vor der Lehre gehören verboten. In Ordnung findet sie aber einzelne Schnuppertage, die den Jugendlichen helfen, herauszufinden, ob ihnen der Job gefalle.

FUNDIERTE DATEN FEHLEN

Das findet auch Franks Nachfolgerin Kathrin Ziltener. Sie setzt ihren ersten Schwerpunkt bei den Praktika. Sie will herausfinden, ob Praktika auch in anderen Branchen System hätten, etwa im Detailhandel und in der Coiffeurbranche. Ziltener sind mehrere Fälle bekannt, noch fehlen ihr aber fundierte Daten. Die zu bekommen sei schwierig, sagt sie. «Oft weiss man bei den kantonalen Berufsämtern nicht, wer für die Frage eigentlich zuständig ist», sagt Ziltener. «Es heisst dort: Praktika sind in unserem dualen Bildungssystem nicht vorgesehen. Deshalb ist auch niemand zuständig.»

Entsprechend wenig ist bisher für Praktikantinnen gemacht worden. Gesonderte Richtlinien zu Lohn oder Arbeitsbedingungen gibt es bis heute kaum. Ausser in den Kantonen Genf, Neuenburg und – seit Anfang August – auch in Bern. Nachdem dort die kantonale Arbeitsmarktbehörde interveniert hat, dürfen Praktika in der Betreuung jetzt nur noch maximal ein halbes Jahr dauern. Länger geht nur noch dann, wenn eine Lehrstelle garantiert und ein Lohn von 3000 Franken bezahlt wird. Oder wenn der Praktikant an mindestens einem Tag in der Woche eine Berufsschule besucht.

RECHT AUF AUS BILDUNG

Lorena und Larissa finden das gut. Sie sagen: «Ein Praktikum ist okay, wenn es darum geht zu schauen, ob der Beruf wirklich passt.» Ein Jahr brauche es dafür allerdings nicht. Und eigentlich auch keine sechs Monate. «Die Zuständigen merken ja ziemlich schnell, ob du geeignet bist oder nicht», sagt Larissa.

Mittlerweile sind die beiden im dritten Lehrjahr. Doch die Erfahrung hat sie geprägt. «Wir werden oft als Hüetimeitschi abgestempelt », sagt Lorena. Für sie ist aber klar: «Unser Job ist anspruchsvoll. Auch wir haben ein Recht auf eine gute Ausbildung und einen ordentlichen Lohn.»

Dafür setzen sich Lorena und Larissa nun ein. Zusammen mit weiteren Lernenden, unterstützt von der Unia. Und: Sie wollen andere ermutigen, dasselbe zu tun.

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