Nach dem Erfolg der Tessiner Seeleute: An Bord bei Kapitän Diriye Amey

Lago mio, lief das gut!

Sabine Reber

Streik vorbei. Die Schiffe auf dem Lago Maggiore fahren wieder. Jetzt nimmt Kapitän Diriye Amey Kurs aufs nächste Ziel: einen neuen Gesamtarbeitsvertrag.

«Buongiorno Capitano!» rufen ihm die Kinder zu, Spaziergänger grüssen ihn. Kapitän Diriye Amey (32) ist ein bekannter Mann in Locarno. Mit seinen 1,98 Metern Körpergrösse ist er nicht zu übersehen. Unterwegs zum Steg grüsst er die Passanten, schüttelt einer älteren Dame die Hand, für alle hat er ein herzliches Wort übrig. Seit diesem Sommer ist er noch ein bisschen bekannter. Als Mitglied der Personalkommission der Schifffahrtsangestellten auf dem Lago Maggiore war der SEV-Gewerkschafter eine der zentralen Figuren des erfolgreichen Arbeitskampfes.

Rückenwind: Diriye Amey und seine Kollegen und Kolleginnen erhielten beim Streik grosse Unterstützung aus der Bevölkerung. (Foto: Ti-Press)

EIN SCHÖNER BATZEN

Capitano Amey steuert die M/N Milano, Baujahr 1952, geschickt auf den See hinaus. Er erinnert sich an den Juni, als alle Schweizer Mitarbeitenden der italienischen Schifffahrtsgesellschaft NLM die Nachricht erhielten, sie würden entlassen (siehe Box). Schnell fiel der Entscheid zu streiken: «Wir waren alle sehr nervös. Ein Gewerkschafter hat den Direktor angerufen und gesagt: Schickt keine Schiffe von Italien rauf! Wir streiken, wir wollen hier kein Schiff sehen! Und es kamen keine Schiffe.»

Amey dreht am fast schon antiken Steuerrad, weicht Baumstämmen aus, die das Gewitter in den See geschwemmt hat. «Wir erlebten eine enorme Unterstützung aus der Bevölkerung. Angehörige und Freunde kamen, um zu helfen, wir haben gemeinsam gekocht und ein Mittagsmenu angeboten, wir haben eine Bar eingerichtet. Dazu haben wir viele Spenden erhalten.» Nach Abzug von Spesen sei noch ein schöner Batzen als Reserve übrig. «Wir sind jetzt super organisiert und gewappnet für den Fall, dass weitere Aktionen nötig werden.»

ZEICHEN DER HOFFNUNG

Das Lohndumping und die drohenden Privatisierungen beträfen das ganze Tessin, sagt Diriye Amey, während er die M/N Milano millimetergenau an den Steg von Ascona steuert, «unser Streik war ein Zeichen der Hoffnung für alle. Wenn in einem Laden die Löhne gedrückt werden, können die Verkäuferinnen nicht einfach streiken, die würden gleich ersetzt, genau wie auf dem Bau. Aber uns Kapitäne und Matrosen können sie nicht so leicht auswechseln », schmunzelt er. Auf der Schweizer Seite des Sees verkehren die älteren Schiffe der Flotte. Ein Schiff mit Einzelschraube wie die alte M/N Milano ist bei schlechtem Wetter anspruchsvoll zu navigieren: «Beim Bremsen», erklärt Amey, «dreht es zur Seite, und wenn dann noch der Wind weht, ist das Anlegen eine Kunst.»

SERVICE PUBLIC

In Ascona nimmt das Schiff neue Gäste auf und sticht wieder in See. «Jetzt haben alle gesehen», sagt er, «dass es sich lohnt, wenn man mit den Gewerkschaften zusammensteht und sich für seine Rechte wehrt! Wir brauchen einen verbindlichen Mindestlohn für alle Branchen. Aber viele unserer Politiker sind halt selber Unternehmer, die wollen natürlich nichts ändern.»

Unterwegs zu den Brissagoinseln erklärt der Kapitän, das andere Problem sei der Trend zum Privatisieren, man sehe es bei der Post, «das geht immer auf Kosten des Personals, und am Ende ist alles teurer, und der Service wird schlechter. Wir aber wollen hier weiterhin einen Service public anbieten. Wir fahren auch am Morgen früh und bei schlechtem Wetter, und wenn jemand mit dem Rollstuhl kommt, helfen wir.» Nun redet er sich ins Feuer. «Ja Himmel, es kann doch nicht alles nur immer rentieren! Wo bleibt denn das Wohl der Menschen?»

SEEBUB UND BERGLER

Der gebürtige Tessiner Diriye Amey spricht übrigens auch Walliserdeutsch – seine Partnerin Annabelle stammt aus Fiesch. Jahrelang verbrachte er die Sommer auf dem See und arbeitete im Winter bei Bergbahnen im Wallis. Schon sein Vater, ein Somalier, war Kapitän auf dem Lago Maggiore – 35 Jahre lang. Diriye hat ihn als Bub oft begleitet, kennt die älteren Mannschaftsmitglieder von klein auf. Aber nach der Schule machte er erst einmal das KV, weil sein Vater ihm riet: «Junge, mach besser eine Bürolehre, denn das ist ein harter Job hier auf dem See!»

Mit 19 Jahren zog es Diriye trotzdem aufs Wasser: «Den ganzen Tag im Büro sitzen, das war nichts für mich. Auf dem See erleben wir die Jahreszeiten, das Wetter, den Wind und die Wellen, und jeder Tag ist wieder anders.» Am Anfang hat er am Steg gearbeitet, es folgte die Ausbildung zum Maschinisten, und bereits mit 23 Jahren konnte er das Schiffsführerpatent machen. Er wurde Kapitän, «als einer der Jüngsten hier auf dem See!» Seit vier Jahren ist er nun für das ganze Jahr festangestellt. Inzwischen ist der begeisterte Seemann Vater geworden. Manchmal nimmt er seinen einjährigen Sohn Jayden mit an Bord. Der nächste Kapitän in der Familie?

Matrosen an der Schifflände in Locarno

Der Zorn der Matrosen: Die Seeleute am Lago Maggiore zogen den Streik entschlossen durch. (Foto: TI-Press)

Job gesichert, Lohn garantiert

Die Seeleute vom Lago Maggiore haben mit ihrem fast dreiwöchigen Streik ihre Forderungen durchgesetzt und ihre Arbeitsplätze gerettet. Die Gewerkschaften Unia, SEV und der Tessiner OCST haben den Streik tatkräftig unterstützt.

SOLIDARITÄT. Die italienische Schifffahrtsgesellschaft Navigazione Lago Maggiore (NLM) hatte vor den Sommerferien allen 34 Seeleuten auf der Schweizer Seite des Sees per Ende Jahr gekündigt. Daraufhin sind sie alle in Streik getreten. Eine breite Welle der Solidarität erfasste das Tessin, für eine Petition an die Regierung kamen 13 451 Unterschriften zusammen. Nun übernimmt die Schweizerische Schifffahrtsgesellschaft auf dem Lago di Lugano (SNL) alle Mitarbeitenden und führt ab 2018 auch den Schweizer Betrieb auf dem Lago Maggiore. Zudem erhalten die Seeleute eine Lohngarantie für ein Jahr, finanziert vom Kanton Tessin und der Stadt Locarno.

Bisher hatten die Mitarbeitenden einen gemeinsamen GAV mit den Buschauffeuren von Locarno (FARC), der im Zuge der Entlassungen aufgekündigt worden ist. SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger: «Wir haben nun ein Abkommen, dass für 2018 ein neuer GAV mit der SNL ausgehandelt wird. Aber das gibt ein hartes Seilziehen, denn auch dort wollen sie nur sparen, sparen, sparen!»

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