Auch Judith Giovannelli-Blocher (85) ist eine Klimaseniorin

«Wenn die Politiker nicht handeln, müssen wir es tun»

Sabine Reber

Mal süttig heiss, dann wieder kalt: Seniorinnen leiden besonders, wenn das Klima verrückt spielt. Auch die Sozialarbeiterin und Autorin Giovannelli-Blocher. Jetzt hat sie die Nase voll.

Grüne Oase: Klimaseniorin Judith Giovannelli-Blocher auf ihrem Balkon in Biel. (Foto: Peter Gerber / Blick)

Judith Giovannelli-Blocher stützt sich auf ihren Rollator, zeigt aus dem Fenster. Sie lebt mit ihrem Mann Sergio in einem Mietblock an einer lärmigen Hauptstrasse, dafür mit Blick auf den Bielersee. Stundenlang könne sie hier Spazierende beobachten, sagt die gelernte Sozialarbeiterin, Ausbilderin und Autorin mehrerer Bücher. Und: «Gewisse Leute denken ja, wir Seniorinnen seien krank und lebensmüde, wir sollten gefälligst daheim bleiben und schweigen.» Doch sie resigniere ganz sicher nicht, obwohl sie jetzt auf den Rollator angewiesen und nicht mehr so mobil sei. Denn sie mache sich Sorgen. Sorgen um die Zukunft.

LAUNISCHES WETTER

Die abrupten Temperaturwechsel machen Giovannelli-Blocher zu schaffen: «Drei Tage süttig heiss, dann wieder kalt, das können wir alte Menschen ganz schlecht vertragen. » Letzte Nacht habe sie wieder nicht schlafen können, weil starke Rheumaschmerzen sie plagten. «Sehen Sie, das steht sogar in der Zeitung, Rheuma verschlimmert sich bei solch launischem Wetter.»

Die engagierte Rentnerin, die sich zeitlebens in der Friedensbewegung, im Asylbereich und für das Wohl benachteiligter Menschen eingesetzt hat, will auch beim Klima nicht tatenlos zusehen. Deshalb macht die Pfarrerstochter jetzt bei den Klimaseniorinnen mit. Zusammen mit 700 anderen pensionierten Frauen will sie die Eidgenossenschaft verklagen. Grund: Der Bund unternimmt zu wenig gegen die Klimaerwärmung, und gefährdet damit insbesondere das Leben älterer Menschen (siehe Text unten). Giovannelli kritisiert die verwässerte Energiewende, über die wir kürzlich abgestimmt haben: «Das war leider nur eine Minimalversion, aber immerhin!» Dabei könnten wir sehr wohl viel Energie sparen, ist sie überzeugt. Sie habe ihr Leben lang kein Auto gehabt, und wer unbedingt eins brauche, könne doch Fahrgemeinschaften bilden. Es ist ihr wichtig, immer das Positive, die Möglichkeiten zu sehen, nicht zu resignieren. Aber nun mag sie nicht länger warten und zusehen, wie sich die Erde gefährlich erwärmt, während griffige Gesetze immer wieder verhindert werden. Giovannelli: «Wenn die Politiker nicht handeln, müssen wir Frauen es tun.»

«Wir alte Frauen, wir sind lebenserfahren und kämpferisch.»

GUT VERNETZT

Und das könnten sie auch: «Wir alte Frauen haben einen grossen Schatz: Wir haben Zeit. Wir sind lebenserfahren und kämpferisch. Darum können wir diese Klage führen.» Die Jüngeren wüssten zwar alle, dass wir dringend gegen die sich anbahnende Klimakatastrophe vorgehen müssten, weil sie unsere Gesundheit gefährde. Auch jene der Kinder. Doch die Jüngeren hätten immer grad noch etwas Dringenderes zu tun, «so wird das grösste Problem unserer Zeit nie gelöst werden». Sagt sie, und zeigt auf die Todesanzeigen in der Zeitung. Bei jeder Hitzewelle stürben Alte und Kranke, «aber damit kann man natürlich kein Renommée machen».

Aber sie, die alten Frauen, hätten nichts zu verlieren, «darum packen wir das jetzt an!». In Holland habe eine ähnliche Gruppe einen ersten Prozess gewonnen, erzählt sie, und lacht: «Ah, wir sind gut vernetzt, und wir sehen sehr wohl, was in der Welt los ist.» Man schaue nur auf Trump in Amerika. Manche würden wirklich nur an Profit denken. «Aber wer denkt ans Wohl der Menschen? Wer denkt an die Pflanzen, die Vögel? Zum Glück gibt es viele Gruppen, die sich engagieren und ans Ganze denken. Das gibt mir Hoffnung.»


Ältere Menschen leiden besonders unter dem Klimawandel Seniorinnen jammern nicht, sie klagen

700 Rentnerinnen verklagen die Eidgenossenschaft, weil der Bund mit seinem Klimaziel die Verfassung verletzt. Greenpeace und Tausende Unterstützer helfen mit.

Die Klimaerwärmung führt zu vermehrten und intensiveren Hitzewellen, darin sind sich die Klimaforscherinnen und Klimaforscher weltweit einig. Wegen der zunehmenden Hitze werden insbesondere ältere Menschen krank und sterben frühzeitig.

MENSCHENRECHTE. Die Klimaseniorinnen schreiben: «Wir ältere Menschen sind die von den zunehmenden Hitzewellen am stärksten betroffene Bevölkerungsgruppe, denn unsere Gesundheitsbeeinträchtigungen und unsere Mortalität sind besonders hoch. Darum klagen wir gegen den Staat.»

Biberli meint: «Unterschätzt die Grossmütter nicht.»Die Klage wird so begründet: Das im Schweizer CO2-Gesetz festgehaltene Reduktionsziel bis 2020 genügt nicht, um die Klimaerwärmung auf maximal 2 Grad zu reduzieren. Damit würden die Bundesverfassung und die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt. Für die Klimaseniorinnen ist damit klar: «Der Bund erfüllt seine Schutzpflichten gegenüber uns Grundrechtsträgerinnen ungenügend.»

Letzten November haben die Beschwerdeführerinnen bei dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) von Bundesrätin Doris Leuthard ihr Rechtsbegehren deponiert. Das Uvek hat die Klage jedoch erst einmal abgewiesen. Und so haben die Seniorinnen beim Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen Beschwerde eingereicht. Darin begründen sie ausführlich, warum sie zur Klage berechtigt seien: «Als Frauen im Alter von 64 bis 95 gehören sie bereits heute – und mit zunehmendem Alter verstärkt – zu der besonders verletzlichen Gruppe, die mehr als die Allgemeinheit von den Folgen der Klimaerwärmung in ihrer Gesundheit und potentiell in ihrem Lebendigsein beeinträchtigt ist.» Das Bundesverwaltungsgericht muss nun entscheiden, ob das Uvek auf die Klage einzutreten habe.

Die Klägerinnen haben ein erfahrenes Team von Juristinnen und Juristen hinter sich und rechnen sich gute Chancen aus. Auch Juristin Ursula Brunner, die die Klage mitverfasst hat, gibt sich optimistisch: «Wir sind überzeugt, dass der Bund auf unser Gesuch eintreten und seine Klimapolitik verstärken muss!» Für den Erfolg spricht auch die grosse Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer: 12 000 sind es bisher.

HOLLAND. Im Ausland laufen derweil ähnliche Verfahren, und in Holland konnte eine ähnliche Klimaklage bereits in erster Instanz gewonnen werden. Dort haben fast 900 Zivilpersonen mit der Stiftung Urgenda gegen den Staat geklagt. Das Gericht hat daraufhin den holländischen Staat verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2020 viel stärker als geplant einzudämmen. Der Staat hat gegen das wegweisende Urteil Berufung eingelegt. Auch in Belgien, den USA, Norwegen und den Philippinen gehen Bürgerinnen und Bürger sowie Umweltorganisationen den Weg über die Justiz, weil sie die Grundrechte bedroht sehen. Übrigens: In den USA klagen nicht Seniorinnen, sondern eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen im Alter von 9 bis 21.

www.klimaseniorinnen.ch


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