Das neue Statistische Jahrbuch bringt Licht ins Dunkel des Arbeitsplatzes.

So chrampft die Schweiz

Ralph Hug

Zweieinhalb Kilo, sechshundert Seiten: Soeben ist das neue Statistische Jahrbuch erschienen. work hat darin geblättert.

Statistisches Jahrbuch: Mit Zahlen im Kampf gegen die Verdunkler. (Illustration: willi.ch)

Vor genau 125 Jahren erschien das Jahrbuch zum ersten Mal. Es sollte ein «treues Bild» der Schweiz bieten, so stand es im Vorwort. «Treu» war das Bild zwar nicht, wie Historiker Hans Ulrich Jost im Interview erklärt. Aber das Jahrbuch war eine Errungenschaft der Aufklärer im Kampf gegen die Verdunkler. Die Schweiz sollte durchsichtiger werden, mit unbestechlichen Zahlen.

Soeben ist nun das Jahrbuch 2017 erschienen. Auf 624 Seiten zeigt es Zahlen, Tabellen und Statistiken zu Wirtschaft und Arbeit, Umwelt und Sozialem, Gesundheit und Kultur. Doch Zahlen allein sagen nichts, die Zusammenhänge sind wichtig sowie die Entwicklungen und Trends, die sie spiegeln. In Überblickskapiteln zu den einzelnen Themen sind diese erläutert. Da lohnt sich die Lektüre. Aber auch das Jahrbuch hat noch Lücken. So gibt es zwar eine Statistik der Mietpreise. Aber im Kapitel «Bau- und Wohnungswesen » fehlen jegliche Angaben dazu.

work hat im Wälzer geblättert. Hier unsere Trouvaillen:

WIR DIENSTLEISTENDE

In den 1960er Jahren arbeiteten noch fast die Hälfte der Erwerbstätigen in der Industrie. Ende der 1990er Jahre waren es nur noch ein Viertel. Die Königin der Branchen ist heute der Dienstleistungssektor. 75 Prozent aller Beschäftigten arbeiten dort.

TEILZEIT IST WEIBLICH

Immer mehr Leute arbeiten Teilzeit. Waren es 1970 noch 12 Prozent, sind es heute 36 Prozent der Erwerbstätigen. Vor allem Frauen: 76 Prozent der Teilzeitarbeitenden sind weiblich. Doch der Anteil der Männer nimmt tendenziell zu.

ALS MUTTER IM JOB

8 von 10 Müttern im Alter von 25 bis 54 Jahren waren 2015 beruflich aktiv. Nur 2 bleiben zu Hause. Mütter, die aus dem Arbeitsmarkt aussteigen, um sich der Familie zu widmen, sind im Schnitt nach fünf Jahren wieder im Beruf tätig.

OHNE MIGRATION GEHT NICHTS

30 Prozent der Erwerbstätigen haben keinen Schweizer Pass. Ohne sie geht es nicht, die Wirtschaft könnte einpacken. Besonders die Industrie: Mit 39 Prozent haben die Migrantinnen und Migranten hier ein besonderes Gewicht.

AM LIEBSTEN IM KLEINBETRIEB

Small is beautiful: 99 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz sind KMU. Das heisst Betriebe mit weniger als 250 Beschäftigten. Sie dominieren unsere Wirtschaft. Und 90 Prozent dieser KMU sind erst noch Mini-KMU oder, wie die Statistik es nennt, Mikrounternehmen. Diese zählen weniger als 10 Beschäftigte.

MEHR LOHN? VON WEGEN!

Von 1950 bis 1970 sind die Reallöhne jedes Jahr im Schnitt um 2,6 Prozent gestiegen. Es war Hochkonjunktur. Von 2000 bis 2009 wuchsen die Löhne nur noch um 0,6 Prozent. Wir haben eine Tiefkonjunktur. Und: Im Mittel verdienten die Arbeitnehmenden im Jahr 2014 für eine Vollzeitstelle monatlich rund 6427 Franken.

WAS KADER KASSIEREN

Zwischen 2008 und 2014 wuchsen die Löhne beim oberen und mittleren Kader um 4,8 Prozent, beim unteren Kader sogar um 8,9 Prozent. Die Topmanager, also die am besten bezahlten 10 Prozent des oberen Kaders, verdienten monatlich über 19 150 Franken. Am höchsten sind die Abzockerlöhne in der Pharmabranche (42 888 Franken), bei den Banken (41 544 Franken) und den Versicherungen (35 477 Franken).

SCHAFFE, SCHAFFE

Seit 30 Jahren hat sich die betriebsübliche Arbeitszeit kaum verändert. 1990 lag sie über alle Wirtschaftszweige hinweg noch bei 42,4 Stunden pro Woche. Bis ins Jahr 2015 sank sie nur unwesentlich auf 41,7 Stunden. In keiner Branche liegt die Wochen-Büez unter 41 Stunden.

DER LOHN DER FRAU

In der Privatwirtschaft verdienten die Frauen im Jahr 2012 (neuere Zahlen gibt es nicht) im Schnitt 21,3 Prozent weniger als die Männer. Von diesen 21,3 Prozent sind fast die Hälfte (40,9 Prozent) nicht durch Faktoren wie Alter, Ausbildung, Berufserfahrung usw. erklärbar. Mit anderen Worten: 8,7 Prozent lassen sich nur durch Diskriminerung erklären. Und dieser Anteil blieb bisher ziemlich stabil.

ACHTUNG, SECO!

Für die Arbeitslosigkeit gibt es zwei Statistiken: Jene des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) erfasst nur die eingeschriebenen Arbeitslosen. Jene der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) bezieht jedoch alle Erwerbslosen ein. Deshalb liegen die ILO-Zahlen stets eine halben bis einen ganzen Prozentpunkt über jenen des Seco. Die Arbeitslosigkeit gemäss ILO betrug im Jahr 2016 4,3 Prozent. Die aktuellste Zahl fürs erste Quartal 2017 beträgt 5,3 Prozent.

UNTERSCHLAGENE STREIKS

Die meisten Streiks dauern weniger als einen Tag und sind Warnstreiks. Dennoch zählt die offizielle Streikstatistik nur Arbeitsniederlegungen, die mindestens einen Tag dauern. Auch darum sieht die Schweiz so streikarm aus. Waren es 1990 noch 2 und 2005 5 ganztägige Streiks, so stieg die Zahl seit 2011 auf 7, dann 2013 auf 11 und schliesslich 2015 auf 15.

FRAUEN AM HERD

Die unbezahlte Haus- und Familienarbeit erledigen zur Hauptsache die Frauen. Immer noch. Im Jahr 2013 leisteten sie im Schnitt während 27,5 Stunden Hausarbeit, Männer jedoch nur während 17,3 Stunden. Am meisten Zeit verschlingen Kochen mit 6,8 Stunden und Putzen mit 4,4 Stunden pro Woche.

PRODUKTIVITÄT LÄSST NACH

Die Produktivität der Arbeitnehmenden steigt seit 20 Jahren stetig an. Aber sie hat nach der Finanzkrise nachgelassen. Das Wachstum in Prozent des Bruttoinlandprodukts betrug 2005 gegenüber dem Vorjahr noch 3,9 Prozent. 2010 waren es 3 Prozent. Danach sackte das Niveau auf 1,8 Prozent im Jahr 2011, und 2015 waren es noch 0,8 Prozent.

EINFACH SAUTEUER

Die Schweiz hat das höchste Preisniveau in Europa. 2015 lag es bei 156 Indexpunkten. Mit 145 beziehungsweise 131 Indexpunkten liegen Norwegen und Dänemark auf dem zweiten und dritten Platz. Alle anderen liegen weit darunter. Nachbar Deutschland hat ein um 52 Punkte tieferes Niveau, und Frankreich und Österreich liegen um 49 Indexpunkte tiefer. Eine neue Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Basel zeigt nun auch, dass die Löhne nicht die Ursache dieser grossen Differenzen sind.

DIE HÜSLI-NATION

Die Schweiz bleibt ein Volk von Mieterinnen und Mietern: 62,6 Prozent haben keine vier Wände im Privatbesitz. In der Kategorie «Gebäude mit Wohnnutzung» liegen die landfressenden Einfamilienhäuser mit 57 Prozent vorn. Das stärkste Wachstum der Hüsli fand in den 1970er und 1980er Jahren statt. Heute leben weniger als ein Viertel der Haushalte in einem Einfamilienhaus. Die Tatsache, dass die Schweiz die höchsten Mieten in Europa hat, sucht man im Statistischen Jahrbuch leider vergeblich.

FRAUEN WOLLEN’S WISSEN

In den letzten Jahrzehnten expandierte die Bildung enorm. Die Abschlüsse in der höheren Berufsbildung nahmen zu, ebenso die Maturitäten und die Zahl der Studierenden. Dabei holten die Frauen stark auf. Heute beginnen praktisch gleich viele Frauen wie Männer eine Ausbildung nach der Schule und schliessen sie auch ab. Weiterhin machen Männer aber längere Ausbildungen und sind in der höheren Berufsbildung besser vertreten.

PATENTE SCHWEIZ

Mit 148 Patentfamilien pro Million Einwohnerinnen und Einwohner hat die Schweiz am meisten Patente angemeldet. Sie ist das aktivste Land der OECD vor Japan. Patente sind ein Gradmesser für den Output des Wissenschafts- und Technologiesystems. Von Patentfamilien spricht man deshalb, weil nur solche Patente etwas nützen, die bei den Patentämtern in Europa, Japan und den USA registriert sind. Die also eine Familie bilden.

HALLO DRAUFGÄNGER!

Fast 266 000 Personen verunfallten im Jahr 2015. Diese Zahl ist einigermassen stabil. Die Mehrzahl aller Unfälle passieren in der Freizeit und im Haushalt und nicht im Beruf. Besonders häufig ereignen sich Unfälle im Sport. Männer gehen grössere Risiken ein als Frauen: Sie erleiden doppelt so viele Unfälle.


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