Uber & Co. als Arbeitgeber bringt nur Nachteile
Apps als Chef heisst Stress pur

Arbeitstage von über zehn Stunden, sechs oder sieben Tage die Woche: Erstmals liefert eine Studie Zahlen zur «Gig-Wirtschaft» in der Schweiz.

Gig-Wirtschaft: Immer mehr Arbeitnehmende werden «pro Auftritt» bezahlt. Das rechnet sich für die wenigsten. Und wenn, dann nicht so gut wie für Mick Jagger (l.) und Keith Richards von den Rolling Stones. (Foto: PD)

Sie machen die Buchhaltung, entwerfen Flyer, helfen bei Computerpannen oder fahren Taxi. Sie haben aber keine feste Anstellung, sondern hangeln sich von Auftrag zu Auftrag: die sogenannten Gig-Arbeitenden. Sie arbeiten wie Musiker, die pro Auftritt (Gig) bezahlt werden.

Die neue Gig-Wirtschaft hat allerdings nichts mit künstlerischer Freiheit zu tun. Knallharter Chef ist die App, die den Auftrag vermittelt. Bekanntestes Beispiel: der Dumpingfahrdienst Uber.

Jetzt zeigt erstmals eine Studie, wie hart diese Art zu arbeiten ist. Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) befragten Forscher der Fachhochschule Nordwestschweiz Arbeitstätige in der Schweiz. Die Ergebnisse sind alarmierend: Vier von zehn Gig- Arbeitenden haben regelmässig Arbeitstage von mehr als zehn Stunden. Zum Vergleich: Bei Angestellten ist es nur gerade einer von 25, bei Selbständigen jeder siebte.

Fast neun von zehn Gig-Arbeitenden chrampfen normalerweise 6 oder 7 Tage die Woche. Bei den Angestellten sind es nur 9 Prozent. Bei echten Selbständigen sind es 41 Prozent. (Quelle: SECO / Christoph Vogel)

Von einem freien Wochenende können die meisten von ihnen nur noch träumen: 9 von 10 arbeiten sechs oder gar sieben Tage pro Woche (siehe Grafik). Und jeder und jede dritte arbeitet regelmässig in der Nacht.

APP-BETREIBER PROFITIEREN

Die Studie zeigt durchs Band: Gig- Arbeitende chrampfen mehr und haben mehr Stress als klassische Selbständige. Gleichzeitig profitieren sie aber nicht von den gleichen Vorteilen wie Selbständige, etwa von mehr Autonomie oder einem besseren Verdienst. Für Roman Künzler von der Unia ist klar: «Sie haben oft von beiden Welten nur die Nachteile. Den grossen Profi t machen die Betreiber der Apps.» So kassiert Uber bei jeder Fahrt 20 bis 30 Prozent des Umsatzes, nur damit die Fahrerinnen und Fahrer die App benutzen dürfen.

Eine soziale Absicherung gibt es bei den meisten Apps nicht. Wer krank wird oder einen Unfall hat, verliert von einem Tag auf den anderen das Einkommen. Auch eine Kündigungsfrist existiert in der Welt der Gig-Wirtschaft nicht, so Künzler: «Wenn der Betreiber der App jemanden aus irgendeinem Grund nicht mehr will, sperrt er ihn oder sie einfach. Ende.»

DER LETZTE AUSWEG

Selten sei solche Arbeit ein freier Karriereentscheid, sagt Unia- Mann Künzler. Oft sei es der letzte Ausweg für Menschen, die sonst keine Arbeit fänden. Oder die auf einen Zusatzverdienst angewiesen seien, weil der Lohn im angestammten Beruf nicht ausreiche.

Wie viele Gig-Arbeitende es in der Schweiz gibt, darüber gibt es keine verlässlichen Angaben. Christoph Vogel, Co-Autor der Seco-Studie, sagt zu work: «Das Phänomen ist bei uns bisher noch kaum erforscht.» In seiner Studie mit rund 1000 Arbeitstätigen waren es etwa zwei Prozent. Untersuchungen aus dem Ausland kommen zu höheren Zahlen: In Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Schweden und Grossbritannien gaben zwischen 9 und 19 Prozent aller Arbeitstätigen an, dass sie schon einmal Gig-Arbeit verrichtet hätten.

Vier von zehn arbeiten regelmässig mehr als zehn Stunden täglich.

Was auffällt: Die meisten, die Geld mit Gigs verdienen, haben schon ganz verschiedene Aufgaben gemacht – einfache Botengänge, Taxifahren, Büroarbeiten, Computersupport.

Für Gewerkschafter Roman Künzler ist das ein Zeichen, in welch prekärer Lage viele von ihnen sind: «Sie versuchen ihre Talente, aber auch ihren Besitz, wie zum Beispiel ihr Auto, auf irgendeine Weise gewinnbringend einzusetzen. Nur so kommen sie finanziell irgendwie über die Runden.»

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