Island führt TÜV für Firmen gegen Lohndiskriminierung ein

«Amtl. geprüft: frauenfreundlich»

Sabine Reber

Island nimmt seine Firmen in die Pflicht: Sie müssen künftig nachweisen, dass sie gleiche Löhne für Frauen und Männer bezahlen. Sind sie unwillig, drohen ihnen Bussen. Von Ralph Hug und Sabine Reber

Der kleine Unterschied: Würden sie mehr verdienen, wenn sie Männer wären? Junge Frauen an einer Demo in Reykjavik. (Foto: Arnthor Birkisson)

Ist es das Parlament? Fast die Hälfte im isländischen «Althing» sind Frauen. Oder war es der vergangene Oktober? Tausende Frauen verliessen in der isländischen Hauptstadt Reykjavik aus Protest um punkt 14.38 Uhr den Arbeitsplatz. Um zu zeigen: Ab dieser Uhrzeit verrichten wir nur unbezahlte Arbeit. Denn auch in Island verdienen Frauen bis zu 18 Prozent weniger als Männer. Der «gender gap» – der Anteil am Lohnunterschied, der nur mit Diskriminierung erklärt werden kann – beträgt laut Berechnungen 7 Prozent.

Jetzt soll diese Differenz verschwinden. Darauf haben sich Linke und Rechte im Parlament verständigt. Sozialminister Thorsteinn Viglundsson stellte Anfang April einen Gesetzesentwurf vor. Er sagte: «Es ist Zeit für radikale Massnahmen. Wir haben das Know-how und die Mittel, um die Lohnlücke zu beseitigen.» Viglundsson ist mitnichten ein Radikaler. Bevor er letztes Jahr in die Regierung gewählt wurde, amtete er als Chef eines Unternehmerverbands. Frauendiskriminierende Löhne nennt er eine «hässliche Angewohnheit».

ENDLICH GRIFFIG

work hat exklusiv den «Equal Pay Act», Islands neues Lohngleichheitsgesetz, übersetzen lassen. Bisher lag es nur in der Originalsprache vor. Der Erlass ist ein Zusatz zum bestehenden Gleichstellungsgesetz aus dem Jahr 2008. Schon darin ist fest-gehalten, dass die Arbeitgeber einen Plan für ein Lohnsystem ohne Diskriminierung vorlegen müssen. Nur: Das hat nicht viel genützt. Zehn Jahre da- nach werden Frauen immer noch schlechter bezahlt als Männer. Einfach, weil sie Frauen sind.

Künftig müssen Betriebe ab 25 Beschäftigten nachweisen, dass sie gleiche Löhne zahlen. Dann erhalten sie eine Bescheinigung, quasi einen TÜV-Stempel «Amtl. geprüft: frauenfreundlich!» Die Bescheinigung ist drei Jahre gültig. Die Betriebe müssen den Beweis, dass ihre Löhne fair sind, durch eine Prüfung («Audit») erbringen. Das «Center for Gender Equality» kontrolliert die Audits. Diese Behörde existiert seit dem Jahr 2000 und kümmert sich um Gleichheitsfragen. Sie stellt auch die Bescheinigungen für Lohngleichheit aus. Diese werden im Internet veröffentlicht. Unwilligen Chefs, die das Gesetz missachten, drohen Bussen.

GERECHTIGKEIT BIS 2022

Spätestens im Jahr 2022 soll es in Islands boomender Wirtschaft, die vom Tourismus und der Fischereiindustrie dominiert ist, keine Lohndiskriminierung mehr geben. Ein ambitionierter Zeitplan sieht vor, dass das Gesetz ab 2018 in Kraft tritt. Grosse Betriebe mit mehr als 250 Arbeitnehmenden haben Zeit bis Ende 2018, kleinere bis Ende 2020. Das zuständige Sozialministerium kann die Deadline um ein Jahr aufschieben. Dann ist Schluss mit unfairen Löhnen. Und nicht erst im Jahr 2133. So lange würde es nach einer Analyse des World Economic Forum dauern, wenn es international in Sachen Lohngleichheit im selben Schneckentempo vorwärtsginge wie bisher.

Noch sind Fragen zu Islands Pioniertat offen. Wird das Gesetz so verabschiedet? Setzt es der Staat konsequent um? Von work kontaktierte Fachfrauen sagen, die Prüfungsmethode sei wichtig, und die Vollzugsbehörde müsse genügend Ressourcen haben. Juristin Doris Bianchi vom Gewerkschaftsbund meint: «Das Modell Islands ist das Griffigste, was ich kenne.» Bestechend seien die Transparenz und die starke Rolle der Gewerkschaften in der Umsetzung. Diese können die Lohngleichheit in den Vertragsverhandlungen aufs Tapet bringen. Auch haben sie vollen Zugriff auf die Prüfungsresultate. Erstaunlich ist, dass dieser Fortschritt nicht etwa von einer Linksregierung kommt. Vielmehr wird Island seit letztem Herbst von einer Mitte-rechts-Koalition regiert. Diese unterstützt den Gesetzesentwurf. Das zeigt: Lohngleichheit ist eine Frage des Drucks von unten.

Viel Applaus für Subito-Initiative

Die Unia will, dass der Gewerkschaftsbund eine Volksinitiative zur Durchsetzung der Lohngleichheit prüfe. Motto: Lohngleichheit subito! Diese Idee stösst bei ­engagierten Fachfrauen und Politikerinnen auf viel Zustimmung. Für die SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer ist sie die «richtige ­Antwort auf den Milliardenbschiss an den ­Frauen». Und Bankenprofessorin Gabrielle Wanzenried meint: «Der Markt löst das Problem nicht» (siehe auch Artikel im letzten work).

DEMO. Im vergangenen Juni demonstrierten Tausende Frauen für Lohnkontrollen – zwanzig Jahre nach Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetzes. Der Bund plant eine ­Revision, aber nur mit freiwilligen Massnahmen und ohne jegliche Sank­tionen. Die ­Arbeitgeber und rechte Kreise blocken ­griffige Massnahmen für gleichen Lohn ab.

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