Arbeitskampf bei Schweizer Weltkonzern
Türkische Mineure legen sich mit Aargauer Bergbau-Multi an

Die Omya aus Oftringen AG ist ein äusserst verschwiegener Weltkonzern. Doch jetzt erheben Bergarbeiter in der Türkei schwere Vorwürfe – und kritisieren sogar den steinreichen Schweizer Besitzerclan. Kommt es bald zum Streik?

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KEINE SKLAVEN: Mit dieser Botschaft wehren sich türkische Arbeiterinnen und Arbeiter gegen einen Schweizer Bergbau-Multi. (Foto: Keystone)

«Ein Arbeiter ist kein Sklave!» steht in knalligen Lettern auf dem Protestbanner. Dahinter: fünfzig Männer mit verschränkten Armen und ernsten Mienen. Gebannt lauschen sie der Rede von Arzu Çerkezoğlu. Die Präsidentin der 200'000 Mitglieder starken Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften der Türkei (DISK) ist eigens aus dem fernen Istanbul angereist. Um hier, am Rand der Industriestadt Kemalpaşa bei Izmir, den Protestierenden den Rücken zu stärken. Diese erheben schwere Vorwürfe gegen den Schweizer Bergbau- und Chemieriesen Omya:

Löhne, die kaum zum Leben reichten und der Inflation, die zurzeit bei 30 Prozent liegt, stets hinterherhinkten. Zudem Ungleichbehandlungen je nach Anstellungsverhältnis, willkürliche Lohnabzüge und eine übermässige Arbeitsbelastung.

Das Grundübel aber liege in einem Management, das sich jeglichen Verhandlungen verweigere – oder noch schlimmer – jene entlasse, die das Maul aufmachten. Wie 2021, als die unabhängige Tageszeitung «Evrensel» von sechs Omya-Arbeitern berichtete, die die Kantinenverpflegung in Kemalpaşa kritisiert hatten. Ihnen seien verdorbene Esswaren und abgelaufene Joghurts aufgetischt worden. Die sechs hatten darauf auf dem Firmenareal einen kleinen Grill angeschmissen. Das habe der Werkschef als Vorwand benutzt, sie alle zu entlassen. Tatsächlich habe er sie im Visier gehabt, weil sie die aktivsten Gewerkschafter im Betrieb gewesen seien.

Eine im Vergleich viel grössere Tragweite, mit Auswirkungen bis in die Schweiz, hat der aktuelle Disput. Deshalb hat am Protesttag vom 29. September auch die DISK-Präsidentin Çerkezoğlu einen Auftritt. Zur Menge und in die TV-Kameras sagt sie: «Gerichte sollten sich nicht mit den grundlegendsten Rechten von Arbeitnehmenden befassen müssen.» Ihre Aufgabe sei es stattdessen, Gerechtigkeit zu schaffen. Konkret:

Sie sollten sich zum Beispiel mit jenen befassen, die in vier Monaten aus ihrem Sessel heraus ein Einkommen erzielen, das mein Kollege in diesem Bergwerk nur in einem 4000jährigen Einsatz erreichen könnte.

SUPPORT FÜR DIE BERGBAU-LEUTE: DISK-Präsidentin Arzu Çerkezoğlu. (Foto: Screenshot)

Milliarden mit Mineralien

Eine Fundamentalkritik, die besonders im aargauischen Oftringen registriert worden sein dürfte. Dort nämlich liegt das Stammhaus von Omya. Der Konzern ist ein «stiller Riese». Ausserhalb der Branche kennt ihn kaum jemand, obwohl seine Dimensionen überwältigend sind: 9000 Mitarbeitende, davon mehrere Hundert in der Schweiz, über 160 Bergwerke, Laboratorien und Fabriken in der ganzen Welt. Sogar eine Hochseeflotte und Tausende Eisenbahnwaggons soll Omya sein Eigen nennen.

Gross geworden ist die vormalige Plüss-Stauffer AG ab 1884 mit der Fabrikation von Kreiden und Fensterkitten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Chemiehandel hinzu, dank einer geschickten Kooperation mit einem «entnazifizierten» IG-Farben-Spin-off. Ein besonderes Gewicht liegt bis heute auf der Gewinnung von Calciumcarbonat und dementsprechend dem Abbau von Kalkstein, Kreide und Marmor. Anwendung finden die Omya-Mineralprodukte in der Papier-, Agrar-, Forst-, Pharma- oder Bauindustrie. Aber auch in vielen Zahnpasten, Kosmetikartikeln, Windeln, Babynahrungsmitteln oder Frühstückszerealien steckt ein Stück Omya. Dass dies kaum jemand weiss, liegt nicht zuletzt an der Verschwiegenheit des Konzerns.

Von «Reichstenliste» streichen lassen

Seit Generationen setzt man in Oftringen auf strengste «Diskretion». Auch eine work-Anfrage blieb unbeantwortet. Möglich ist so was, weil der Konzern weder Endkonsumenten noch Investorinnen bedienen muss. Omya ist nicht börsenkotiert, sondern in Familienbesitz. Die Universität St. Gallen zählt Omya sogar zu den 500 weltgrössten «Family Businesses». Am Ruder ist seit Generationen die Eignerfamilie Schachenmann mit Wurzeln in Schaffhausen.

Sie scheut das Licht der Öffentlichkeit noch mehr als ihr Konzern. Pressefotos von Verwaltungsratspräsident Max André Schachenmann gibt es keine. Ebenso wenig von seinem Bruder, dem VR-Vize und Gruppen-CEO Eric Schachenmann. Ihrem Clan ist es laut der «Handelszeitung» sogar gelungen, von der «Bilanz»-Liste der reichsten Schweizer und der «Forbes»-Liste der globalen Milliardäre getilgt zu werden. Freilich nicht wegen fehlender Mittel. In den 1990ern noch war das Familienvermögen auf eine Milliarde Franken geschätzt worden. Seither dürfte es – analog dem Konzern – üppig angewachsen sein. 2018 meinte ein Omya-Sprecher jedenfalls, man beabsichtige eine Verdoppelung des Umsatzes auf 7 Milliarden Franken bis 2026. Das ist zwar nicht ganz gelungen. Laut dem Londoner Rohstoff-Informationsdienst ICIS verbuchte Omya im Jahr 2025 einen Jahresumsatz von immerhin 5,1 Milliarden Dollar. Eine Steigerung, die auch dank den Kumpels in der Türkei möglich wurde.

Konzern klagt gegen Ministeriumsentscheid

Am Protest vor dem Werkstor in Kemalpaşa spricht auch Ahmet Remzi Atasoy, der Vorsitzende der linken Bergarbeitergewerkschaft Dev Maden-Sen. Er adressiert sich in seiner Rede direkt an die Schweizer Omya-Führung:

Als ihr 1999 mit der Übernahme von Ak Maden euren ersten Schritt in der Türkei gemacht habt, betrug eure Förderkapazität 100'000 Tonnen. Jetzt ist sie auf 1 Million Tonnen gestiegen. Ihr habt die Produktion auf Kosten unseres Schweisses um das Zehnfache gesteigert!

Aber auch Atasoy und sein Team haben geliefert: Diesen Juli begannen sie, ihre Gewerkschaft in sämtlichen sieben Omya-Werken zu verankern. Heute vertritt die Dev Maden-Sen laut Eigenangaben rund 80 Prozent der Belegschaften, sogar 90 Prozent sind es bei den Festangestellten.

Diese Zahlen sind deshalb zentral, weil eine Gewerkschaft laut türkischem Recht eine betriebliche Mehrheit braucht, um mit dem Arbeitgeber einen Gesamtarbeitsvertrag abschliessen zu können. Diese Mehrheit wurde Dev Maden-Sen am 22. August vom Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit bestätigt. «Von diesem Zeitpunkt an war es unsere Priorität, sicherzustellen, dass der Tarifverhandlungsprozess auf der Grundlage von gegenseitigem Vertrauen, sozialem Dialog und konstruktiven Verhandlungen fortgesetzt werden konnte», schreibt ein Sprecher auf Anfrage von work. Man habe die Unternehmensleitung wiederholt und über verschiedene Kanäle kontaktiert und um ein Treffen gebeten. Vergebens. Omya ging sogar noch einen Schritt weiter und legte Rekurs ein gegen den Ministeriumsentscheid. Erst mit dem Gang an die Öffentlichkeit und dem Protest habe Omya eingelenkt und zu einem ersten Spitzentreffen geladen. Eine Einigung blieb allerdings aus. Das wiederum brachte die Unia auf den Plan.

Unia interveniert am Hauptsitz

Silvia Locatelli, Unia-Geschäftsleitungsmitglied und Leiterin des Sektors Industrie, schickte einen Protestbriefnach Oftringen und verlangte von der Omya-Führung Respekt vor «fundamentalen Arbeits- und Gewerkschaftsrechten». Der Brief traf offenbar einen wunden Punkt. Omya-Europa-CEO Herlinde Wauteraerts liess jedenfalls umgehend entgegnen, man lehne das Recht auf gewerkschaftliche Organisation nicht ab und habe das auch «nie getan». Aber: «Unabhängig davon machen wir von unseren Rechten Gebrauch, die uns nach türkischem Gesetz zustehen.» Dies sei «ein legitimes Verfahren» und nicht als Angriff auf die Mitarbeitenden und ihre Vereinigungsfreiheit zu verstehen. Man hoffe auf einen «weiterhin konstruktiven und respektvollen Umgang» mit Dev Maden-Sen. 

SCHICKTE EINEN PROTESTBRIEF AN DIE FIRMENZENTRALE: Unia-Geschäftsleitungsmitglied Silvia Locatelli. (Foto: Manu Friederich)

Schöne Worte. Doch über den Grund des Rekurses schweigt sich Omya aus. Nicht aber die Gewerkschaft: Es handle sich um eine reine Verzögerungstaktik. Omya argumentiere nämlich, Dev Maden-Sen fehle am Omya-Standort in Istanbul die gesetzlich nötige Verankerung. Bloss: Bei diesem Standort handelt es sich weder um eine Fabrik noch um ein Bergwerk. Sondern um Büros in einem Wolkenkratzer. Nach türkischem Recht darf eine Gewerkschaft aber nur innerhalb jenes Sektors tätig sein, für den sie ursprünglich gegründet wurde. Dev Maden-Sen darf also nur Bergbauberufe organisieren – nicht aber Büroangestellte. Für die Gewerkschaft ist deshalb klar: «Der Einspruch muss zurückgezogen, die Wahl der Beschäftigten respektiert werden, und die Tarifverhandlungen müssen beginnen!»

Und wenn nicht? Da lässt sich Dev Maden-Sen nicht in die Karten blicken. Sie verweist aber auf ein «sehr starkes Gefühl der Einheit und Solidarität», das sich entwickelt habe. Ausserdem seien direkte Kommunikationskanäle etabliert worden, so dass sich die zuvor isolierten Belegschaften in den verschiedenen Provinzen jetzt koordinieren könnten. Und sie betont: «Wir werden jeden Tag mehr!»

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