MS Direct vor Gericht
Zalando-Retouren: Schon wieder schwere Vorwürfe

Fristlose Entlassung nach einem lauten Streit: So wollte die Logistikbude MS Direct zwei unliebsame Mitarbeitende loswerden. Doch die beiden klagen gegen die Skandalfirma. Vor Gericht werfen sie ihr Schikane und Diskriminierung vor.

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ZALANDO-RETOUREN: Die Firma, die die Pakete verarbeitet, sorgt erneut für Schlagzeilen. (Foto: Keystone)

In einer Logistikhalle in Arbon TG wird es am 8. Januar 2025 laut. Dort, wo Mitarbeitende die Retouren für den Onlinehändler Zalando verarbeiten, tobt ein heftiger Wortstreit. Auf der einen Seite stehen ein 54jähriger Mitarbeiter, der die zurückgeschickte Ware kontrollieren und sortieren muss, sowie dessen Sohn, 22, Staplerfahrer. Auf der anderen Seite: der Vorgesetzte des Vaters. Am Ende wird der Vater vom firmeneigenen Sicherheitsdienst aus der Halle geführt – und fristlos entlassen. Der Sohn ebenfalls.

Gegen die Kündigungen klagten die beiden vor dem Bezirksgericht in Arbon, wie die «Thurgauer Zeitung» berichtet. Ihre Arbeitgeberin war die Logistikfirma MS Direct. Sie sorgt regelmässig für negative Schlagzeilen – wegen mieser Löhne und Einschüchterung, ungerechtfertigter Entlassungen oder des Vernichtens neuwertiger Artikel (siehe Box unten). Auch die Unia-Arbeitslosenkasse schloss sich der Klage an. Sie hatte nach der Entlassung der beiden Zahlungen getätigt und forderte dieses Geld von der Firma zurück.

Vorwand gesucht und gefunden

Die Anwältin der klagenden Parteien bezeichnete vor Gericht die Kündigungen als missbräuchlich. Sie beschrieb, wie Vorgesetzte regelmässig Mitarbeitende schikaniert und diskriminiert hätten. Dagegen habe sich der entlassene 54jährige im Betrieb engagiert. Er habe bei den Mitarbeitenden Unterschriften gesammelt mit dem Ziel, den Missständen ein Ende zu setzen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. MS Direct habe einen Vorwand für die fristlose Kündigung gesucht und ihn im Vorfall vom Januar 2025 gefunden.

Worum es damals genau ging, bleibe unklar, so die Zeitung. Während der Anwalt der Firma ausführte, der Entlassene sei aggressiv gewesen und habe seinen Vorgesetzten bedroht, beteuert dieser, er habe sich ruhig und professionell verhalten.

MS Direct löschte das Video

Pikant: In den Hallen hat MS Direct Überwachungskameras installiert. Doch vom Streit gibt es keine Videoaufzeichnung mehr. Die sei «aus Datenschutzgründen» gelöscht worden, erklärte ein Firmenvertreter vor Gericht. 

Gemäss der Zeitung hatten Vater und Sohn eine Entschädigung «im niederen fünfstelligen Bereich» gefordert. Am Ende der Verhandlung ordnete das Gericht ein Vergleichsgespräch zwischen den Parteien an. Sie erzielten eine Einigung, über deren Inhalt Stillschweigen vereinbart wurde. So lässt sich zumindest vermuten: Wären die Vorwürfe der beiden völlig aus der Luft gegriffen, hätte MS Direct kaum in einen Vergleich eingewilligt.

Miese Tricks und noch miesere Löhne: Die Skandalfirma MS Direct

Ob im Call-Center oder bei den Zalando-Retouren: Immer wieder legt die MS-Direct-Gruppe einen respektlosen Umgang mit Mitarbeitenden an den Tag. Eine Chronik:
 
Dezember 2017: Im work schildert Maria B. die Zustände bei MS Direct in St. Gallen. Sie musste Zalando-Retouren reinigen und sortieren. Wer zu langsam ist, wird alle zwei Stunden zur Eile angetrieben. In der Halle zieht es, im Winter braucht sie Handschuhe. Ihr Anfangsstundenlohn: 16 Franken 50.
Zum Artikel: rebrand.ly/direct1
 
Februar 2018: Zwei Frauen lassen die miesen Maschen im Call-Center in Feldmeilen ZH auffliegen. MS Direct wollte beiden den Arbeitsvertrag deutlich verschlechtern. Eine von ihnen unterschrieb und verdiente danach 600 Franken weniger im Monat. Die andere unterschrieb nicht und bekam die Kündigung. Zum Artikel:
rebrand.ly/direct2
 
August 2019: MS Direct und die Gewerkschaft Syndicom schliessen einen Gesamtarbeitsvertrag ab. Die Löhne sind kaum mehr, als was MS Direct bisher bezahlt hat. 17.57 Franken pro Stunde im ersten halben Jahr, dann 18.21 für Ungelernte und 19.12 für Gelernte. Damit unterbietet der GAV sogar den umstrittenen Mindestlohn von damals 18.27 Franken.
 
November 2019: Weitere fünf Ex-Mitarbeitende aus Call-Centern packen aus. Alle berichten von Lohndrückerei, in Muttenz BL zudem von gruusigen Büros.
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August 2020: Der Schweizer Presserat urteilt über eine Beschwerde von MS Direct – und hält fest: work hat weder «unwahre Behauptungen verbreitet» noch «wichtige Informationen unterschlagen» und auch die kritisierte Firma korrekt angehört. Er weist die Beschwerde vollumfänglich ab.
 
Dezember 2024: In Arbon TG stellt MS Direct eine schwangere Mitarbeiterin auf die Strasse. Nur wenige Stunden nachdem sie den Betrieb über die Schwangerschaft informierte. Sie wehrt sich mit Unterstützung der Unia und einigt sich mit MS Direct auf eine aussergerichtliche Entschädigung. Über den Inhalt wurde Stillschweigen vereinbart. 
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September 2025: MS Direct vernichtet jede Woche Tausende neuwertige Artikel, anstatt sie wieder in den Verkauf zu bringen. Das berichtet im «Blick» ein Mitarbeiter. Die Auftraggeber der Firma, die Onlinehändler Zalando und Apfelkiste, seien darüber im Bild. Bei den Zalando-Kleidern lande etwa jeder vierte zurückgeschickte Artikel im Abfall. Geschätzt seien so innert sechs Jahren Waren im Wert von bis zu 40 Millionen Franken vernichtet worden. Zalando und Apfelkiste bestreiten die Kritik.
 
November 2025: Eine Ex-Mitarbeiterin berichtet im work von einem Klima der Angst und schikanösen Chefs im Call-Center der Firma Dialogworld – ebenfalls Teil der MS Direct Group.
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Juni 2026: Über 20 ehemalige Mitarbeitende gehen rechtlich gegen MS Direct vor: Sie fordern ausstehende Löhne. Im Fall einer Frau, die in Arbon TG Zalando-Retouren verarbeitete, belaufen sich die offenen Lohnforderungen laut «Blick» auf fast 25'000 Franken.

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