Armut in der Schweiz
360’000 Menschen können von ihrem Lohn nicht leben

Fixkosten wie Miete, Krankenkassenprämie oder Mobilität steigen immer weiter. Über 8 Prozent der Erwerbstätigen sind trotz Arbeit von Armut gefährdet, Tendenz steigend. Jetzt schlägt Caritas Alarm. 

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DIE ZAHL DER WORKING POOR STEIGT: Caritas kritisiert, dass die Schweiz zu wenig für Menschen macht, die trotz Arbeit zu wenig Geld haben. (Grafik: work)

Der Prämienhammer sitzt vielen Menschen in der Schweiz noch tief in den Knochen. Die Prognosen: Durchschnittlich steigt die Prämie für das kommende Jahr um 5 Prozent. Dass Löhne jährlich um so hohe Prozentzahlen steigen, ist kaum vorstellbar. Hinzu kommen Teuerung, Mietkosten usw. Real bleibt den Arbeiterinnen und Arbeitern so Jahr für Jahr weniger im Portemonnaie. Die Fixkosten fressen die Löhne weg, zum Leben – geschweige denn zum Sparen – bleibt in vielen Haushalten nicht viel übrig. Wer trotz Arbeit von Armut betroffen oder gefährdet ist, gehört zu den «Working Poor».

Und genau davor warnt Caritas: Die Schweiz tut zu wenig für Working Poor! Die Auswertung von Caritas zur Erwerbsarmut in der Schweiz zeigt, wie alarmierend die Situation ist. In der Schweiz leben fast 360'000 Menschen, die nicht genügend Geld zum Leben haben, obwohl sie arbeiten. Das sind 8,8 Prozent aller Erwerbstätigen. Dazu sagt Aline Masé, Leiterin Grundlagen und Politik bei Caritas Schweiz:

Ärmere Haushalte geben praktisch ihr ganzes Bruttoeinkommen für Fixkosten und Grundbedürfnisse aus. Sie haben null Reserven, um zusätzliche Belastungen zu verkraften.

ALINE MASÉ: Spezialistin bei der Caritas Schweiz. (Foto: Yoshiko Kusano)

Die Zahlen steigen

Das Ausmass ist bei genauem Hinschauen noch viel gravierender: Zählt man alle Personen zusammen, die in einem Working-Poor-Haushalt leben, sind in der Schweiz über 820'000 Menschen von Armut gefährdet. Seit Jahren steigt diese Zahl. Es gibt sehr viele Ursachen, warum Menschen trotz Arbeit in eine finanzielle Schieflage geraten können. Darunter die fehlende Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und unbezahlter Care-Arbeit, strukturelle Barrieren und Diskriminierung, steigende Lebenshaltungskosten und vieles mehr.

Was es bräuchte

Deshalb fordert Caritas Schweiz einerseits mehr gezielte Unterstützung für erwerbstätige Eltern, beispielsweise mit einer Familien-Ergänzungsleistung. Ein weiterer wichtiger Ansatz ist bedarfsgerechte und bezahlbare Kinderbetreuung. Denn besonders Familien sind von Erwerbsarmut betroffen. Weitere Forderungen sind berufsorientierte Weiterbildungen für Erwachsene und Mindestlöhne. Diese gibt es heute zwar in einzelnen Städten und Kantonen, zusätzlich in Gesamtarbeitsverträgen. Caritas fordert aber auch einen schweizweit gültigen Mindestlohn. 

Angriff auf Mindestlohn: Referendum eingereicht

Letzte Woche hat das Referendumskomitee 100'000 Unterschriften gegen den Angriff auf die Mindestlöhne eingereicht. Anlässlich der Übergabe sagte Unia-Präsidentin Vania Alleva: «Ob im Gastgewerbe, in der Reinigung, im Coiffeurgewerbe, im Detailhandel oder in der Textilreinigung: Wer die Mindestlöhne schwächt, trifft genau jene Beschäftigten, die jeden Franken zum Leben brauchen.»

Auslöser für das Referendum war eine Motion des Luzerner Mitte-Ständerats Erich Ettlin. Diese fordert, dass Löhne gemäss Gesamtarbeitsvertrag (GAV) Vorrang haben. Die Folge: Löhne in Tieflohnbranchen sinken weiter. Das bedeutet, dass in Kantonen wie Genf oder Neuenburg, wo das Stimmvolk für Mindestlöhne abgestimmt hat, diese in einzelnen Branchen nicht mehr gelten. Mit dem Einreichen des Referendums entscheidet nun das Volk voraussichtlich im Februar 2027 über die Zukunft der Mindestlöhne. 

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