Äthiopien
Wie aus Wut und Trauer eine politische Kraft entstand

Die feministische Bewegung «Tisema» fordert ein Ende der Gewalt gegen Frauen in Äthiopien. In den sozialen Medien erreicht sie Millionen Menschen. An ihrem Anfang steht die tragische Geschichte von Zewdu Haftu. 

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FEMINISTISCHE BEWEGUNG IN ÄTHIOPIEN: «Tisema» macht die weiblichen Opfer von Gewalt sichtbar. (Foto: zvg)

Der Fall bewegt ganz Ostafrika: Die Äthiopierin Zewdu Haftu hatte versucht, sich gegen einen sexuellen Übergriff zu wehren. Daraufhin hat der Täter sie an den Haaren weggezerrt. Dabei wurde sie von einem Fahrzeug erfasst und schwer verletzt. Die 32jährige starb am 19. August 2023. Zwei Männer wurden zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt. Diesen August jedoch wieder freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen. 

Diese plötzliche Entlassung der beiden Männer rief die feministische Bewegung «Tisema» auf den Plan. Kiya Ali ist Teil der Bewegung. Für sie zeigt der Fall exemplarisch:

Gewalt gegen Frauen wird in Äthiopien immer wieder als Einzelfall behandelt, obwohl dahinter ein landesweites Muster steckt.

Das bestätigt auch Betelehem Akalework, Mitgründerin von Tisema. Frühere Forderungen nach einem entschiedeneren Vorgehen gegen Gewalt an Frauen hat die Regierung weitgehend ignoriert, während die Gewalt weiter zugenommen hat. Akalework sagt zu work: «Die immer wieder gleichen Geschichten über geschlechtsspezifische Gewalt brachten viel Wut und Trauer mit sich.» Aus dieser kollektiven Trauer sei Tisema entstanden. Ihre Kollegin Ali ergänzt: «Wir glauben, dass Trauer in öffentliches Handeln, institutionelle Verantwortung und Rechenschaftspflicht umgesetzt werden muss.»

Unsichtbare Gewalt

Die zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre in Äthiopien haben die Situation von Frauen weiter verschärft. Konflikte, Vertreibung und wirtschaftliche Not erhöhten die Risiken für Frauen und Mädchen, erklärt Ali. Hinzu kämen tief verankerte soziale Ungleichheiten.

Wie gross das Problem ist, zeigen die Zahlen. Laut dem «Ethiopian Health Survey 2025» hat knapp jede dritte der jemals verheirateten Frauen zwischen 15 und 49 Jahren körperliche, sexuelle oder emotionale Gewalt durch ihren Partner erlebt. Gleichzeitig wenden sich lediglich 27 Prozent der Betroffenen an eine Stelle, die Hilfe anbietet.

Für Tisema reicht es deshalb nicht, einzelne Fälle strafrechtlich zu verfolgen. Die Bewegung fordert, dass geschlechtsspezifische Gewalt als strukturelles und politisches Problem anerkannt wird. Aktivistin Akalework sagt:

Wir fordern die äthiopische Regierung auf, geschlechtsspezifische Gewalt als nationale Krise anzuerkennen und entsprechend zu handeln. Wir wollen, dass geschlechtsspezifische Gewalt nicht länger als etwas Privates oder Unvermeidbares betrachtet wird.

Es gehe darum, Strukturen zu verändern, die Gewalt ermöglichen.

«Lass sie zu Wort kommen»

Um diese Forderungen sichtbar zu machen, setzt Tisema auf traditionelle und auf soziale Medien. Unter dem Hashtag #Tisema verbreiten international Tausende Menschen Beiträge über die Bewegung und ihre Forderungen. Grüne Profilbilder wurden zum Zeichen der Solidarität. Eine von Tisema gestartete Petition haben inzwischen mehr als 200'000 Menschen unterschrieben.

ERKENNUNGSZEICHEN: Grüne Profilbilder und diese Hand stehen für die Tisema-Bewegung. (Foto: zvg)

Der digitale Raum sei dabei nicht nur eine strategische Entscheidung. Weil die Versammlungsfreiheit in Äthiopien eingeschränkt ist, sind öffentliche Proteste mit erheblichen Risiken verbunden. Akalework erklärt: «Wir wollen, dass möglichst viele Teil dieser Bewegung werden und dabei so sicher wie möglich bleiben.»

Tisema orientiert sich deshalb auch an feministischen Bewegungen in anderen Ländern. Zum Beispiel Südafrika. Dort führte der öffentliche Druck von Frauenrechtsorganisationen und Betroffenen dazu, dass geschlechtsspezifische Gewalt 2025 offiziell als nationale Krise anerkannt wurde (siehe Box unten). 

Internationale Solidarität

Das Ziel der Petition liegt bei einer Million Unterstützerinnen und Unterstützern. Dabei setzt Tisema auch auf internationale Solidarität, sagt Akalework. Stimmen aus dem Ausland könnten die Forderungen äthiopischer Frauen verstärken, Solidarität mit Menschenrechtsverteidigerinnen schaffen und verhindern, dass das Thema allzu schnell wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet. Tisema-Aktivistin Ali sagt: «Das Ziel ist aber nicht einfach mehr Aufmerksamkeit.» Es gehe um «anhaltende Solidarität», die zu konkreten Veränderungen führe.

Denn die Geschichte von Zewdu Haftu steht für viele Frauen auf der ganzen Welt. Tisema will aus ihrer Geschichte eine gemeinsame, mächtige Stimme machen. 

Politik in Äthiopien: Autoritäre Regierung

Äthiopien liegt am Horn von Afrika und ist mit rund 130 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern eines der bevölkerungsreichsten Länder des Kontinents. In der Hauptstadt Addis Abeba regiert Ministerpräsident Abiy Ahmed, seit 2018 im Amt. Einst galt er als Hoffnungsträger für demokratische Reformen, heute bestimmt seine Prosperity Party das politische Geschehen weitgehend allein. Oppositionelle berichten von Einschüchterungen und verweigerten Genehmigungen, auch die Pressefreiheit ist eingeschränkt.

Zudem prägen anhaltende Konflikte das Land. Der Krieg in Tigray von 2020 bis 2022 forderte Hunderttausende Todesopfer. Ende September 2026 flammten dort erneut Kämpfe zwischen Regierungstruppen und tigrayischen Kräften auf.

Gewalt gegen Frauen: Blick nach Südafrika

Frauenrechtsorganisationen kämpfen in Südafrika für wichtige Fortschritte. Doch heute noch leidet das Land unter massiver Gewalt gegen Frauen. Zahlen der Vereinten Nationen zeigen das Ausmass auf: Das Risiko für eine Frau in Südafrika, Opfer eines Femizids zu werden, ist fünfmal so hoch wie im globalen Durchschnitt. In Südafrika werden mehr als sechs Frauen pro Tag ermordet. Die Gewalt hat vielschichtige Ursachen: Armut, Arbeitslosigkeit, Folgen von Kolonialismus und Apartheid, grosse Klassenunterschiede und vieles mehr.

Auch die UN Women warnt vor der gravierenden Situation in Südafrika: «Gewalt gegen Frauen ist kein Problem, das auf ein einzelnes Land oder eine bestimmte Institution beschränkt ist. Es handelt sich um eine weltweite Krise der Menschenrechte und der öffentlichen Gesundheit.»

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