Jugendrevolte in Frankreich
«Wir fordern das Recht auf Zukunft!»

6547 meist Minderjährige verhaftet, eine Hand abgerissen, Augen ausgeschossen, Hunderte verletzt: Frankreichs Regierung führt Krieg gegen ihre Kinder. Die wollten eigentlich nur eine bessere Ausbildung.

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MARSEILLE: Unterstützt von den Gewerkschaften ziehen die Schülerinnen und Schüler durch die Strassen. (Foto: Keystone)

Der Funke zündete im Lycée Saint-Exupéry in der Pariser Vorstadt Créteil. Diese Mittelschule ist ein Moloch für 1500 Schülerinnen und Schüler in einem «schwierigen» Quartier. Als sie aus den Sommerferien kamen, fehlten diverse Lehrerinnen und Lehrer. Das Ministerium hatte die Stellen für Mathematik, Französisch und Geschichte nicht mehr besetzt. Ende der Hoffnung auf ein gutes Jahr, ein ordentliches Diplom, auf höhere Ausbildung, einen Job. Am 17. September trat der gewerkschaftlich organisierte Teil der Lehrerschaft deshalb in Streik.

Dann ging alles sehr schnell. Die Jugendlichen, um deren Lebenschancen es ging, übernahmen. Schon tags drauf hatten fünf Schülerinnen und Schüler die erste Blockade improvisiert, mit einem Gitter von der Baustelle nebenan. Wenig später zählte ihre Tiktok-Gruppe 30'000 Zugewandte. Wie ein Lauffeuer erreichte die Bewegung bald 1014 Lycées im ganzen Land. Von Bordeaux im Südwesten über Marseille, Lyon, Paris und Strassburg bis ins nordfranzösische Lille.

MONTPELLIER: Die Schülerproteste finden im ganzen Land statt. (Foto: Keystone)

Hin und wieder führte eine Blockade zu tätlichem Streit, meist fand sie den Zuspruch der Lehrerschaft und der Politik. Frankreichs Schulwesen war lahmgelegt. Schliesslich gingen, unterstützt von den sieben Erziehungsgewerkschaften, Hunderttausende für ein besseres Bildungssystem auf die Strasse. Zum Anlass trug die Statue auf der Pariser Place de la République am 6. Oktober eine rot-schwarze Schleife: «Vernachlässigte Schulen, geopferte Jugend.»

PARIS: Die Schülerproteste auf dem «Place de la Republique». (Foto: Keystone)

Erst schiessen, dann reden

Die Regierung von Präsident Emmanuel Macron, die in elitärer Distanz zum realen Frankreich geschäftet, verfiel in helle Panik. Sie befürchtet, die Bildungsrevolte der Generation Z könnte sich in der sozialen Krise (die Reallöhne sinken seit acht Jahren) mit der Klimabewegung und dem Kampf der Gewerkschaften gegen die Neofaschisten von Marine Le Pen zu einem Aufstand verdichten.
Also wollten Regierungschef Sébastien Lecornu und sein Innenminister Laurent Nuñez die vernünftigen, klar formulierten Forderungen der Jugend nicht hören: genügend Lehrkräfte, sichere Gebäude, Fairness in der Selektion zur höheren Ausbildung. Und schon gar nicht diskutieren. Erst schiessen, dann verhandeln.

DIE ANTWORT DER REGIERUNG: Gewalt durch die Polizei. (Foto: Keystone)

Es durfte nicht sein, dass diese Generation dafür protestiert, mehr und besser arbeiten zu können. Also produzierten sie eine Verschwörungstheorie: Die «Jungen», so sagten sie, seien lernscheue Herumtreiber («glandeurs»), die von der linken Bewegung LFI missbraucht würden, um «Frankreich zu bordellisieren» (Lecornu). «Das können wir ganz allein», frotzelte eine Gruppe militanter Marseiller Schülerinnen vom Lycée Thiers zurück, «wir sind selber gross genug.»

Jagdszenen

Die Blockaden, auch die friedlichen, klassierte Lecornu als «urbane Gewalt». In Frankreich ein Synonym für grund- und sinnlose Gewalt, die mit ganzer Staatsmacht zu unterdrücken sei. Bei mehrheitlich scharf rechts sendenden Medien funktioniert das immer. Es war zugleich der Befehl für eine Welle schärfster Repression. Unter dem Vorwand, «die Demonstrierenden zu schützen» (Nuñez), verhaftete die Polizei mehr als 6000 meist Minderjährige.

POLIZEIGEWALT = AMOKLAUF: Demonstrantin verurteilt das Eingreifen der Behörden. (Foto: Keystone)

Zahllose Videos dokumentieren Gewaltorgien der Flics. Hier ein Kiefer zertrümmert, dort ein Auge ausgeschossen, da eine Passantin niedergeknüppelt. Sie hantieren mit Kriegsgerät, das anderswo in Europa für den Ordnungseinsatz verboten ist. In der Kleinstadt Lens (Nordwesten) amputierte eine Blendgranate einem 15jährigen die Hand. Erschrocken schickten die Menschenrechtsgruppen Beobachter, Eltern stellen sich seither bei vielen Aktionen als menschliche Schutzschilder («Finger weg von unseren Kindern!») vor den Nachwuchs.

MIT SCHILD UND KNÜPPEL: Polizeieinsatz in Paris. (Foto: Keystone)

Fast gebrochene Versprechen

Eine soziale Bewegung von dieser Wucht organisiert niemand. Sie entspringt der geteilten Erfahrung einer Diskriminierung. Etwa von öffentlichen Schulen ohne Lehrkräfte und überfüllten Unterrichtsklassen (Frankreich hat die grössten Schulklassen aller reichen Länder), von einstürzenden oder tropfenden Decken und Rattenrennen zwischen den Schulbänken, von 37 Grad Raumtemperatur im Sommer und ungeheizten Schulzimmern im Winter – während die Privatschulen reichlich subventioniert sind.

Entscheidender aber: Für die Generation Z sind diese Zustände Symptome eines gebrochenen Versprechens. Die «Schule der Republik» sollte Kindern aus den ärmeren Schichten die Möglichkeit eröffnen, durch fleissiges Lernen zur Ärztin aufzusteigen, zum Gerichtspräsidenten, zur Professorin. Aus den Banlieues der Städte auszubrechen. Soziale Mobilität eben. So lautete das offiziell gepriesene Gegenprogramm zu einer elitären französischen Gesellschaft. Deshalb besuchen heute noch 78,9 Prozent der 13- bis 18jährigen ein Lycée.

Im Kern geht es also um die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, unabhängig von Herkunft und Postleitzahl.

PARIS: Studentinnen und Studenten besetze das Denkmal «Le Triomphe de la République». (Foto: Keystone)

Eine Weile hat das funktioniert. Doch spätestens unter Präsident Emmanuel Macron ist der gesellschaftliche Lift in Panne. Der ohnehin tiefe Anteil von Arbeiterkindern unter Uni-Diplomierten sinkt, die Klassengesellschaft wird zementiert. Macrons Bildungsminister geben privaten Instituten den Vorrang vor der öffentlichen Schule. Und die soziale Segregation zwischen den Quartieren wächst.

Die Ungleichheit ist Programm. «Uns fehlen die Mittel», sagt Premier Lecornu. 2027 will er noch einmal 1500 Lehrerstellen kappen. Nur: Für Schule und Bildung gibt er nur halb so viel aus wie für die Subventionen an Konzerne und Reiche.

Neue Dimension

Doch vielleicht hat Lecornu gute Gründe, sich Sorgen zu machen. Diese Mobilisierung ist anders. Zum ersten Mal geht eine Revolte der Studierenden von den armen Quartieren aus. Hat aber alle erfasst, sogar einen Teil der Privaten. Sie ist existentiell motiviert, also nicht leicht zu besänftigen. Am 6. Oktober hat sie die Dimension gewechselt. 1200 denkende Köpfe des Landes und auch Ökonomen eilen ihr zu Hilfe. Der schlagkräftige Ordnungsdienst der Gewerkschaft CGT schützt ihrer Demos. Und nun greift die Bewegung auf die Unis über. Darauf liess die Regierung sämtliche Universitäten schliessen.

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