Zugbegleiterin Helene Bürge (61)
«Er hörte nicht auf, auf mich einzuschlagen»

Zugbegleiterin Helene Bürge erlebte einen schlimmen Gewaltüberfall bei der Arbeit. work erzählt sie, wie sie dank Arbeitgeber, Gewerkschaft und Familie den Weg zurück zur Arbeit gefunden hat.

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LÄSST SICH NICHT UNTERKRIEGEN: Helene Bürge erlebte einen schlimmen Angriff und engagiert sich nun für ihre Kolleginnen und Kollegen. (Foto: jun)

Helen Bürge (61) empfängt work an einem wunderschönen Herbstmorgen am Bahnhof in Brig. Bürges Ausstrahlung verrät: Das ist ihr Bahnhof! Sie kennt hier jede Ecke, jede Abfahrtszeit und gefühlt jede Pendlerin. Als Zugbegleiterin der Matterhorn-Gotthard-Bahn verbringt Bürge nicht nur viel Zeit in Brig, sondern reist quer durch den Süden der Schweiz – von Zermatt über Brig bis nach Disentis in Graubünden. Für das Interview schlägt die 61jährige ein Tea-Room in Bahnhofsnähe vor. «Da haben wir etwas Ruhe für ein Kafi und eine Zigi», sagt sie. Doch Ruhe ist relativ. Immer wieder grüsst sie Passantinnen oder Pendler, die sie im Zug fast täglich antrifft.

Dass Bürge heute noch täglich als Zugbegleiterin unterwegs ist, ist keine Selbstverständlichkeit. «Vor 10 Jahren hat mich ein junger Mann grundlos niedergeschlagen. Als ich auf dem Zugboden lag, hat er mit seinen Fäusten weiter auf mich eingeschlagen.» Die anwesenden Fahrgäste haben Bürge zwar sofort geholfen. Doch: «Er wollte einfach nicht aufhören, auf mich einzuschlagen», sagt sie. Bürge erzählt von Panik und wie sie am ganzen Körper gezittert hat. «Im ersten Moment dachte ich mir einfach nur: Das kann doch nicht wahr sein!» Als die Fahrgäste eingriffen, gelang es dem Täter, ein Fenster einzuschlagen und aus dem Zug zu flüchten. Kurz darauf wurde er verhaftet und untersucht. Der Grund für den Ausbruch: eine Psychose in Kombination mit Drogenkonsum. 

Notfallpsychologe 

Bürge erinnert sich, wie ihr das Adrenalin durch den Körper schoss: «Erst dachte ich, dass bisschen Nasenbluten hält mich nicht davon ab, weiterzuarbeiten. Doch meine Arbeitskollegen schritten ein.» Erst später bemerkte sie die Schmerzen und Verletzungen: grüne und blaue Blutergüsse am ganzen Körper, das Gesicht stark angeschwollen.

Gleich nach dem Vorfall war ihr Arbeitgeber zur Stelle. «Ich wurde den ganzen Tag belgeitet – ob zum Arzt oder zur Polizei. Auch mein Teamleiter brach an seinem freien Tag eine Wanderung ab und stand mir zur Seite. Und mir wurde von meinem Betrieb direkt ein Notfallpsychologe zur Verfügung gestellt.» Dieses Angebot nahm die Zugbegleiterin sofort an, denn sie wollte den Vorfall verarbeiten und ihr Leben weiterleben. Als engagiertes Mitglied beim SEV war auch ihre Gewerkschaft sofort für sie da: «Gleich am Tag nach dem Vorfall haben sie mich besucht und mir für den gesamten Prozess einen Anwalt gestellt.»

Gewerkschafterin: Von Anfang an dabei

Helene Bürges gewerkschaftliches Engagement kommt nicht von Ungefähr. Als sie vor 15 Jahren die Stelle bei der Bahn antrat, legte ihr ihr Vater eine Mitgliedschaft im SEV ans Herz. Als Rangierlokführer war er selbst jahrelang im Verband.

Mut statt Angst

Der Überfall vermochte Bürges Engagement nicht zu stoppen. Im Gegenteil. Zurzeit ist sie bei der SEV-Kampagne «Stopp Gewalt gegen das Zugpersonal» ganz vorne mit dabei. Sie erzählt ihre Geschichte aber nicht, um Angst zu machen:

Ich will aufzeigen: Egal was dir im Zug oder generell bei der Arbeit passiert, es sind immer Menschen da, die dich unterstützen, dir helfen und für dich da sind. Arbeitgeber, Gewerkschaft, Familie.

Die Zugbegleiterin hat ihre Zeit gebraucht, um von diesem Angriff zu heilen – körperlich und psychisch. «Was in mir noch lange nachhallte, war der Gedanke, wie man auf jemanden einschlagen kann, der bereits auf dem Boden liegt und verletzt ist, sogar blutet und man der Person einfach weitere Schmerzen zufügt. Aus welchem Grund? Damit habe ich schon einen Moment gehadert», sagt sie.

Und ist sie dem Täter wieder begegnet? «Nein», sagt Bürge, «er wollte noch ein Gespräch mit mir führen, das habe ich aber abgelehnt.» Der Grund dafür ist aussergewöhnlich:

Ich hatte gar kein Bild von ihm. Die Tat ging so schnell und ich war so schnell ausser Gefecht. Ich habe nur eine Postur gesehen, einen jungen Mann, der grösser und stärker war als ich. Ich hatte kein Gesicht vor mir – und das wollte ich auch nicht.

Seither geht Bürge bei der Arbeit wachsamer durch den Zug. Es gibt immer wieder Passagiere, die laut oder sogar aggressiv werden. Sie sagt: «Ich glaube, jede Person, die in der ersten Reihe arbeitet – sei das ein Zugbegleiter, eine Verkäuferin, ein Rezeptionist – muss sich damit auseinandersetzen, dass Menschen sehr unterschiedlich sind und unterschiedlich reagieren.» Besonders seit Corona hätten die Leute Geduld und Respekt verloren. Bürges Rezept: «Ich versuche, meinen Gästen immer auf Augenhöhe zu begegnen und die Situation mit Gelassenheit und Humor zu entschärfen.»

«Mein Zug, meine Gäste»

Wenn Bürge im Briger Teestübli über ihren Zugbegleiterinnen-Alltag spricht, merkt der ganze Raum: Diese Frau brennt für ihren Job! Selbst der brutale Angriff hält sie nicht davon ab, weiterzumachen. Im Gegenteil: «Ich spüre, wie die Stimmung im Zugabteil ist. Und ich weiss: Das ist mein Zug, das sind meine Gäste und das ist mein Lokführer, der an der Zugspitze sitzt.»

Als Teenager absolvierte Bürge eine kaufmännische Ausbildung bei einer Bank. Später arbeitete sie bei der Bergbahngesellschaft der Belalp am Billettschalter. Erst mit 46 Jahren wagte sie einen neuen Schritt und wurde Zugbegleiterin. Heute lebt Helene Bürge in Naters bei Brig, zusätzlich hat die Familie ihres Mannes eine Wohnung bei Belalp, wo sie die Ruhe nach langen Zugfahrten geniesst. Die erwachsenen Kinder sind ausgezogen, heute sorgt sie sich liebevoll um ihre Büsis. In ihrer Freizeit jodelt sie gerne oder geniesst einen feinen Walliser Wein in guter Gesellschaft. Sie freut sich auf die Pensionierung in vier Jahren, spielt aber jetzt schon mit dem Gedanken, auch danach ab und zu als Zugbegleiterin einzuspringen.

@workzeitung Helene lässt sich nicht unterkriegen ✊🏼 #brig #zugbegleiter #zug #sbb #schweiz ♬ Originalton - workzeitung

Moderation: Darija Knežević | Video und Schnitt: Julia Neukomm


SEV fordert: Stopp Gewalt gegen das Zugpersonal

Beschimpfungen und Gewalt: Seit der Corona-Pandemie haben Übergriffe auf das Verkehrspersonal drastisch zugenommen.

HÖCHSTE EISENBAHN: Das Z­ugpersonal hält den ÖV am Laufen und hat mehr Respekt verdient. (Foto: zvg)

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonal SEV organisierte Anfang September bereits zum zweiten Mal in Folge einen Aktionstag, um über das Thema Gewalt im öffentlichen Verkehr aufmerksam zu machen. Barbara Keller, Vizepräsidentin des SEV, sagt zu work:

Egal ob Schiff, Zug, Tram, Bus, Reisebüro, Bahnschalter – von unseren Mitgliedern, die in irgendeiner Form in Kundenkontakt stehen, kriegen wir mit, wie sie Beschimpfungen, Beleidigungen oder sogar Handgreiflichkeiten erleben

Ein Zustand, welcher so nicht haltbar ist. Besonders seit der Corona-Pandemie haben die Übergriffe zugenommen.

Das bestätigen auch die Matterhorn Gotthard Bahnen: «Seit der Covid-Pandemie stellen wir fest, dass Fahrgäste teilweise ungeduldiger reagieren und Konflikte häufiger verbal ausgetragen werden. Eine mögliche Ursache sehen wir in der gestiegenen Nachfrage, insbesondere im Freizeitverkehr, die teilweise zu stärker ausgelasteten Zügen führt.» Für die Bahn hat die Sicherheit der Mitarbeitenden hohe Priorität. 

Schwere Vorfälle sind bei den Matterhorn Gotthard Bahnen selten. Passieren aber Übergriffe wie bei Mitarbeiterin Helene Bürge, reagiert die Bahn gewissenhaft. Betroffene werden durch ihre direkte Vorgesetzten betreut und je nach Situation stellt die Bahn psychologische Unterstützung. Falls erforderlich, werden die Mitarbeitenden vom Dienst freigestellt.

Respekt – jetzt!

Für die Gewerkschaft SEV sind die Forderungen an die Verkehrsbetriebe klar: Gewaltvorfälle müssen protokolliert und der Polizei gemeldet werden, das Personal braucht Schulungen für aggressive Situationen und Betroffene benötigen verbindliche Nachbetreuung. An Bund, Kantone und Gemeinde ist zudem die klare Forderung, nicht im öffentlichen Verkehr zu sparen. Keller vom SEV ergänzt:

«Wir appellieren an alle Personen, die den öffentlichen Verkehr nutzen: Zeigt Respekt gegenüber dem Personal, sie leisten täglich zuverlässige Arbeit und halten unseren ÖV am Laufen.» 

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