«Was Armut mit mir zu tun hat»

Das Tabuthema Armut bekommt zum 125-jährigen Jubiläum von Caritas Schweiz eine grosse Bühne. In ihrer interaktiven Ausstellung räumt die Organisation mit Vorurteilen auf und zeigt, warum Ungerechtigkeit der Risikofaktor Nr. 1 für Armut ist.

WENN GELD FEHLT: Die Caritas-Ausstellung in Luzern zeigt die Realität von Armut in der Schweiz.

Armut kann alle treffen. Das zeigt eine neue Ausstellung von Caritas Schweiz deutlich auf. Zu ihrem 125. Jubiläum stellt Caritas nebst Workshops, Fachpodien und vielen weiteren Events auch in ihrem Hauptsitzt eine interaktive Ausstellung auf die Beine. Bis am 30. September können Interessierte die Ausstellung kostenlos besuchen. In der hauseigenen Caritas-Kapelle, zwischen Orgel und einer Maria-Statue, eröffnet sich den Besucherinnen und Besuchern eine Welt, die sonst nur im Versteckten stattfindet. Caritas sagt klar:

Armut entsteht nicht zufällig – sondern dort, wo Chancen ungleich verteilt sind.

Armut ist sehr vielschichtig, deshalb fokussiert sich die Ausstellung auf Arbeit, Wohnsituation, gesellschaftliche Teilhabe, Gesundheit und Bildung. In diesen Dimensionen zeigt Caritas, wie wenig es braucht, um plötzlich selbst von Armut gefährdet zu sein. 

Trotz Arbeit arm

Besonders interessant aus gewerkschaftlicher Sicht ist das Thema Arbeit. Dort erklärt Caritas: «Ein Erwerbseinkommen ist das wichtigste Mittel zur Existenzsicherung und damit die beste Armutsprävention». Und damit schneidet die Ausstellung das Thema «Working Poor» an – gemeint sind damit Menschen, die zwar arbeiten, von ihrem Lohn aber nicht leben können.

Dieses Problem hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. 2018 waren 7.4 Prozent der Erwerbstätigen von Armut betroffen, obwohl sie Arbeit hatten. Bis 2024 stieg dieser Wert auf 8.8 Prozent. In konkreten Zahlen bedeutet das: 2024 lebten 821’000 Menschen in einem Haushalt, wo der Lohn nicht zum Leben reicht.

Doch die Ausstellung lässt einen mit diesen schockierenden Zahlen nicht allein. Sondern präsentiert Massnahmen, die nötig sind, um diesen Zustand zu ändern: existenzsichernde Löhne, faire Arbeitsbedingungen und Chancen für Bildung. Ebenso wichtig sind für Caritas bezahlbare Kinderbetreuung und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Warum sind Menschen arm?

Die Ursachen von Armut sind vielschichtig. Caritas unterscheidet aber individuelle und gesellschaftliche Faktoren, die das Armutsrisiko vergrössern. Individuelle Faktoren sind geringe Bildung, Gesundheitsprobleme, Herkunft, Alter oder die familiäre Situation. Gesellschaftliche Faktoren hingegen sind soziale Ungleichheit, mangender Zugang zu Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung. Zudem verstärken Krisen, Konflikte, Kriege und Klimawandel das Risiko von Armut.

Wenn Wohnen zum Luxus wird

Gerade zu hohe Kosten fürs Wohnen sind nicht nur bei Tieflohnbezügern ein belastendes Thema, sondern bis in die Mittelschicht. Besonders prekär sind die Wohnsituationen von Armutsbetroffenen in Städten, wo Mietpreise immer weiter ins Unbezahlbare steigen. Wie alarmierend die Situation für armutsbetroffene Menschen ist, zeigt die Ausstellung klar auf. 2023 lebten fast 90 Prozent der einkommensarmen Menschen in einer Wohnung, deren Miete mehr als 40 Prozent vom verfügbaren Haushaltseinkommen ausmachte.

Ein weiteres Beispiel aus der Stadt Winterthur zeigt auf, wie schwierig die Situation für die ärmsten in unserem Land ist: Die Mietzinslimite für eine Person, welche Sozialhilfe bezieht und in der Stadt Winterthur lebt, liegt bei 1300 Franken. Für einen 2-Personen-Haushalt liegt die Limite bei 1540 Franken. Die durchschnittliche Angebotsmiete liegt hingegen bei 1’710 Franken. Somit können Menschen, die Sozialhilfe beziehen, sich nur jede vierte Wohnung in der Stadt leisten.

Krank zur Arbeit

Armut belastet die körperlichen und psychischen Symptome der Betroffenen. Jede 4. Person, welche sich in einer schwierigen finanziellen Lage befindet, hat Symptome einer Depression. Bei gesichertem Einkommen sind 6 von 100 Personen von ähnlichen Symptomen betroffen. Ähnlich gross der Unterschied beim Thema «emotionale Erschöpfung bei der Arbeit»: Fast jede dritte Person, welche arm ist, berichtet von solcher Erschöpfung. Bei Personen mit gesicherter finanzieller Situation sind 14 von 100 Personen von solcher Erschöpfung betroffen.

Gerade bei prekären Arbeitsbedingungen und Stundenlöhnern gehen die Menschen wegen finanziellen Nöten auch krank zur Arbeit. Ein solche Beispiel zeigt auch Caritas mit einer Arbeiterin, die anonym bleiben will. Trotz chronischen Schmerzen arbeitet sie, denn einen Ausfall von ihrem Stundenlohn kann sie sich nicht leisten. 

Die Ausstellung lässt noch viel tiefer in das Thema Armut blicken und hinterlässt Besucherinnen und Besucher nachdenklich. In einem kleinen Fragebogen können sich alle die Frage stellen: Was hat Armut mit mir zu tun?

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.