4,5-Tage-Woche für Gerüstbauer
Am Freitag-Mittag ab ins Wochenende!

Die grösste Gerüstbaufirma Roth hat die 4,5-Tage-Woche ­eingeführt. Erleichtert hat diesen Schritt auch eine ­Arbeitszeitverkürzung im neuen GAV. Die Monteure sind begeistert, aber nicht nur sie!

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DIE ENTSPANNTEN DREI: Mario Schäfer, Giuliano Gisler und Heino Neumann (v. l.)wollen ihre 4,5-Tage-Woche nicht mehr hergeben. (Foto: Jakob Ineichen)

Montagmorgen auf einer Grossbaustelle in der Zentralschweiz. Aus allen Richtungen brausen Budenkarren heran. Und am Security-Check-in stehen Büezer bereits Schlange. Bevor sie das Areal betreten dürfen, müssen sie stets einen persönlichen Badge scannen. Hektik herrscht dabei zwar nicht, eine gewisse Anspannung aber durchaus. Einen entspannten Eindruck machen dagegen die drei Gerüstbauer Mario Schäfer (47), Heino Neumann (64) und Giuliano Gisler (26). Sie arbeiten für den Branchenleader Roth Gerüste AG und sind hier – anders als die restlichen Handwerker – während der gesamten Bauphase im Dauereinsatz.

Doch es gibt noch einen Unterschied: Die drei kommen gerade aus einem verlängerten Wochenende – so wie jeden Montag! Roth hat nämlich auf 2026 für sein gesamtes Baustellenpersonal die 4,5-Tage-Woche eingeführt. Das Unternehmen mit 650 Mitarbeitenden hat damit Neuland betreten, in der Branche ist der Schritt beispiellos. Und auch in anderen Bauberufen sind Betriebe mit ähnlichen Modellen sehr überschaubar. Die drei Gerüstbauer aber möchten ihre 4,5-Tage-Woche keinesfalls mehr hergeben. Montageleiter Mario Schäfer aus Oberrüti AG sagt:

Früher habe ich meine Einkäufe immer samstags in der Früh erledigt. Heute nutze ich den Freitagnachmittag dafür und habe nachher zwei volle Tage mit der Familie. Das heisst mehr ­Lebensqualität!

Mario Schäfer, 47. (Foto: Jakob Ineichen)

Auch Giuliano Gisler aus Hochdorf LU erledigt seine Besorgungen neuerdings immer schon freitags – und kann so das samstägliche Gedränge meiden. Für den Mann mit der mächtigen Mähne besonders gäbig:

Zum Coiffeur ohne Termin ist heute kein Problem mehr – am Freitag haben alle Zeit.

Giuliano Gisler, 26. (Foto: Jakob Ineichen)

Auch Heino Neumann, der Erfahrenste in der Runde, findet die 4,5-Tage-Woche eine gute Sache. Da seine Frau und seine Tochter in Potsdam leben, ist er regelmässig lange unterwegs. Jetzt bleibt ihm für seine Liebsten wesentlich mehr Zeit. Dabei war Neumann zu Beginn noch skeptisch, wie er sagt:

Ich fragte mich, wie das auf den Baustellen praktisch funktionieren sollte. Schliesslich haben wir ja manchmal lange Anfahrtszeiten und müssen an gewissen Frei­tagen schon kurz nach elf Uhr wieder zusammenpacken, damit wir rechtzeitig um 12 Uhr im Magazin sind.

Heino Neumann, 64. (Foto: Jakob Ineichen)

Neumann spricht einen zentralen Punkt an. Denn der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Gerüstbranche, mitausgehandelt von der Unia, zählt die Reisezeiten komplett zur Arbeitszeit. In der Baubranche ist das eine Seltenheit, für die Roth-Teams heute aber noch bedeutender. Denn so beginnt ihr Wochenende freitags um 12 Uhr in der Bude und nicht irgendwo auf einer abgelegenen Baustelle. Aber eben: Dass sie so früh verreisten, habe teils irritiert, erzählt Neumann. «Da kam dann schon der eine oder andere Polier und meinte: ‹He, wo wollt ihr hin, das Gerüst ist ja noch nicht fertig.›» Aber mittlerweile habe sich das eingependelt. Zumal jetzt bekannt sei, dass Roth keine Minute weniger arbeite als früher.

Neuer GAV erleichtert kürzere Woche

Tatsächlich basiert das Roth-Modell unverändert auf 42 Wochenarbeitsstunden, wie sie der GAV vorgibt. Die am Freitag wegfallenden vier Stunden werden von Montag bis Donnerstag vorgeholt. Und hier kommen erneut die Gewerkschaften und der GAV ins Spiel: Seit 2025 müssen alle Gerüstfirmen eine viertelstündige Znünipause auf Arbeitszeit gewähren. Mit ihr wird das Wochenarbeitssoll heute spürbar früher erreicht. Und das wiederum hat es Roth erleichtert, den Freitagnachmittag komplett umzulagern. Heute beginnen Schäfer, Neumann und Gisler morgens zwar eine Dreiviertelstunde früher, haben dafür aber wie gehabt um 17 Uhr Feierabend. Ist diese Mehrarbeit nicht eine riskante Mehrbelastung? Das empfanden die drei bislang nicht so. Neumann sagt: «Tendenziell ist man am Montag erholter.»

Ganz genau wissen wollte das René Schmid (38), Regionenleiter und Geschäftsleitungsmitglied bei Roth. Er hat die 4,5-Tage-Woche massgeblich initiiert, zuerst mit einem Pilotversuch in der Niederlassung Luzern, dann als fixe Massnahme auch für die Restschweiz. Um Zwischenbilanz zu ziehen, liess Schmid in Luzern eine Studie durchführen. Das Resultat habe ihn selbst überrascht: 105 von 114 befragten Monteuren hätten ange­geben, die vier etwas längeren Arbeitstage stellten für sie angesichts des längeren Wochenendes kei­­ne Mehrbelastung dar. Schmid befragte auch die Kader. Von ihnen wollte er wissen, ob die Bauteams gestresster wirkten. Einhellige Antwort: «Nein.» Und selbst von Kunden habe es viel positives Feedback gegeben. Doch was steckt eigentlich hinter dem Entscheid?

Roth: «Weniger ist mehr»

Ihm sei es primär um Gerechtigkeit gegangen, meint Schmid, der einst Sanitärinstallateur lern­­­te und später auch als Monteur jobbte. Denn die Kader von Roth hätten schon früher jede zweite Woche von einer 4,5-Tage-Woche profitiert. «Wir wollten aber keine Zweiklassengesellschaft, sondern fanden, dass es unsere Leute draussen auf den Baustellen mindestens gleich gut oder noch besser haben sollten.»

Heute profitieren die Monteure jede Woche vom freien Freitagnachmittag, das Kader wie bisher jede zweite Woche. Schmid macht aber keinen Hehl daraus, dass es auch um die Profilierung im Kampf um die raren Talente geht. Und zwar nach dem Motto: «Modern, zukunftsorientiert, nachhaltig – auch als Arbeitgeber». Letztlich könne man die Bedürfnisse der Gesellschaft nicht einfach ignorieren, sondern müsse mit der Zeit gehen. «Das braucht zwar Mut, zahlt sich letztlich aber aus», ist Schmid überzeugt. Wenn das Per­sonal motivierter und ausgeglichener sei, steige auch die Arbeitsleistung. Diese sei am Freitagnachmittag bekanntlich ja nicht gerade famos. Eine US-Studie habe gezeigt, dass die Produkti­vität von 80 Prozent am Freitagmorgen auf rund 60 Prozent am Nachmittag sinke. «Weniger ist manchmal einfach mehr», resümiert Schmid zufrieden. Wird sein Beispiel also bald Schule machen? Montageleiter Schäfer hofft es: «Alle, die hart arbeiten, haben das verdient!»

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