Ehepaar berichtet: So leben wir mit Tieflöhnen
Wünsche müssen warten

Eine bessere Stelle. Endlich das Hochzeitsfest nachholen. Eine Familie gründen: Das wünschen sich Monika Laszczewska und Krzysztof Mroz. Doch mit ihren tiefen Löhnen kommen sie gerade so über die Runden.

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KALKULIEREN HART. Monika Laszczewska und Krzysztof Mroz würden von einem gesetzlichen Mindestlohn profitieren. Foto: Florian Bachmann.

An ihren ersten Sommer in der Schweiz erinnern sich Monika Laszczewska und Krzysztof Mroz noch gut: Sie chrampften als Erntehelfer auf einem Bauernhof. Es war 2018, während Monaten ächzte Europa unter Trockenheit und Hitze. Auf den Feldern sei es fast nicht zum Aushalten gewesen, sagt der 47jährige Mroz: «Schon am Vormittag war es über 30 Grad!» Sogar in der Nacht plagte sie die Hitze – das polnische Paar war in einem Container untergebracht. Ihr Stundenlohn: 15 Franken brutto.

Schon nach wenigen Tagen war für die beiden klar: So etwas akzeptieren sie nicht. Sie wechselten zu einem anderen Landwirtschaftsbetrieb, wo sie bis zum Ende der Erntesaison blieben. Hart sei es auch dort gewesen, sagt Mroz: Mittagspause ohne Schatten, nicht einmal Wasser habe der Bauer zur Verfügung gestellt. Der Lohn ebenfalls tief, 3300 Franken brutto im Monat. Davon wurden je 500 Franken für die Unterkunft abgezogen. «Aber immerhin war es eine Wohnung und kein Container.»

Ins Herz geschlossen

Die beiden Unia-Mitglieder sitzen in ihrem kleinen Garten in Bilten GL. Genau hier, sagt Mroz, sei vor acht Jahren sein allererster Job in der Schweiz gewesen, im Gartenbau. Er habe die Gegend sofort ins Herz geschlossen, sagt er: «Die Berge, der Walensee in der Nähe, keine Autobahn – ich sagte mir: Wenn du mal in der Schweiz wohnst, dann hier.»

work trifft die beiden, um zu erfahren: Wie lebt es sich mit Tieflöhnen in der Schweiz? Seit fünf Jahren lebt das Paar ganzjährig hier und leistet Fabrikarbeit. Sie arbeitet für einen Autozulieferer, der Kunststoffteile herstellt – etwa für Mercedes oder Audi. Ihr Lohn: 19 Franken 80 pro Stunde. Angefangen hat sie mit 19 Franken, jedes Jahr gibt’s eine Lohnerhöhung von 20 Rappen. Das ist so wenig, dass das meiste von der Teuerung wieder weggefressen wird. Trotz Vollzeitpensum bekommt sie netto im Monat rund 3000 Franken ausgezahlt, manchmal auch nur 2800. Ihr Mann erhielt 26 Franken brutto pro Stunde in einem Betrieb, der Plasticfolien herstellt. Allerdings war er nur temporär angestellt. Nach drei Jahren war Schluss.

Beide sind Unia-Mitglieder. Krzysztof Mroz engagiert sich im Vorstand der Gruppe der Polinnen und Polen in der Unia. Sie hat das Ziel, die Landsleute besser untereinander zu vernetzen. Auch, um sich besser gegen lausige Löhne und unfaire Arbeitgeber zu wehren.

Ein Ausflug? Keine Chance

«Ja», sagt die 43jährige Laszczewska, «wir müssen mit wenig auskommen.» Ihr Mann ergänzt: Sie kämen grad so über die Runden. «Keine Chance, mal einen Ausflug zu machen.» Das Paar hat 2022 geheiratet, aber eine Hochzeitsreise lag nicht drin. Mroz sagt: «Wenn wir gute Löhne haben, holen wir das nach!» Dann wollen sie auch öfter nach Polen fahren, um Verwandte und Freunde zu treffen.

Die tiefen Löhne bestimmen den Alltag. Kleider müssen günstig sein, sagt Mroz: «Keine Markenkleider oder so.» Im kleinen Garten hinter dem Haus pflanzen sie Gemüse an, um Geld zu sparen. Lebensmittel kaufen sie im Denner. Laszczewska: «Das ist günstiger als Migros oder Coop.» Als sie noch ein Auto hatten, kauften sie in Deutschland ein.

Kredit abgestottert – und dann…

Sie seufzt. «Ja, mit dem Auto konnten wir an Sonntagen auch an den See fahren und baden.» Für den Kauf hatte das Paar einen Kredit aufgenommen, 5000 Franken. Im vergangenen September war die letzte Rate bezahlt. «Und im November hatten wir einen Unfall, den ein anderer Fahrer verursacht hatte. Das Auto erlitt Totalschaden.»

Jetzt aber hat das Paar Grund zur Hoffnung. Nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit hat Mroz seit Juni einen neuen Job in einem Betrieb, der Platten für Hausfassaden herstellt. Und endlich zu einem besseren Lohn: 5000 Franken brutto im Monat, plus Zulagen. Einziger Haken: Die Stelle ist befristet bis September.

Experimente? Zu riskant

Beide hoffen fest, dass er dann einen unbefristeten Vertrag bekommt. Im Gespräch wird deutlich: Das wäre für das Ehepaar eine Befreiung. Dann möchten sie sich wieder ein Auto leisten – «eine Occasion», betont Mroz. Vor allem aber möchte Monika Laszczewska eine besser bezahlte Stelle suchen. Sie hat ein Masterstudium in Public Management abgeschlossen und möchte ihre Kompetenzen gerne auch in der Schweiz nutzen. Bereits jetzt fährt das Paar an zwei Abenden pro Woche nach Ziegelbrücke und besucht einen Sprachkurs. Aktiv nach einer Stelle gesucht habe sie bisher nicht: «Solange Krzysztof keine gesicherte Stelle hat, liegen keine Experimente drin.»

Sie weiss auch: Trotz tiefem Einkommen ist das Paar besser dran als andere. Denn es hat zwei Löhne, um die Miete zu bezahlen. «Eine Arbeitskollegin wohnt allein. Sie schafft es fast nicht, von ihrem Lohn alle Rechnungen zu bezahlen!» Auch eine Familie zu ernähren sei mit ihren Löhnen nicht möglich.

Möchten sie denn eine Familie gründen? Ja, sagen beide, ohne zu zögern. «Aber», sagt Laszczewska, «das geht erst, wenn beide eine unbefristete Stelle mit einem anständigen Lohn haben.»

Für Mindestlöhne: Jetzt unterschreiben!

Etwas habe sie schon verwundert, sagt Monika Laszczewska: «Dass so tiefe Löhne wie meiner in der Schweiz überhaupt erlaubt sind!» Tatsächlich gibt es im Kanton Glarus keinen gesetzlichen Mindestlohn. Anders ist das in den Kantonen Basel-Stadt, Genf, Jura, Neuenburg und Tessin: Dort haben die Stimmenden Lohnuntergrenzen im Gesetz verankert; sie liegen zwischen 20 und knapp 25 Franken pro Stunde. Auch in der Stadt Luzern und voraussichtlich bald in Zürich und Winterthur gilt je ein gesetzlicher Mindestlohn.

FRONTALANGRIFF. Zurzeit sind diese Volksentscheide allerdings bedroht: Per Bundesgesetz will die rechte Mehrheit im National- und Ständerat die bestehenden Mindestlöhne aushöhlen. Und dort, wo es noch keine gibt, sollen Mindestlöhne gar nicht mehr eingeführt werden dürfen. Damit wäre der Weg frei, die tiefsten Löhne auf breiter Front noch weiter nach unten zu drücken. Deshalb sammeln die Gewerkschaften derzeit Unterschriften für ein Referendum gegen das Gesetz (mehr Infos hier). (che)


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