Behindertenorganisation im Wallis
Kritik der Mitarbeitenden zeigt Wirkung: Kanton bestätigt Mängel

Jetzt ist es offiziell: Seit Jahren läuft in der kritisierten Stiftung «Mitmänsch Oberwallis» vieles schief. Der Kanton fordert rasch Massnahmen. Für die Mitarbeitenden ist das eine Bestätigung auf der ganzen Linie.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 8:01
WEG FREI FÜR DEN NEUSTART: Die Mängel in der Stiftung Mitmänsch sind jetzt offiziell bestätigt. (Foto: zvg)

Die Medienmitteilung des Kantons Wallis ist deutlich. Die Stiftung «Mitmänsch Oberwallis», die in seinem Auftrag rund 500 Menschen mit Behinderung betreut, weist «in einigen Bereichen Instabilitäten und Überlastungen» auf. Probleme hätten sich «über mehrere Jahre entwickelt» und seien heute so gross, dass sie «die Qualität der Begleitung und der Leistungen beeinträchtigen». Zudem hat die Organisation «bestimmte Sicherheitsmassnahmen nicht eingehalten» und muss daher «rasch das Qualitäts- und Risikomanagement verstärken». Der Kanton erwartet vom Betrieb einen grundlegenden Wandel, darunter «die Reorganisation des Managements».

Hilferuf mit Unterstützung der Unia

Dass es so weit kam, ist engagierten Mitarbeitenden zu verdanken. Sie hatten sich im vergangenen November mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt, da sie das Wohl der betreuten Menschen sowie ihre eigene Gesundheit in Gefahr sahen. Unterstützt wurden und werden sie von der Unia (work berichtete). Als Reaktion gab der Kanton eine externe Untersuchung in Auftrag. Am 10. Juni stellte er ihre Ergebnisse vor. 

Einer, der den Auditbericht aufmerksam gelesen hat, ist Marcel Favre*. Er ist Unia-Mitglied und arbeitet bei «Mitmänsch» als Sozialpädagoge. Am Telefon sagt er zu work:

Ich bin völlig erleichtert. Die Auditorin und der Auditor haben genau das bestätigt, was wir in unserem Appell beschrieben haben.

Favre arbeitet im Bereich Wohngruppen und Tagesstätten für Erwachsene. Dieser nimmt im 59seitigen Bericht viel Platz ein. Denn dort sei eine «eskalierende und potentiell organisationsgefährdende Dynamik» im Gang. Konkret stellte das Audit folgende Probleme fest: 

  • Stellen nicht besetzt: Über Monate waren die Teams, besonders in den Wohngruppen, unterbesetzt. Um die Lücken zu stopfen, wurden Mitarbeitende «vermehrt ausserhalb ihrer Teams eingesetzt oder kurzfristig umdisponiert», was sie zusätzlich belastete. Erstmals beziffert der Bericht das Ausmass: «Teilweise waren bis zu 20 Vollzeitstellen unbesetzt.» Der Grund war offenbar nicht etwa, dass die Stiftung zu wenig Personal gefunden hätte – vielmehr wurden «durch Vorgaben der Direktion offene Stellen nicht oder nur verzögert neu besetzt».
  • Sprunghafte Führung: Als «besonders kritisch» bezeichnet der Bericht Mängel in der Führung. Entscheide und Prozesse würden im Betrieb als nur «eingeschränkt verlässlich» beschrieben. Es gebe Hinweise, dass die Direktion «wiederholt direkt in operative und fachliche Fragestellungen eingegriffen hat». Offenbar auch mit nicht nachvollziehbaren Entscheiden. Jedenfalls kritisiert der Bericht: «Zuständigkeiten und Entscheidungswege erscheinen in verschiedenen Bereichen unklar oder inkonsistent.»
  • Schlechte Kommunikation: Ein wiederkehrender Kritikpunkt der Mitarbeitenden: Die Leitung teilt ihnen wichtige Infos oft nicht mit. Oder, noch schlimmer, nur einem Teil der Mitarbeitenden. Auch das Audit bemängelt «fehlende Transparenz und uneinheitliche Kommunikationspraktiken». Das schade auch der Qualität der Betreuung, denn dadurch sinke im Betrieb «die Bereitschaft zur offenen Rückmeldung, zur Fehlerbenennung und zur gemeinsamen Problembehandlung deutlich».
  • Mangelhafte Sicherheit: Das Audit brachte etwas ans Licht, was bisher nicht bekannt war: Im Schulinternat der Stiftung war «über einen längeren Zeitraum keine sachgerechte und sichere Lagerung von Medikamenten gewährleistet». Dies entspreche nicht den gesetzlichen Vorschriften und stelle «eine konkrete Gefährdung der Klient:innen» dar. Mitarbeitende hätten die Gefahr «mehrfach» an die vorgesetzten Stellen gemeldet, doch lange sei nichts passiert. Auch hier ortet der Bericht Defizite in der Führung, namentlich «Schwächen in der Priorisierung, Entscheidungsfindung und Verantwortungsübernahme».

Lob für die Mitarbeitenden

Der Bericht macht deutlich: Dass «Mitmänsch Oberwallis» überhaupt noch funktioniert, hat die Stiftung ihren engagierten Mitarbeitenden zu verdanken. Trotz der «hohen Beanspruchung» übernähmen sie «in vielen Bereichen ein hohes Mass an Verantwortung und Einsatzbereitschaft, um die Betreuung und den Betrieb weiterhin sicherzustellen».

Diese Aussage hat Sozialpädagoge Favre besonders gefreut. Denn die Direktorin Alexandra Horvath, so Mitarbeitende im November zu work, habe den Eindruck vermittelt, das Fördern von Menschen mit Beeinträchtigung sei zu teuer und auch nicht nötig. Favre: «Jetzt diese Wertschätzung schwarz auf weiss zu lesen, das tut richtig gut!»

IN DER KRITIK: Die frühere Direktorin Alexandra Horvath. (Foto: zvg)

Anfang März war Horvath per sofort zurückgetreten, noch bevor die Untersuchung abgeschlossen war. Im April reichte auch Nicole Ruppen, Präsidentin des Stiftungsrates, ihren Rücktritt ein. Bis zu Horvaths Abgang hatte sich der Stiftungsrat stets vorbehaltlos hinter die Direktorin gestellt.

Neustart – und ein langer Weg

Damit scheint bei «Mitmänsch» der Weg frei für einen Neustart. Derzeit führt eine Interimsleitung den Betrieb. Und der Kanton, von Gesetzes wegen zur Aufsicht verpflichtet, will nun genauer hinschauen als in der Vergangenheit. Zudem hat er bereits zusätzliche Stellen genehmigt, um primär die Teams in den Wohngruppen und Tagesstätten zu entlasten. Laut dem zuständigen Amtsleiter sind es rund sechseinhalb Vollzeitstellen, von denen die grosse Mehrheit bereits im Juni besetzt werden konnte.

Alle Beteiligten sind sich einig: Die Stiftung hat noch einen langen Weg vor sich. Aber im Prozess, den die Mitarbeitenden ausgelöst haben, ist jetzt die Richtung klar, in die es gehen muss. Lisa Rossi, Leiterin der Unia Oberwallis, sagt es so:

Was der Betrieb jetzt braucht, sind verbindliche Strukturen, die die Anliegen der Beschäftigten ernst nehmen und so künftige Eskalationen verhindern.

AN DER SEITE DER MITARBEITENDEN: Unia-Frau Lisa Rossi. (Foto: zvg)

Der Abgang der umstrittenen Direktorin und jetzt die Bestätigung durch das Audit hätten jedenfalls die Stimmung unter den Mitarbeitenden ins Positive gekehrt, sagt Favre: «Viele sagen mir: Jetzt können wir endlich wieder atmen.»

* Name geändert

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.