Was ist der wahre Grund dahinter?
Walo schasst Baubüezer kurz vor der Rente

Bauarbeiter Joaquim da Fonseca Fernandes (56) gab stets Vollgas für Walo. Dann machen seine Gelenke Probleme. Und er kritisiert einen ­Vorgesetzten. Daraufhin wirft ihn der Bauriese raus – auf höchst fragwürdige Art und Weise.

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EISKALT ABSERVIERT: Büezer Joaquim da Fonseca Fernandes mit seiner Hündin Estrela. (Foto: Raja Läubli)

Zartbesaitet wäre sicher der falsche Begriff, um Joaquim da Fonseca Fernandes (56) zu umschreiben. Der Portugiese ist seit seinem vierzehnten Lebensjahr Bauarbeiter – und hat dabei schon einiges durchgemacht. Doch so abserviert wie im letzten November habe man ihn noch nie. Der damalige Vorgang verstört ihn bis heute. Und zwar derart, dass Fernandes in eine tiefe persönliche Krise geschlittert ist – einschliesslich Depression und Schlafstörungen. Und das vier Jahre vor der FAR-Rente! Was ihn besonders beschäftigt:

Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum sie das getan haben.

Sie, das sind die Chefs der Baufirma Walo am Standort Gold­ach SG. Dort hatte Fernandes fast sieben Jahre mit angepackt, zuerst als temporärer, dann ab 2021 als festangestellter Baufacharbeiter. Zuerst war er draussen auf den Baustellen unterwegs, dann musste er sich einer Tumoroperation unterziehen. Hinzu kam eine Arthrose – auf Dauer nicht optimal im Baustellenalltag. Deshalb wechselte Fer­nandes als Magaziner in die Abteilung Elementbau. Aber ob drinnen oder draussen – überall war Walo mehr als zufrieden mit dem Bau-Routinier. In einem Zwischenzeugnis, das work vorliegt, schwärmt die Firma in höchsten Tönen: «zeigte stets grosse Initiative und Fleiss», «sehr konzentriert», «pflichtbewusst», «verlässlich», «vorbildlich», «jederzeit beste Leistungen». Umso grösser war für Fernandes der Schock an jenem 18. November 2025.

Innert Minuten abserviert

Sein Chef schrieb ihm am Mittag eine Whatsapp-Nachricht: «Hallo Fonseca. Ich bitte dich, heute um zirka 16.50 Uhr zu mir hochzukommen. Besten Dank, dass du dir die Zeit nimmst.» Als Fernandes nach getaner Arbeit das Chefbüro betrat, habe er nicht schlecht gestaunt: «Da sass nicht nur mein direkter Chef, sondern auch der Standortleiter und die Personalverantwortliche.» Kein gutes Zeichen, fand Fernandes. Und tatsächlich: Ohne Umschweife habe ihm das Trio eröffnet, dass er entlassen werde. Die angegebene Begründung: zu wenig Arbeit. Fer­nandes war sprachlos. Dann habe er entgegnet, das könne doch nicht sein. Denn: «Arbeit gab und gibt es bis heute mehr als genug!» Er habe noch mehrmals nach dem wahren Kündigungsgrund gefragt. Vergebens. Bereits nach zehn Minuten sei das «Gespräch» beendet gewesen. Fernandes verstand die Welt nicht mehr. Doch als Gewerkschaftsmitglied holte er sich Rat bei der Unia in St. Gallen.

Dort legte ihm Tobias Hollinger von der Rechtsabteilung den Landesmantelvertrag des Bauhauptgewerbes (LMV) vor. Dieser garantiert älteren Arbeitnehmenden ab 55 Jahren einen erhöhten Kündigungsschutz. Etwa mit längeren Fristen. Und unter Artikel 19 heisst es:

Die Vertragsparteien erachten das Arbeitskräftepotential von älteren Mitarbeitenden als sehr wichtig. Es gehört zur Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, ältere und langjährige Mitarbeitende sozial verantwortlich zu behandeln. Das verlangt besonders bei Kündigungen eine erhöhte Sorgfaltspflicht.

Rechtliche Schritte

Konkret schreibt der LMV vor, dass bei einer beabsichtigten Kündigung von Mitarbeitenden ab Alter 55 «rechtzeitig und zwingend ein Gespräch zwischen dem Vorgesetzten und dem betroffenen Mitarbeitenden stattfindet». Dabei muss der Mitarbeiter nicht nur informiert, sondern auch angehört werden. Und noch wichtiger: Es muss «gemeinsam nach Möglichkeiten der Aufrechterhaltung des Arbeitsverhältnisses gesucht werden». Erst dann darf der Chef entscheiden. Von einer solchen «gemeinsamen Suche» nach Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten könne hier nicht die Rede sein, sagt Fernandes. Denn: «Sie haben mir einfach gesagt, dass Schluss sei und dass es keine Optionen gebe.» Für Unia-Mann Hollinger ist die Sache klar:

Walo hat den LMV hier eindeutig verletzt.

Zumal auch nicht nur annähernd von «Rechtzeitigkeit» gesprochen werden könne, wenn zwischen Gesprächsaufforderung und Gespräch nachweislich bloss wenige Stunden lägen. Und wenn dann auch noch innert Minuten gekündigt werde. Hollinger hat deshalb rechtliche Schritte eingeleitet. Höchst verdächtig ist aber noch etwas.

Vorgesetzter alkoholisiert

Fernandes sagt, er sei immer um Korrektheit und Transparenz bemüht gewesen. Daher habe er auch diesen einen Brief geschrieben. Drei Monate vor seiner Entlassung. ­Adressiert an den Standortleiter. Ihm teilte er mit, dass sein Vorgesetzter im Magazin ihn «angeschrien und in Anwesenheit aller beleidigt» habe. Zudem begehe er immer wieder Fehler, die er dann aber ihm in die Schuhe schiebe. Ausserdem trinke er bereits am Morgen Bier und sei damit eine Gefahr für Betrieb und Strassenverkehr.

WOLLTE IMMER KORREKT SEIN: Bauarbeiter Joaquim da Fonseca Fernandes. (Foto: Raja Läubli)

Walo habe auf diesen Brief nie reagiert, sagt Fernandes. Liegt also in diesem Konflikt der wahre Kündigungsgrund? Oder ist es doch Fernandes’ Alter und seine Ar­throse? Immerhin hatte er dem Chef per Whatsapp seinen kompletten Physiotherapieplan geschickt. Dieser zeigt: Fernandes braucht in den kommenden Monaten jede Woche eine Therapiestunde. Besserung ist also nicht so bald in Sicht. Doch auch auf diese Nachricht reagierte der Chef nicht. Seine nächste Wortmeldung kam zwei Monate später: «Ich bitte dich, heute um zirka 16.50 Uhr zu mir hochzukommen. Besten Dank, dass du dir die Zeit nimmst.»

«Gerechtfertigt»: Walo verneint – und schweigt

work hat der Walo in Goldach SG ­einen detaillierten Fragenkatalog geschickt. Geantwortet hat aber bloss die Medienstelle der Konzernzentrale in Dietikon ZH. Zu Personalbelangen könne man sich aus Gründen des Datenschutzes nur summarisch äussern. «Walo Bertschinger verwahrt sich gegen den Vorwurf, dass die von Ihnen er­wähnte Kündigung missbräuchlich im Sinne von Art. 336 OR beziehungsweise unter Verletzung von Art. 19.3 LMV erfolgt sein soll.» Für die Kündigung hätten vielmehr ­«sachlich gerechtfertigte Gründe» bestanden.

Nichts sagt Walo zur Frage, ob die Firma die Einbestellung und Kündigung eines älteren Mitarbeiters am selben Tag für ein «rechtzeitiges» Vorgehen halte. Auch legt sie keinerlei Belege vor für die Behauptung, es sei gemeinsam nach Wegen der Weiterbeschäftigung gesucht worden. Ebenso wenig beantwortet sie die Frage zur wirtschaft­lichen Situation des 2600 Mitarbeitende zählenden Unternehmens. Auf der Firmenwebsite sind zahlreiche Stellen ausgeschrieben – auch solche am angeblich ­arbeitsarmen Standort Goldach.

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