Unfall-Statistik der Suva
Massiv weniger Tote – aber schwere Arbeitsunfälle nehmen zu

Das Risiko eines tödlichen Berufsunfalls ist so tief wie nie. Doch es gibt auch alarmierende Gegen-Tendenzen. Besonders betroffen sind Bauberufe, die chemische Industrie und der Detailhandel.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 6:46
UNTER ZEITDRUCK: Auf dem Bau muss heute alles schneller gehen. (Foto: Keystone)

Während die UNO ihn «Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz» nennt, ist er in der Arbeiterbewegung als «Workers’ Memorial Day» bekannt: Der 28. April. An jenem Tag wird jeweils all jener gedacht, die während ihrer Arbeit verletzt, verstümmelt, erkrankt oder getötet wurden. Initiiert hat den Gedenktag 1984 die kanadische Service-Public-Gewerkschaft CUPE. Längst ist er auch in der Schweiz angekommen. Dieses Jahr wartete etwa die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) mit einer interessanten Meldung auf: «Fünfmal weniger tödliche Arbeitsunfälle als in den 80er Jahren», titelte sie.

Konkret: Noch in den Jahren 1986 bis 1990 seien in der Schweiz durchschnittlich 207 Personen pro Jahr bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen. Zwischen 2020 und 2024 seien es «nur» noch jährlich 64 gewesen, obwohl seither mehr Menschen erwerbstätig seien. Diese Entwicklung werde beim Blick auf das Risiko noch deutlicher, so die Suva. Denn: Das Risiko für einen tödlichen Berufsunfall ist im gleichen Zeitraum von 6,7 auf 1,48 pro 100'000 Vollbeschäftigte gesunken. Doch ein vertiefter Blick in die Suva-Unfallstatistik trübt die Erfolgsmeldung erheblich.

Detailhandel mit Negativrekord

Zum einen ist das Todesfall-Risiko in den letzten 10 Jahren nicht mehr gesunken. Sondern es stagniert bei 1,6 Unfalltoten auf 100'000 Vollbeschäftigte. Und dies obwohl im Rahmen des wirtschaftlichen Strukturwandels (Stichwort Dienstleistungsgesellschaft) risikoreiche Handwerks- oder Industrieberufe tendenziell abnehmen. Zum andern hat das Risiko für schwere Unfälle deutlich zugenommen – und zwar im Durchschnitt aller Branchen. Die Suva-Statistik zeigt: Mit 348 schweren Unfällen pro 100'000 Vollbeschäftigte erzielte das Jahr 2024 (neuere Zahlen sind noch nicht publik) sogar einen Negativrekord. Der Wert liegt 17 Prozent höher als 2015.

679 Tote in zehn Jahren

In den letzten zehn Jahren registrierte die Sammelstelle für die Statistik der Unfallversicherung (SSUV) 679 tödliche Arbeitsunfälle. Der durchschnittliche Betroffene war 46, männlich, hatte eine 40-Stundenwoche und verdiente rund 7000 Franken brutto, was dem Schweizer Medianlohn für eine Vollzeitstelle entspricht.

Noch drastischer ist die Entwicklung in einigen exponierten Berufen. Dort haben nicht nur die schweren, sondern auch die Schwerstunfälle deutlich zugenommen. Und dies bei zumeist generell sinkendem Fallrisiko. Betroffen sind etwa die Kategorien Forstwirtschaft (dort auch Zunahme der Todesfälle), Herstellung chemischer Erzeugnisse, Tiefbau oder Detailhandel. In letzterem ist das unfallbedingte Absenzrisiko so hoch wie noch nie seit 2015. Im Hochbau wiederum lag das Risiko für einen schweren Unfall 2024 um rekordverdächtige 30 Prozent höher als 2015, bei stagnierendem Schwerstunfallrisiko. Und im Gartenbau/Gebäudebetreuung gibt es heute fast doppelt so viele schwere Unfälle wie noch vor zehn Jahren, auch das Todesfallrisiko steigt. Woher also kommt diese paradoxe Entwicklung?

Zu viel Druck, zu wenig Fachkräfte

Auf Anfrage schreibt Suva-Mediensprecher Caspar van de Ven: «Die Zunahme schwerer Unfälle bei gleichzeitig sinkendem oder stagnierendem Todesfallrisiko ist ein Befund, den die Suva sehr ernst nimmt.» Die Ursachen dafür seien vielschichtig und müssten differenziert analysiert werden. Mögliche Erklärungsansätze reichten von Verbesserungen in der medizinischen Versorgung, die mehr Menschen nach schweren Unfällen überleben liessen, bis hin zu Veränderungen in Arbeitsabläufen oder Risikoverschiebungen in einzelnen Branchen.

Nico Lutz von der Unia-Geschäftsleitung nennt noch einen weiteren zentralen Grund – und führt das Beispiel der Bauwirtschaft an:

Zwar wurden Prävention, Vorschriften und die Sicherheitskultur spürbar verbessert, aber zugleich haben die Baufirmen in den letzten 10 Jahren 20 Prozent mehr Umsatz generiert, trotz weniger Personal.

Unia-Mann Nico Lutz. (Foto: Yoshi Kusano)

Damit sei der Druck auf den Einzelnen letztlich gestiegen. Hinzu komme ein immer höherer Anteil an unerfahrenen Hilfskräften sowie ein verändertes Arbeitsumfeld: «Die Maschinen werden immer grösser, die Schalungselemente wiegen heute hunderte von Kilos und alles geht schneller.»

Suva: «Sicherheit lässt sich nicht verordnen»

Suva-Sprecher van de Ven bestätigt: «Faktoren wie Zeitdruck, Fachkräftemangel, komplexere Maschinen oder eine höhere Arbeitsintensität können in verschiedenen Branchen eine Rolle spielen.» Die Ursachen unterschieden sich jedoch je nach Branche und Tätigkeit. «In der Forstwirtschaft etwa ist die Kombination aus schwerem Gerät, anspruchsvollen Naturbedingungen und teilweise isolierter Arbeit besonders herausfordernd.»

Und wie lässt sich die Gefahr weiter minimieren? Es brauche ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, so van de Ven: «Technische Entwicklungen, bessere Schutzmittel, gesetzliche Vorgaben, konsequente Präventionsarbeit, Schulung und Instruktion sowie eine stärkere Sicherheitskultur in den Betrieben.» Eines gelte es dabei allerdings zu beachten: «Arbeitssicherheit lässt sich nicht einfach von oben verordnen, sondern muss von allen Beteiligten mitgetragen werden.»  Gefordert sind also nicht nur Firmen und ihre Angestellten, sondern auch Verbände, Gewerkschaften und Vollzugsorgane.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.