Kolumne EUropa
SVP-Initiative bedroht unsere Gesundheitsversorgung im Ausland

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Roland Erne war Chemielaborant und GBI-­Jugendsekretär. Seit 2017 ist er Professor für Europäische Integration und ­Arbeitsbeziehungen am University ­College Dublin. 

Wir tragen alle ein Stück Europa mit uns: die blaue Europäische Krankenkassenkarte «European Health Insurance Card (EHIC)», die sich auf der Rückseite aller schweizerischen Krankenkassenkarten befindet. Die EHIC-Karte gibt allen schweizerischen Versicherten Zugang zur Gesundheitsversorgung für ungeplante «medizinisch notwendige» Eingriffe, und dies zu lokalen Konditionen. Diese Konditionen sind oft günstiger als in der Schweiz. Und der EHIC-Leistungskatalog ist oft grösser. Manchmal gehören sogar Zahnbehandlungen dazu. Ohne bilaterale EU-Verträge könnte ein Klinikaufenthalt in Europa – beispielsweise nach einem Auto- oder Skiunfall – jedoch bald sehr teuer werden. Nach einer Kündigung des Schweiz-EU Freizügigkeitsabkommens könnten europäische Kliniken von schweizerischen Versicherten horrende Behandlungssätze verlangen. 

Schweiz profitiert

Die EHIC-Karte führt nicht zu einer Einwanderung armer osteuropäischer Migranten in die Gesundheitssysteme reicherer Länder, wie dies von Euroskeptikern in der Brexit-Kampagne in Grossbritannien behauptet wurde. Im Gegenteil. Unsere Analyse der EHIC-Finanzströme* zeigt, dass westeuropäische Länder am meisten von der Karte profitieren. Auch für die Schweiz ist die EHIC-Karte ein Gewinn, da sie ihre hohen Behandlungsansätze für ausländische EHIC-Patienten vollständig den Krankenkassen ihrer Heimatländer in Rechnung stellen können. 2016 erhielten Schweizer Ärzte und Klinken etwa 74 Millionen Franken für die Behandlung von EHIC-Patienten aus dem Ausland (1548 Euro pro Fall). Im Gegenzug mussten Schweizer Kassen für die Behandlung von Schweizer EHIC-Patienten nur etwa 36 Millionen Franken an europäische Ärzte und Kliniken bezahlen (507 Euro pro Fall). 

Versorgung für Reisende

Die europäische Krankenkassenkarte verringert zwar die soziale Ungleichheit nicht. Unsere Studie zeigt sogar, dass sie diese zwischen den sozialen Klassen und Regionen vergrössert. Trotzdem ist die EHIC-Karte nützlich. Denn sie löst ein persönliches europäisches Freizügigkeitsrecht ein, damit Reisende europaweit medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können, auf Kosten ihres jeweiligen Heimatlandes. Davon profitieren die Versicherten in schweizerischen Krankenkassen sowie Schweizer Kliniken am meisten. Falls die SVP-Initiative angenommen wird, könnten wir die EHIC-Karte verlieren, da die SVP das Freizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen will. Das könnte für schweizerische Reisende, die in Europa erkranken oder verunfallen, teuer werden. 

Roland Erne schreibt hier im Turnus mit Regula Rytz, was die europäische Politik bewegt. 

*Sabina Stan, Roland Erne, Susan Gannon: Bringing EU citizens together or pulling them apart? The European Health Insurance Card, east-west mobility and the failed promise of European social integration. In Journal of European Social Policy. Abrufbar unter diesem Link. 

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