Richtungswahl beim Schweizerischen Baumeisterverband
Wer befiehlt bei den Bau-Bossen?

Der Baumeisterverband sucht einen neuen Präsidenten. Für den angezählten Direktor ­Bernhard Salzmann ist das Chance und Risiko zugleich.

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WER MACHT DAS RENNEN? Zur Wahl stehen (v.l.) Martin Keller (60, SVP), Manfred Schmid (58, Mitte) und Christian Wasserfallen (44, FDP). (Montage: work)

Die Spannung steigt beim Baumeisterverband (SBV). Bald wählen die Delegierten einen neuen Zentralpräsidenten. Der amtierende Gian-Luca Lardi (56) nimmt auf Ende Jahr den Hut. Der Bauingenieur mit Puschlaver Wurzeln präsidiert den SBV schon seit zwölf Jahren. Zuletzt trat er etwas kürzer, überliess etwa die Verhandlungen zum Landesmantelvertrag (LMV) weitgehend dem SBV-Geschäftsführer Bernhard Salzmann (45). Kommentare von der Seitenlinie liess sich FDP-Mann Lardi aber nicht nehmen. Als die «Basler Zeitung» die Ente verbreitete, streikende Bauarbeiter hätten «mit Baseballschlägern bewaffnet» Baustellen gestürmt, giftelte Lardi auf Linkedin munter mit: Die Unia chauffiere «diese Kriminellen» noch herum. Insgesamt unterschied sich der Bündner aber doch merklich von seinem Thurgauer Vorgänger: Werner Messmer. Der damalige FDP-Nationalrat war ein Eiferer und setzte voll auf Konfrontation. Unia-Urgestein Andi Rieger erinnert sich:

Messmer mobilisierte vor seiner Wahl im SVP-Stil die kleinen Bauunternehmer gegen die bisherige Verbandsspitze, da diese sich von uns immer wieder über den Tisch habe ziehen lassen.

Mit der Absicht, die Unia ganz in die Knie zu zwingen, kündigte Messmer später sogar den LMV. Doch die Gewerkschaft hatte den längeren Atem. Messmer scheiterte, tobte und brachte die ganze Branche in Aufruhr. Mit Lardi wählten die Delegierten wieder einen konzilianteren Stil. Und nun?

Wahl scheint völlig offen

Einen Hinweis auf die Kräfteverhältnisse im SBV geben die letzten LMV-Verhandlungen. Geschäftsführer Salzmann durfte zunächst voll auf Zeit spielen. Dann knallte er ein Sammelsurium absurder Abbauforderungen auf den Tisch. Und nannte das in den Medien «konstruktive Verhandlung». Als dann gestreikt wurde, ging das Zetermordio umso lauter los. Insgesamt roch es stark danach, als wolle Salzmann die Verhandlungen sabotieren, bloss um den LMV später maximal einzudampfen. Das jedenfalls hätte ganz zum Stil jenes Polit-Polteris gepasst, bei dem Salzmann «in die Lehre» ging: Hans-Ulrich Bigler. Der zur SVP übergelaufene Ex-Freisinnige war lange Direktor des Gewerbeverbands. Aus der gewerblichen Interessenvertretung bastelte er einen Seitenwagen der SVP. Salzmann war unter Bigler Pressechef und gehörte zu den treibenden Kräften hinter der extremen No-Billag-Initiative. Diese erlitt an der Urne bekanntlich Schiffbruch. Auch der LMV liess sich nicht zerschlagen. Vielen Firmen gingen Salzmanns Spielchen irgendwann zu weit, im SBV rumpelte es heftig. Und heute haben wir statt Abbau einen LMV mit soliden Fortschritten. Wie es für Salzmann weitergeht, hängt nicht zuletzt vom neuen Präsidenten ab. Wer das Rennen macht, scheint völlig offen. Einzig, dass man «wieder einen echten Bauunternehmer» wolle, hört man unter SBV-Mitgliedern häufig.


Meister der BaumeisterSo ticken die Kandidaten für das Präsidium

Millennial oder Boomer? Bergler oder Mittelländer? Praktiker oder Verwalter? Mittig oder stramm rechts? Die Kandidaten für das Baumeisterpräsidium unterscheiden sich deutlich.

Martin Keller (SVP): Aargauer Konzernvertreter

Er gab seine Kandidatur als letzter bekannt, erntete aber angeblich «riesige Unterstützung» dafür: Martin Keller (60). Der Vollblut-Aargauer lernte einst Maurer, studierte dann Bauingenieur und machte Karriere. Etwa beim Zuger Zementkonzern Holcim, zuletzt als CEO in Wien, bei der Specogna Holding (ebenfalls CEO) und schliesslich beim Baustoffriesen Sika. Dessen Schweizer Baugeschäft führte er 14 Jahre als CEO, heute ist er deren «Head of Real Estate».

Rückzug aus der Politik

Politisch tickt Keller stramm rechts, sass für die Aargauer SVP jahrelang im Kantonsparlament und in der Parteileitung. 2015 verpasste er nur knapp den Einzug in den Nationalrat. 2019 zog er sich trotz guten Wahlchancen vorzeitig aus dem Rennen zurück, verliess die politische Bühne sogar ganz. Gemutmasst wird, dies habe mit dem Verwaltungsratsposten zu tun, den ihm die Axpo im gleichen Jahr zugeschanzt hatte. VR-Jöbli hat Keller übrigens noch einige mehr. Privat zeigt sich der Rüebliländer als grosser Fussballfan. Aber nicht dem FC Aarau gilt seine Liebe, sondern den Borussen aus Dortmund. Und was würde mit Keller an der SBV-Spitze die Gewerkschaften erwarten? Denen gehe es «nicht um die Büezer», geiferte sein Parteifreund Andreas Glarner einmal auf Facebook. Und: «Die Gewerkschaften wollen mit ihren ­absurden Forderungen die Schweiz kaputt­machen.» Martin Keller liess einen Daumen hoch da.


Manfred Schmid (Mitte): Walliser ­Schlitzohr

Der Oberwalliser Manfred Schmid (58) hat für seine Kandidatur extra eine Website lanciert. «Als Unternehmer in zweiter Generation stehe ich für eine starke, geeinte Bauwirtschaft in der Schweiz», heisst es dort etwa. Auch wirbt Schmid mit einem «respektvollen und konstruktiven Austausch» zwischen allen SBV-Regionen. Und bestätigt damit, dass dies nicht immer der Fall war. Schmid muss es wissen. Seit 2015 sitzt er in der Leitung des Walliser Baumeisterverbands. Dieser tickt weniger ideologisch als die SBV-Zentrale in Zürich.

Das Illegale Baudepot

Schmid begann seine Laufbahn als Tiefbauzeichner, machte eine Zweitlehre als Maurer. Heute ist der diplomierte Baumeister Inhaber von vier Firmen. Wie es fürs Walliser Establishment Sitte ist, gehört Schmid der CVP an (heute Mitte). Für sie sass er 12 Jahre im Kantonsparlament, amtete zuletzt als dessen Präsident. Wallis-Kenner beschreiben «s Manfi», wie er dort genannt wird, als gmögig und angepasst. Aber auch als schelmisch und kalkulierend. Zudem gilt der passionierte Jäger als machtbewusst. Nicht nur ist er bestens vernetzt im Mitte-Filz um Ständerat Beat Rieder. Er hat auch schon eindrücklich bewiesen, dass er sich über höchste Weisungen einfach hinwegsetzen kann: Schmid unterhielt vor Zermatt 10 Jahre lang ein illegales Baudepot. Es lag ausserhalb der Bauzone. Im Wallis keine Seltenheit. Gegen eine Räumung wehrte er sich juristisch. Doch 2020 hatte der Kanton genug und setzte eine Frist. Schmid liess sie verstreichen – und sorgte im Parlament für eine Lockerung der Räumungsverfügungen. Im Wahlkampf ums Grossratspräsidium gelobte er plötzlich doch noch Gehorsam, erzielte dann ein ­Glanzresultat – und liess sich mit dem Räumen nochmals ordentlich Zeit.


Christian Wasserfallen (FDP): Berner Postenjäger

Christian Wasserfallen (44) ist der Promi-Kandidat! Seit seiner Jugend mischt er im nationalen Politzirkus mit. Und versucht dabei in die Fusstapfen seines Vaters zu treten. Dieser sass jahrelang in der Berner Stadtregierung und im Nationalrat. In letzteren hat es auch der Junior geschafft. Und zwar schon als 26jähriger. Damit gehört der ehrgeizige Berner heute zu den erfahrensten Bundespolitikern. Ein Sesselkleber? Es soll jedenfalls weitergehen. «Höchstwahrscheinlich» werde er 2027 erneut antreten, meinte der FDPler jüngst zur NZZ.

Sein Streben nach hohen Posten

Seine politische Bilanz ist allerdings durchzogen. Im Parlament fällt er seit längerem mit abwegigen Vorstössen für eine härtere Migrationspolitik auf. Anliegen der Bauwirtschaft brachte er vergleichsweise selten ein. Obwohl er seit 2019 den Verband der Infrastrukturbauer präsidiert. Als solcher nahm ihn der Baumeisterverband in den Zentralvorstand auf. Mit der praktischen Bau-Welt scheint der studierte Maschineningenieur aber kaum in Berührung gekommen zu sein. Laut Lebenslauf ist er erst vor neun Jahren zur Branche gestossen – und zwar direkt als Verwaltungsratspräsident der Walo Bertschinger AG Bern. Hohe Posten strebt Wasserfallen immer wieder an, doch seine eigene Fraktion gab ihm mehrfach einen Korb. So in der Ausmarchung ums Nationalratspräsidium 2013. Oder als es 2015 um die Neubesetzung des Fraktionspräsidiums ging. 2017 unterlag er auch in der Wahl zum Regierungsratskandidaten. Zuvor hatte er sich in einen Macht-Fight um den Vorsitz des Automobilclubs verstrickt. Fürs Vizepräsidium der FDP hat es immerhin gereicht. Nach sieben Jahren – und vielen Sticheleien gegen die damalige Parteipräsidentin Petra Gössi – trat Wasserfallen zurück. Ein Querkopf ist er geblieben. Zum Beispiel: Während seine Partei die Bilateralen III unterstützt, kritisiert er diese laut.

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