Miese Methoden bei Tessiner Schifffahrtsgesellschaft
Weil er kritische Fragen stellte, verlor dieser Gewerkschafter seinen Job

Reisenden verspricht die Schifffahrt der Tessiner Seen einzigartige Erlebnisse. Einzigartig schlecht ist dagegen, wie die Gesellschaft mit ihren Mitarbeitenden und den Gewerkschaften umspringt.

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GESCHASST, WEIL ER NICHT SCHWIEG: Daniele Schmid ist überzeugt, dass er entlassen wurde, um damit die restliche Mannschaft einzuschüchtern. (Foto: Linus Rieser)

Die Tessiner Schifffahrtsgesellschaft des Luganersees (SNL) verkündete kürzlich grosse Pläne. Bis 2035 will sie alle Schiffe auf Elektromotoren umrüsten, dazu neue Verbindungen und für Feriengäste «Kombi-Erlebnisse aus Schifffahrt, Natur und Kultur» anbieten. Die private Firma, welche die Linien auf dem Luganersee und dem Schweizer Teil des Lago Maggiore betreibt, präsentierte sich pünktlich zum Saisonstart als innovativ und nachhaltig.

Ganz anders klingt es bei Daniele Schmid. Der 26jährige hat bis letzten Sommer bei der SNL gearbeitet. Zuerst im Hafen von Locarno, dann als Verantwortlicher für Logistik und Einkauf. Er kritisiert:

Die Löhne sind mies, und die Firma nimmt ihre Mitarbeitenden überhaupt nicht ernst!

Nach innen mache das Management keine gute Falle, regelmässig kämen Fehler und Unzulänglichkeiten zum Vorschein.

Im Juli 2025 erhielt Schmid die Kündigung, zusammen mit zwei weiteren Kollegen. Offiziell wegen einer «Restrukturierung». Aber der wahre Grund sei offensichtlich gewesen: «Wir drei hatten kritische Fragen gestellt. Unsere Entlassung sollte den Rest der Belegschaft einschüchtern.»

Mitten in der Nacht…

Schmid ist Mitglied der Verkehrsgewerkschaft SEV. Deren Sekretär Angelo Stroppini sagt:

Dass ein Schweizer Verkehrsbetrieb so krumme Sachen macht, das habe ich noch nie gesehen.

Angelo Stroppini. (Foto: zvg)

Tatsächlich fällt die SNL immer wieder durch Regelverstösse und antigewerkschaftliche Aktionen auf. Oft halte der Betrieb nicht einmal das Arbeitsgesetz ein, berichtet Stroppini. Erst wenn er das Bundesamt für Verkehr informiere, korrigiere die SNL ihre Praxis. Jüngstes Beispiel: Im Februar dieses Jahres warteten die Mitarbeitenden noch immer auf die Bestätigung ihrer Ferien für 2026. Nach der Meldung an die Behörde habe das Management reagiert wie immer, so der erfahrene Gewerkschafter: «Sie haben alles geleugnet, aber in aller Eile die Bestätigungen verschickt. Mitten in der Nacht – wie eine Räuberbande.»

Bis Sommer 2017 war die SNL nur auf dem Luganersee tätig. Dann kam der Matrosenstreik auf dem Lago Maggiore. Die dortige italienische Gesellschaft hatte alle Mitarbeitenden im Schweizer Seebecken entlassen. Alle 34 legten darauf die Arbeit nieder. Die Gewerkschaften Unia, SEV und OCST unterstützten sie gemeinsam. Nach drei Wochen brachte der Druck die Lösung: Die SNL übernahm den Betrieb im Schweizer Seebecken und alle Mitarbeitenden. Die Arbeitsbedingungen legten die drei Gewerkschaften mit der SNL in einem Gesamtarbeitsvertrag fest. Der galt aber nur für den Lago Maggiore, nicht auf dem Luganersee.

Dubioser «Personalverband»

Heute zeigt sich: Die SNL hintertrieb diesen GAV wohl schon von Anfang an. Wenige Tage nach dem Streik entstand der umstrittene «Personalverband» APLT. Seine Nähe zur SNL ist offensichtlich: Beide haben dieselbe Postadresse. Auch personell gibt es eine enge Verknüpfung: Im SNL-Verwaltungsrat sitzt der FDP-Politiker Alessandro Speziali. Die Präsidentin des «Personalverbands», Natalia Ferrara, gehört ebenfalls der FDP an. Beide gehören zur kantonalen Parteispitze: Speziali ist Präsident, Ferrara Vize. Und beide sitzen im Kantonsparlament.

Laut SEV-Mann Stroppini hat die Schifffahrtsgesellschaft den Verband tatkräftig unterstützt – etwa mit verbilligten Parkplätzen für Mitarbeitende, die dem APLT beitraten. Im April 2025 gehörten diesem angeblich 90 Prozent der Mitarbeitenden an. Da schlugen die beiden zu: Die SNL kündigte den GAV einseitig und zauberte einen neuen, schlechteren Vertrag aus dem Hut – unterzeichnet vom APLT. Die Gewerkschaften halten die GAV-Kündigung für rechtswidrig und wehren sich jetzt vor Handelsgericht. Auf die Anfrage von work hat die SNLFührung bis Redaktionsschluss nicht reagiert.

Ein weiterer Kritikpunkt sind Interessenskonflikte und Verluste bei der Verwaltung des Pensionskassen-Vermögens. Die SNL klagte ihrerseits gegen die drei Gewerkschaften wegen angeblicher Rufschädigung (work berichtete).

Wie entscheidet der Bund?

Noch sind alle Verfahren hängig, so dass das Gebaren der SNL-Führung bisher kaum Konsequenzen hatte. Doch das könnte sich jetzt ändern. Ende 2026 läuft die Konzession des Bundes für den Betrieb auf dem Luganersee aus. Die Gesellschaft bewirbt sich für eine Verlängerung, und zwar gleich um 20 Jahre. Allerdings sind bei der Vergabe einer Konzession auch die Arbeitsbedingungen ein Kriterium. Gewerkschafter Stroppini und Ex-Mitarbeiter Schmid sind sich einig: Da ist der Leistungsausweis der SNL miserabel. Schmid berichtet:

Viele Kollegen kündigen, weil sie die Hoffnung verloren haben, dass es besser wird.

Mehr noch: Nach dem Streik, so Stroppini, habe die SNL versprochen, das Angebot auf dem Lago Maggiore auszubauen. Stattdessen habe sie es seither verschlechtert. Sein Fazit ist klar: «Nach den Erfahrungen der letzten Jahre sollte sich der Bund schon überlegen, ob er der SNL noch vertrauen kann.»

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