Kritisierte Stiftung «Mitmänsch Oberwallis»
Die Belastung der Mitarbeitenden wurde gar nicht untersucht

Sie betreuen Menschen mit Behinderungen. Und sind in ihrem Job am Anschlag: Im Oberwallis kritisierten Mitarbeitende ihren Arbeitgeber. Der kontert mit einem Audit des Kantons. Dieses liegt work jetzt vor. 

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ALLES GUT BEI «MITMÄNSCH OBERWALLIS»? Die Verantwortlichen versuchen, dieses Bild mit irreführenden Aussagen zu vermitteln. Die kritisierte Direktorin Alexandra Horvath (im Bild) tritt nun zurück. (Fotos: zvg)

Es war ein Hilferuf der Helfenden. Mit einem Appell auf der Unia-Website wandten sich die Mitarbeitenden der Stiftung «Mitmänsch Oberwallis» an die Öffentlichkeit. Sie, die in mehr als 40 Einrichtungen Menschen mit Behinderungen betreuen, gerieten zunehmend an ihre Grenzen. Immer weniger von ihnen mussten zu den Bewohnerinnen und Klienten schau-
en, mit immer weniger fachlicher Unterstützung und in einem zunehmend unerträglichen Arbeitsklima (work berichtete im November 2025).

Die Verantwortlichen versuchten, die Kritik kleinzureden. Nicole Ruppen, Präsidentin des Stiftungsrats, verwies unter anderem auf den Kanton Wallis. Der habe «in diesem Jahr die Betreuung auditiert, mit sehr guten Ergebnissen».

Wirklich «sehr gut»?

Das erstaunt. Wie kann ein amtliches Audit ein Top-Resultat ergeben in einer Institution, die Mitarbeitende nur wenige Monate später als «chronisch unterbesetzt» bezeichnen? In der sie «Überlastung auf allen Ebenen» feststellen? Und sich solche Sorgen machen, dass sie einen öffentlichen Appell lancieren?

Der Kontrollbericht des Kantons war bisher der Öffentlichkeit nicht bekannt. work hat ihn, gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, verlangt und erhalten. Auf neun Seiten dokumentiert er einen Besuch der Dienststelle für Sozialwesen am 26. August 2025. Das Dokument enthält einige Überraschungen.

Nur ein «Kontrollbesuch»

Auffällig ist: Von Auditieren, wie es Stiftungsratspräsidentin Ruppen vollmundig verkündete, ist im Bericht nirgends die Rede. Der Kanton hatte nicht den Anspruch, ein Audit durchzuführen, also ein gründliches und systematisches Durchleuchten. Er hat bloss einen kleinen Ausschnitt der Institution begutachtet: zwei Wohngruppen sowie einige Werk- und Tagesstätten – total ungefähr ein Zehntel aller «Mitmänsch»-Einrichtungen. 

Es ging um etwas anderes

Die grösste Überraschung liefert allerdings der Inhalt des Berichts. Zwar hat die Stiftung tatsächlich die vom Kanton aufgestellten Kriterien alle erfüllt. Allerdings: Diese messen die Qualität der Betreuung. Es geht um Grundrechte, um respektvollen Umgang oder um Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse der Menschen mit Beeinträchtigung. Nicht untersucht wurden dagegen die Belastung der Mitarbeitenden, deren fachliche Unterstützung oder die Einsatzplanung, also diejenigen Missstände, die im November Schlagzeilen machten.

Weshalb erweckte Stifungsratspräsidentin Ruppen den Eindruck, der Kanton habe der Stiftung «sehr gute» Arbeitsbedingungen attestiert? Und wieso sprach sie von einem Audit? Dazu wollte sie sich nicht äussern.

Der ominöse «Katalog»

work hat den Bericht mehreren gegenwärtigen und ehemaligen Mitarbeitenden von «Mitmänsch Oberwallis» gezeigt. Ruppens irreführende Aussage ärgert sie – aber ebenso einige Darstellungen im Bericht. Etwa diese: «Das Personal schätzt den Weiterbildungskatalog sehr.» Auf Nachfrage präzisiert der Kanton, die Stiftung habe für das Jahr 2024 eine Liste mit 64 «Weiterbildungsangeboten» vorgelegt.

Das löst bei den Mitarbeitenden Erstaunen oder gar einen Lachanfall aus. «Was soll das für ein Katalog sein?» fragt etwa eine Sozialpädagogin. Klar, sagt sie, externe Weiterbildungen würden bewilligt oder auch nicht. Aber ein breites Angebot der Stiftung? «So etwas habe ich nie gesehen.»

Hat die Direktion getrickst?

Was es gebe, seien interne Schulungen. Etwa zu Deeskalation oder zur Pflege von Menschen mit mehrfacher Behinderung. Die Leitung bezeichne diese ebenfalls als Weiterbildung. «Aber die Teilnahme ist obligatorisch! Das ist nicht ein Angebot, das ist eine Verpflichtung.» Die Vermutung: Die Direktion habe dem Kanton sämtliche obligatorischen Schulungen als «Weiterbildungsangebot» verkauft – und dieser habe die Flunkerei unkritisch in den Bericht übernommen. Fakt ist: Auf Nachfrage können weder Ruppen noch der Kanton den im Bericht gepriesenen «Weiterbildungskatalog» vorweisen.

Direktorin tritt zurück

Im Zentrum der Kritik an den Arbeitsbedingungen bei «Mitmänsch» stand auch Direktorin Alexandra Horvath. Nun hat diese ihre Kündigung eingereicht. Sie verlässt die Institution per Ende Mai 2026, wie der Stiftungsrat in einer Mitteilung schreibt. Zu den Gründen der Kündigung: kein Wort. Der Stiftungsrat dankt Horvath für ihren «unermüdlichen Einsatz». Dass im Betrieb Unruhen herrschen, liest man zwischen den Zeilen. So heisst es, dass ein aktuell durchgeführtes Audit helfen werde, «Mitmänsch» neu aufzustellen, «um die zahlreichen Herausforderungen» zu meistern. 

Dank den couragierten Mitarbeitenden, die unterstützt von der Unia an die Öffentlichkeit gingen, ordnete der Kanton eine gründliche Überprüfung an. Nun spricht er selber von Audit und teilt mit, man habe «einen ausserkantonalen Auditor beauftragt, um dessen Unabhängigkeit zu gewährleisten». Mitarbeitende -sehen in der Überprüfung einen Teilerfolg. Sie berichten work, der Auditor nehme sich Zeit für Gespräche und höre zu.

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