35 Jahre Fachstelle für Gleichstellung, Zürich
«Seit ich ein Mann bin, hört man mir viel mehr zu»

Zum 35-Jahr-Jubiläum organisierte die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich eine Tagung zum Thema Gewalt und Männlichkeiten. Die Autorin Susanne Kaiser sprach über die Sehnsucht junger Männer nach klarer Führung. Und Transmann Hannes Rudolph erklärte, wie sich sein Leben nach der Transition verändert hat.

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GABEN SPANNENDE EINBLICKE IN DAS THEMA: Autorin Susanne Kaiser (l.) und Transmann Hannes Rudolph. (Fotos: zvg)

Sexualisierte Gewalt und die Verherrlichung von dominanten Männerbildern nehmen zu. Die Wiederwahl von Trump, die Veröffentlichung der Epstein-Files und die wachsende Zahl von Femiziden zeigen, dass diese Erzählungen im Internet auch reale Gewalt zur Folge haben. Die Autorin Susanne Kaiser (45) bezeichnet dies als das «feministische Paradox»: Fortschritte in der Gleichstellung lösen bei vielen Männern eine Abwehrhaltung und Angst vor Statusverlust aus. In ihrem Buch «Politische Männlichkeit», erschienen im Jahr 2020, hat sie aktuelle Entwicklungen vorweggenommen: Mit Männlichkeit wird mobilisiert und Politik gemacht. Kaiser sagt:

Junge Männer werden auf Social Media mit Fitness- und Finanzcoachings angelockt und landen dann in der rechtsextremen frauenfeindlichen Szene, der sogenannten Manosphere.

Das Versprechen «echter Männlichkeit» erreicht dort über Influencer wie Andrew Tate (39) ein Millionenpublikum. Die politische Mobilisierung mit der Erzählung männlicher Überlegenheit und Frauenhass führt dabei auch zu einer immer grösseren Spaltung zwischen jungen Männern und Frauen. Während viele jungen Frauen sich von der Erzählung von Gleichberechtigung angesprochen fühlen, gibt es bei vielen jungen Männern die Sehnsucht nach autoritärer Führerschaft. 

Mit KI gegen Frauenhasser

Hass im Internet kennt auch Jolanda Spiess (45). Nach Zuger Landammann-Feier im Jahr 2014 erschienen Tausende Medienartikel über sie, und auf Social Media war Spiess jahrelang massiven Anfeindungen ausgesetzt. Spiess ging juristisch erfolgreich gegen den «Blick», eine «Tages-Anzeiger»-Journalistin und auch gegen die Hasskommentare vor. Ihre Hater traf sie bei Dutzenden von Gerichtsverhandlungen in der ganzen Schweiz. Sie sagt:

Diese Männer haben mich erst im Gespräch als Menschen erkannt.

Spiess geht heute mit Netzcourage und ihrem neuen Verein «Winkelried & Töchter» systematisch gegen Hass, verantwortungslose Medien und digitale Gewalt vor. Inzwischen programmiert Spiess auch eine KI, um Hasskommentare gegen Frauen automatisiert aufzuspüren.

Neue Arbeitsteilung und Zugang zu Gefühlen

Hannes Rudolph (48) ist Psychologe. An der Jubiläumstagung der Fachstelle für Gleichstellung leitete er einen Workshop zu Männerarbeit und zu queerer Männlichkeit. Als Transmann hat Rudolph Erfahrungen als Mann sowie als Frau, die er direkt vergleichen kann:

Seit ich ein Mann bin, hört man mir viel mehr zu, es gibt weniger Widerspruch, und ich erhalte deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Weisse, nichtbehinderte, heterosexuelle Männer hätten den höchsten Status in der patriarchalen Gesellschaft. Ihre über Jahrhunderte hinweg geerbten Privilegien versperrten dabei den Blick auf die Benachteiligungen anderer, aber auch auf ihre eigenen Vorteile. Er sagt: «Als Mann wird dir der Weg freigeräumt, und hinterher wird aufgeräumt.» Doch diese Gewissheit würde durch feministische und queere Stimmen immer stärker in Frage gestellt. Dabei gehe es nicht nur um eine gerechtere Arbeitsteilung, sondern auch um neuartige Beziehungen und den Zugang zu Gefühlen. Wenn Männer ihre Ängste vor neuen Geschlechterrollen und Statusverlust überwinden könnten, hätten am Ende alle etwas zu gewinnen.

Parlamentarier aller Parteien gegen toxische Männlichkeit

Sechs Parlamentarier aus allen grossen Parteien haben gemeinsam ein Postulat eingereicht, das die «Verbreitung von gewaltbegünstigenden Männlichkeitsnormen, insbesondere bei männlichen Jugendlichen» thematisiert. Der Bundesrat hat das Postulat angenommen. Er wird nun einen Bericht mit Daten zu Tätern, Opfern sowie möglichen Präventionsmassnahmen liefern. Dies geschieht im Rahmen der zukünftigen nationalen Strategie gegen häusliche, sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt. Gerhard Andrey von den Grünen hat das Postulat angestossen und die Parlamentarier Mike Egger (SVP), Simon Stadler (Mitte), Heinz Theiler (FDP), Cédric Wermuth (SP) und Patrick Hässig (GLP) von dem Anliegen überzeugt. 

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