Historischer Busstreik in Winterthur
«Wenn es keine Lösung gibt, streiken wir wieder!»

Zuerst wollte er den Streik des Winterthurer ÖV-Personals torpedieren. Dann kam FDP-Stadtrat Stefan Fritschi zu Verhandlungen ins Busdepot, doch konkrete Zugeständnisse machte er keine. Kommt es nun zum ganztägigen Streik? 

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ENTSCHLOSSENES PERSONAL: Die Buschauffeure in Winterthur warten schon viel zu lange auf Verbesserungen und haben deshalb einen Warnstreik abgehalten. (Foto: Keystone)

Ursprünglich hatte VPOD-Gewerkschafter Roman Künzler seinen Wecker auf 3 Uhr gestellt. Doch dann kam nach Mitternacht ein Anruf aus dem Busdepot in Winterthur Grüze. Die Chefs von Stadtbus Winterthur versuchten, den für Dienstagmorgen geplanten Streik zu verhindern, indem die Busse draussen vor der Halle statt im Depot parkiert werden sollten. Diese Finte wollte sich das Buspersonal nicht bieten lassen. 

Die streikbereiten Buschauffeure versorgten die draussen parkierten Busse im Depot, blockierten die Ausfahrt, und der von 4.30 bis 8.30 Uhr geplante Warnstreik konnte trotz Verhinderungstaktik stattfinden. Und das sehr erfolgreich. Künzler sagt:

Die Chauffeure haben die Arbeit zu 90 Prozent niedergelegt. Es waren nur 20 Busse mit Pensionierten und Chefs unterwegs, die kurzfristig eingesprungen sind.

Warten seit 2020

Christian Reisacher ist seit 22 Jahren Buschauffeur bei Stadtbus Winterthur und als Mitglied der Personalkommission einer der Streikführer. Er sagt:

Unsere Forderungen werden nie umgesetzt. Seit Jahren gibt es eine Hinhaltestrategie, das wollen wir uns nicht länger bieten lassen.

Beim Streit zwischen dem Personal und dem zuständigen FDP-Stadtrat Stefan Fritschi geht es um unzureichende Nachtzuschläge, Regelungen bei Schadensfällen und unfaire Regelungen bei den Ersatzdiensten. Diese führen bei vielen Fahrerinnen und Fahrern zu Minusstunden und unbezahlten Wartezeiten. An einer Personalversammlung der 240 Fahrerinnen und Fahrer von Stadtbus Winterthur stimmte die grosse Mehrheit der Anwesenden für den Warnstreik. Reisacher sagt: «Unsere Forderungen haben wir den Chefs erstmals 2020 kommuniziert, und jetzt haben wir 2026. Auch auf eine Petition 2024 hat niemand reagiert, darum haben wir uns jetzt für diesen Warnstreik entschieden.»

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Heute haben die Busfahrer in Winterthur gestreikt. ✊🏼🔥 #bus #busfahrer #winterthur #streik

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Kurzfristig entschieden

Auch Busfahrerin Monika Lema* fühlt sich von den Chefs nicht ernst genommen. Dennoch war sie unsicher, ob sie sich am Streik beteiligen werde. Sie sagt: «Noch gestern habe ich nicht daran geglaubt, dass ein solcher Streik hier in der Schweiz möglich ist.» Ihr Dienst hätte eigentlich um 5.15  Uhr angefangen. Sie sagt:

Erst am Morgen war für mich klar, dass sich alle hier am Streik beteiligen und ich da auch mitmachen will.

Jetzt sei sie sehr positiv überrascht von sich selbst und ihren Kollegen.

Um 6 Uhr tauchte Stadtrat Fritschi höchstpersönlich vor dem Depot auf, um zu hören «wo der Schuh drückt», wie SRF schreibt. Um ihn bildete sich sofort eine Menschentraube, und die Mitarbeitenden konfrontierten ihn mit ihrem Ärger und ihren Fragen. Doch bei den Verhandlungen mit dem Personal und der Gewerkschaft im Innern des Busdepots kam es zu keinen konkreten Resultaten. 

KAM OHNE KONKRETES ANGEBOT: FDP-Stadtrat Stefan Fritschi. (Foto: Keystone)

Micha Amstad, VPOD-Zentralsekretär Nahverkehr, stellt im Namen des Verhandlungskomitees klar: «Wir waren stets bereit für Verhandlungen. Das gilt noch immer.» Der Stadtrat habe angeboten, dass mit anderen Stadtratsmitgliedern eine neue Verhandlungsdelegation gegründet werde. Ab Donnerstag wird weiterverhandelt. Amstad sagt:

Wenn bei diesen Verhandlungen keine konkreten Lösungen mit Verbesserungen für das Personal gefunden werden, dann werden wir das nächste Mal einen ganzen Tag streiken, wenn das Personal das weiterhin will!

Grosser Applaus aus der Menge, denn der Schuh drückt noch immer. 

*Name geändert


Öffentlichen VerkehrStreik von Winterthur ist eine Premiere für die ganze Deutschschweiz

Der Warnstreik in Winterthur ist historisch. Nur in Genf und im Tessin kam es in den letzten Jahren zu grösseren Streiks im ÖV. 

STREIK AUF DEM LAGO MAGGIORE: 2017 legten die Matrosen im Tessin ihre Arbeit nieder. (Foto: TI-Press)

Ein Busfahrer aus Winterthur sagt: «Stadtbus Winterthur war vor 20 Jahren noch bekannt für die besten Arbeitsbedingungen im ÖV. Doch seither wollte man auf dem Buckel der Angestellten sparen.» Vielleicht sei der Streik nicht nur ein Signal an die Chefs, sondern auch an ÖV-Angestellte in anderen Schweizer Städten. Denn der Busfahrerstreik von Winterthur ist ein Ausnahmeereignis. Arbeitskämpfe im öffentlichen Verkehr sind in der Schweiz selten und werden wegen der Wichtigkeit des ÖV fast immer in Verhandlungen im Rahmen der Sozialpartnerschaft entschärft. Der Streik ist auch eine Premiere für die ganze Deutschschweiz.

Ohne Auswirkung

Denn die Mitarbeitenden im öffentlichen Verkehr in der Deutschschweiz streiken fast nie. In Zürich blockierten Angestellte der Zürcher Verkehrsbetriebe vor 15 Jahren ein Tramdepot. Doch die Aktion mit der Gewerkschaft VPOD dauerte nur ein paar Stunden und hatte keine grösseren Auswirkungen auf den Gesamtbetrieb der VBZ. Gröbere Störungen im öffentlichen Verkehr gab es lediglich durch Stromausfälle oder andere technische Pannen. 

Streikfreudigeres Genf

Anders in der Stadt Genf. Dort erkämpfte sich das Personal der TPG im Jahr 2022 mit einem eineinhalbtägigen Streik den Teuerungsausgleich. Bereits 2014 hatten die Bus- und Tramfahrerinnen mit einem Streik einen geplanten Stellenabbau und eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen verhindert. Doch sogar im streikfreudigeren Genf ist dies eher die Ausnahme. Ein weiterer Streik liegt bereits Jahrzehnte zurück.

Matrosen machen es vor

Im Tessin war im Sommer 2017 die gesamte Schweizer Belegschaft der «Navigazione Lago Maggiore» im Streik. Die 34 Matrosen und anderen Angestellten protestierten damit gegen ihre Entlassung und tiefere Löhne. Nach 20 Tagen Streik vermittelte die Tessiner Regierung eine Lösung für alle Beteiligten. Doch wer ausserhalb der Schweizer Grenzen unterwegs ist, merkt schnell, dass Streiks des ÖV-Personals in vielen europäischen Ländern nichts Aussergewöhnliches sind. Insofern trägt der Warnstreik in Winterthur auch etwas zur Normalisierung der Schweiz bei. 

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