Angeblich zu risikoreich
Geht’s noch? Migros rüffelt Mitarbeitende für ihr Freizeitverhalten!

Ein Personalaushang der Migros Aare bringt 8500 Mitarbeitende auf die Palme: Sie hätten ein zu risikoreiches Freizeitverhalten – und seien daher schuld an noch mehr Stress und Unfällen in den Filialen! Jetzt krebst der orange Riese zurück.

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DIE NÄCHSTE MIGROS-SAUEREI: Mit diesen Plakaten sorgte die Migros Aare für viel Unmut. (Fotos: zvg / Keystone)

Da hat sich die Migros Aare ein schönes Ei gelegt. In ihren rund 200 Filialen tauchten Anfang Jahr Plakate auf, die seither bei den Mitarbeitenden für heftigen Unmut sorgen. Rund 8500 Angestellte zählt die Genossenschaft in den Kantonen Bern, Aargau und Solothurn. An sie alle richtet sich der Aushang, der unterzeichnet ist mit «eure Spezialisten ASGS». Das Kürzel steht für Arbeitssicherheit/Gesundheitsschutz. Die konzerneigenen Gesundheits-Aufpasser mahnen die Migros-Teams in grossen Lettern: «Ausgang und Ferien verursachten 2025 in der Migros Aare 2100 Ausfalltage.» Das sei viel zu viel, so die implizite, aber klare Botschaft. Zumal «Strassenverkehr und Sport» da noch nicht einmal mit eingerechnet seien. 

Tatsächlich aber hat die Migros Aare wenig Grund zu klagen. Denn im Vergleich zu anderen Detailhändlern scheinen ihre Mitarbeitenden ein sehr unfallarmes Privatleben zu führen. Das zeigt die Unfallstatistik der Suva (siehe Box unten). Doch die Migros-«Spezialisten» tadeln oberlehrerhaft weiter: «Unfälle passieren nicht, sondern werden gemacht.» Und damit ist noch nicht genug der Lektionen.

Plakat mit happigen Vorwürfen

Ein zweiter Aushang belehrt die Mitarbeitenden über die angeblichen Folgen ihres angeblich zu risikoreichen Privatlebens. Als Beispiel dient ein zweiwöchiger Ausfall eines Team-Mitglieds. Ein solcher Ausfall habe zur Folge, dass «82 Stunden abgedeckt werden müssen, die nicht geplant sind». Das seien Stunden, die «deine Team-Mitglieder stemmen müssen». Diese gerieten zudem «unter mehr Stress und Druck». Sogar «einem erhöhten Unfallrisiko» werde das verbleibende Team ausgesetzt, wenn eine Kollegin ausfalle.

Man reibt sich die Augen. Sind die Genossenschaften der grössten Arbeitgeberin in der Schweiz wirklich nicht zu einer nachhaltigen Personalplanung fähig? Ist die Gesundheit der Mitarbeitenden automatisch gefährdet, wenn andere einmal ausfallen? Läuft die Migros Aare mittlerweile derart am Limit? Im Vergleich dazu gerade lachhaft harmlos liest sich die letzte auf dem Plakat genannte Ausfallfolge: «Der Mehraufwand für deine Führungskraft erhöht sich durch Gesundheitsgespräche.» Gar nicht zum Lachen aufgelegt sind ob solch absurden Belehrungen die Teams in den Filialen.

Bei den Angestellten brodelt’s

Die Berner Verkäuferin Olga Tanner* sagt zu work:

Ich finde diese Plakate respektlos und unprofessionell. Da wird uns generell Fahrlässigkeit oder sogar Absicht unterstellt. Als ob wir uns einen Vorteil erschleichen wollten!

Ihr gesamtes Team fühle sich vor den Kopf gestossen. Sogar der Filialleiter habe reklamiert. 

Stefan Lötscher* arbeitet in derselben Filiale und bestätigt: «Die Plakate sind eine Frechheit – und das sehen alle so.» Ihn störe besonders, dass sich die Migros anmasse, in die Ferien- und Wochenendgestaltung der Belegschaft dreinzureden. Das sei Privatsache und gehe eine Arbeitgeberin gar nichts an. «Oder sollen wir jetzt nur noch für die Migros leben?» Der Frust des jungen Verkäufers ist nicht zu überhören. Doch überraschend komme für ihn der Aushang nicht:

Ehrlich gesagt passt er voll ins Bild. Bei uns wird extrem viel erwartet, aber relativ wenig gegeben.

Und diese Logik habe seit letztem Herbst noch deutlich zugenommen.

Beide Angestellten sprechen von «Spardruck» und von einer «Durchsage von oben», wonach Stunden reduziert werden müssten. Lötscher sagt: «Es gibt allgemein viel weniger Einsätze als früher und überall werden Stunden zusammengestrichen.» Tanner ergänzt:

Aktuell ist es sehr unschön. Sobald wir eingestempelt haben, geht es praktisch nur noch darum, zu beweisen, dass wir nicht faul sind.

Und wer sich nicht hyperflexibel zeige und spontan einspringe, werde künftig bei der Schichtvergabe benachteiligt. Das und die schlechte Stimmung haben schon etliche so vergrault, dass sie gekündigt hätten. «Der Aushang bestätigt jetzt einfach noch schwarz auf weiss, was bei uns wirklich abgeht», sagt Tanner.

Migros: «Ein internes Missverständnis»

Als work die Genossenschaft mit ihrem Aushang konfrontiert, herrscht zunächst Funkstille. Doch intern rumpelt es offenbar zeitig und zünftig, wie ein klärendes Gespräch später zeigt. Anruf der Migros-Aare-Sprecherin Neda Golafchan: Zunächst dankt sie der Unia-Zeitung für den Hinweis auf die fraglichen Aushänge. Und stellt dann klar: «Die Plakate hätten so natürlich nicht aufgehängt werden sollen!» Es habe sich um ein «internes Missverständnis» gehandelt. Weder das HR noch die Kommunikationsabteilung seien involviert gewesen. Nach der work-Anfrage habe man alle Plakate in sämtlichen Filialen «unverzüglich» entfernt.

Und was ist mit den Spardruck-Vorwürfen? Das sei «kein alleiniges Migros-Thema», sagt Golafchan. Die gesamte Detailhandelsbranche sei «stark unter Druck». In der Personalplanung der Migros Aare habe sich aber nichts geändert: «Wie bisher versuchen wir die Ansprüche und Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden möglichst optimal wahrzunehmen.» Die Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitenden sei der Genossenschaft sehr wichtig.

Es sind Versprechen, die für Verkäuferin Tanner und Kollege Lötscher zu spät kommen. Beide haben mittlerweile entschieden, sich beruflich neu zu orientieren.

*Namen geändert

Nichtberufsunfälle: Migros-Aare-Teams sind «safer» als der Durchschnitt!


Mit Corona sind die Nichtberufsunfälle bei Detailhandelsbeschäftigten in der Schweiz deutlich gesunken. Danach ist die Fallzahl wieder etwas gestiegen, liegt aber noch immer unter dem Vor-Pandemie-Niveau. Das zeigt die Unfallstatistik der Suva.

Gerade die Migros Aare hat wenig Grund, ihre Mitarbeitenden zu ermahnen. Denn wenn die rund 8500 Angestellten zusammen 2100 freizeitunfallbedingte Ausfalltage verzeichnen (ohne Sport und Verkehr), ergeben sich gerade mal 0,25 Absenztage pro Team-Mitglied und Jahr. Zum Vergleich: Im gesamten Detailhandel liegt das durchschnittliche Absenzrisiko wegen Nichtberufsunfällen (inklusive Sport und Verkehr) um ein Vielfaches höher. Nämlich bei 2,43 Ausfalltagen pro Mitarbeiter und Jahr. Detailliertere Zahlen wollte die Migros Aare nicht herausrücken.

7 Kommentare

  1. Lüthi 27. Februar 2026 um 20:14 Uhr

    Es ist jedes Mal aufs Neue unterhaltsam, wenn die Kommunikationsabteilung wieder einmal ausrücken muss, um einen strategischen Fehltritt der Führungsetage in wohlklingende Prosa zu verpacken.

    Man darf wohl davon ausgehen, dass die ASGS im Auftrag der Geschäftsleitung tätig wurde – Sensibilisierung, Senkung der Ausfalltage, klare Ansage. Als sich dann jedoch zeigte, dass der Schuss eher nach hinten losging, wurde flugs umgedeutet: Alles nur ein Missverständnis. Und die ASGS? Steht plötzlich im Regen. Selten so gelacht.

    Immerhin: Das eigentliche Ziel wurde wohl erreicht. Über Ausfalltage und deren „Folgen“ wird nun breit diskutiert. Mission accomplished – auch wenn man offiziell natürlich von nichts gewusst haben will.

  2. Olivia 26. Februar 2026 um 21:25 Uhr

    Viele die „führen“, streben nur den Profit (Cash) an, die Menschen die Arbeiten für die Dienstleistungen bleiben zurück.Dies wirkt sich auch negativ auf die Kunden aus. Das betrifft viele Firmen. Die Macht der Gier …
    Wertschätzung und richtig Führen in einem Team braucht menschlichkeit, Verständnis der Arbeit und vertrauen im Herzen.

  3. Gabrieka Di Ponzio 26. Februar 2026 um 18:18 Uhr

    Ich arbeite bereits seit 45 Jahren im Detailhandel und habe verschiedene Zeiten miterlebt.

    Was die Migros bezüglich Personalausfälle schreibt, stimme ich voll zu! Mehraufwand für Führungskräfte und Verkaufspersonal.
    Leider ist es heute so, dass sehr viel Online gekauft wird, die Konkurrenz grösser und agressiver geworden ist. Demzufolge wird mit einem Minimum von Personal und schlecht bezahlten Löhnen gearbeitet.

    Heute sind die Menschen häufiger krank, weil sie dem Druck nicht mehr stand halten.
    Dann gibt es leider auch immer wieder „faule Eier“, die am Montag krank sind oder wegen einem Schnupfen zu Hause bleiben. Ein solches Verhalten ist nicht in Ordnung den Arbeitskollegen gegenüber.

    Ich denke, die Ursache für das ganze Drumherum ist unsere Entwicklung in der heutigen Zeit: immer mehr Umsatz, die Menschen wollen profitieren wo immer es geht, ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt, ohne sein persönliches Verhalten zu hinterfragen…..privat, an der Arbeit und der Politik.

  4. Wälti-Moser Karin 26. Februar 2026 um 17:29 Uhr

    Da verwundert es einem auch nicht dass man als Kundin leicht angegrunzt wird bei der Frage nach der Mayonnaise.
    Das die Migros so schlecht organisiert ist betreffend ausfall tage erstaunt mich sehr,wenn man etwas besser und fürsorglicher für den Mitarbeiter schaut wäre die Bereitschaft sich die Schichten von anderen Team kollegen unter einander auf zu teilen sicher eher vorhanden .
    Ich verstehe den Groll von den Arbeitenden über solche aushänge schilder dies ist ein no go.
    ein Hinweis zusammen an einem Strang zu ziehen betreffend Unfall vermeidung auf der Arbeit wäre hier glaub ich angebrachter als nichtberufs verunfallte an zu prangern.Da muss man sich nicht verwundern wenn es aufstände gibt.
    Ich wünsche allen Angestellten starke nerven und schaut gegenseitig zu einander wenn es Eure Bosse schon nicht machen.Macht Euch STARK Ihr müsst Euch nicht alles gefallen lassen .

  5. Sara 26. Februar 2026 um 10:25 Uhr

    Glaubt mir die Migros macht sonst noch andere viel schlimmere Verbotene Sachen. Die Migros welche die Öffentlichkeit als sehr Sozial kennt, ist überhaupt nicht Sozial. Ich rede aus eigener Erfahrung, die Migros hat mich Krank gemacht und dann wie ein nassen Sack fallen lassen. Ich könnte eine Krimi darüber schreiben.

    • Adrian 28. Februar 2026 um 6:33 Uhr

      Es tut mir sehr leid, das zu lesen. Wenn du dich wohl dabei fühlst, würde mich interessieren, was genau passiert ist. Viele Menschen sehen Migros als vorbildlichen Arbeitgeber, deshalb ist es wichtig, auch solche Erfahrungen zu lesen.

  6. Aebischer 26. Februar 2026 um 7:49 Uhr

    Ich habe 33 Jahre im Migros Tivoli gearbeitet. 1989 war der Start. Ich habe in dieser Zeit viel erlebt. Sehr viel possitives. Wir waren wie eine Familie. Doch nach dem Zusammenschluss hat sich ein schlechter Virus eingeschlichen. (Nicht alles war schlecht). Doch was heute abgeht ist eine Katastrophe!
    In einem Center an einem Samstag……14. Feb. eine Kassierin im OG, nur 1ne im Subito und der Laden rappe voll. Dass es zu verärgerte Kunden führt ist ja klar. Die sogenannten Filialleiter kann man heute an vielen Orten rauchen. Wo führt das für diese Geschäfte noch hin? Aber dann jammer, dass der Umsatz rückgängig ist das können sie. Es ist nur traurig mit zu bekommen was da abgeht , wenn man sich jahre lang für diesen Riesen mit herzblut eingesetzt hatte.

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