Lohndumping im Auftrag von Amazon
Billig-Stromer in SVP-Grüters Datacenter

Für die US-Datenkrake Amazon baute die Firma von ­SVP-Nationalrat Franz Grüter 2022 ein riesiges ­Rechen­zentrum im Aargau. Seither kommt es dort immer wieder zu Lohndumping. Die Dimensionen sind massiv.

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PROFITEUR: Bei SVP-Mann Franz Grüter klingelten die Kassen, während Büezer bei Elektroarbeiten
im Datacenter abgezockt wurden. (Foto: Keystone)

Mit dieser Bescherung wird Bogdan Popescu* nie gerechnet haben: gut 42 000 Franken. So viel hat der Elektriker aus der rumänischen Hauptstadt Bukarest letzten August überwiesen bekommen. Auf einen Schlag. Das ist mehr als doppelt so viel wie sein normaler Jahres­verdienst. Auch drei weitere rumänische Kol­legen Popescus wurden von einem Geldsegen überrascht. Insgesamt floss eine Summe von 170 000 Franken. Das geht aus Zahlungsbelegen hervor, die work vorliegen.

Gezahlt hat das Geld die Firma Convergint, eine multinationale Anbieterin elektronischer Sicherheitssysteme. Sie hatte 2024 die rumänische Elektrofirma Helinick geschluckt, die frühere Arbeitgeberin der vier Stromer. Diese waren wiederholt ins Ausland entsandt worden – 2023 auch nach Lupfig in den Kanton Aargau.

Greens fetter Fang

Dort hatte der Luzerner IT-Unternehmer und SVP-Nationalrat Franz Grüter (62) mit seiner Tech-Firma Green ein riesiges Rechenzentrum aus dem Boden gestampft. Zugunsten von Amazon Web Services, einem Tochterunternehmen von Amazon. Der US-Mischkonzern von Multimilliardär Jeff Bezos ist seither Mieter in einem der drei Lupfiger Datacenter. Schon 2020 hatte die Datenkrake und Versandhändlerin angekündigt, in der Schweiz für 5,9 Milliarden Franken ein «Infrastruktur-Cluster» aufzubauen. Dass damit Ärger drohte, hätte man ahnen können. Schliesslich steht Amazon seit Jahren und weltweit in der Kritik. Wegen brutalen Leistungsdrucks, systematischer Überwachung, ­gewerkschaftsfeindlichen Verhaltens und der Weigerung, für seine 1,5 Millionen Mitarbeitenden Gesamtarbeitsverträge abzuschliessen. Grüters Green aber profitierte im grossen Stil. Allein der Bauauftrag für Amazon wurde auf 70 Millionen Franken geschätzt. Obendrauf dürf­­ten jährlich üppige Einnahmen für Miete und IT-Betreuung kommen. Bei Grüter klingelten je­­­denfalls die Kassen.

Die «Bilanz» zählte ihn schon 2017 zu den  reichsten Parlamentariern der Schweiz – mit geschätzt 20 Millionen Franken Vermögen. Seit­­her dürfte sein Portemonnaie noch dicker geworden sein. Denn nach der «Bilanz»-Schätzung hat Grüter seine Green-Anteile verkauft. Und unter ihm als Verwaltungsratspräsident wuchs Green zünftig, auch dank US-Grosskunden wie Google oder Amazon. Letz­­ten Oktober trat Grüter aus dem Verwaltungsrat zurück. Und liess verlauten, sich «künftig auf seine politische Tätigkeit als Na­tionalrat zu konzentrieren». Sagt einer, der sich einst als «grösster Trump-Fan im Bundeshaus» bezeichnete. Und der im Leitungsausschuss einer Partei sitzt, die laut Programm «für die Abschaffung der flankierenden Massnahmen kämpft». Also jener Kontroll- und Schutzinstrumente, die gewährleisten, dass entsandte Arbeitskräfte aus dem Ausland die Schweizer Lohn- und Arbeitsbedingungen einhalten. Pikant: Fast zeitgleich mit Grüters Abgang kassierte die Paritätische Kommission der Aargauer Elektrobranche (PK) eine rekordhohe Konventionalstrafe – wegen Lohndumping in Grüters Datacenter.

Kanton bestätigt Verstösse

Auf work-Anfrage bestätigt das Amt für Migra­tion und Integration des Kantons Aargau mehrere Kontrollgänge auf dem Firmengelände von Green, auch solche unter Beteiligung kantonaler Inspekteure, was äusserst selten vorkommt. Im Visier waren immer Firmen, die im Auftrag von Amazon Elektroarbeiten im Datacenter ausführten. work hat auf Grundlage des Öffentlichkeitsgesetzes Akteneinsicht verlangt. Konkret eine Auflistung sämtlicher in den Lupfiger Datacentern registrierten Verstösse gegen das Entsendegesetz. Und ebenso die daraus resultierten Sanktionen und die ­Namen der fehlbaren Firmen. Der Kanton hat work eine solche Liste zugesichert, will Green aber zuerst noch das rechtliche Gehör gewähren. Dies, obwohl man dort der Meinung ist, nichts mit dem Dumping zu tun zu haben. Dazu Green-Sprecherin Susanne Felice-Tanner: «Zwischen unserem Unternehmen und der genannten Firma bestand zu keinem Zeitpunkt ein Auftragsverhältnis, und es erfolgte auch keine Beauftragung über Dritte im Namen der Green.» Man halte sich immer an die geltenden Gesetze und Sicherheitsvorschriften. Und: «Tätigkeiten im Datacenter werden ausschliess­lich von qualifiziertem Personal sowie von eigenen ausgebildeten Elektrikern ausgeführt.» Wirklich?

«Kennen nichts Vergleichbares»

work weiss von insgesamt sechs Fällen, bei denen ausländische Elektrobuden im Datacenter Lupfig negativ aufgefallen sind. Einmal waren elf polnische Elektriker involviert, einmal vier Stromer aus Kroatien, ein andermal neun Schein­selbständige aus Irland. Stets im Auftrag von Amazon. Meist wurden hohe Lohnverstös­se festgestellt, manchmal auch missachtete Meldepflichten. Wie bei den vier Büezern aus Buka­rest. Gewerbler Jürg Rubin ist Präsident der ­Paritätischen Kommission Elektro Aargau und führt im Fricktal ein Stromergeschäft mit 30 An­­­gestellten. Für ihn ist der Fall der Rumänen in vieler Hinsicht extrem:

Es waren nur vier Arbeiter involviert, denen aber das Mehrfache ­ihres Jahreslohns im Heimatland nachbezahlt werden musste.

Entsprechend hoch fiel die Konventionalstrafe aus: 75 000 Franken musste Convergint bezahlen. Eine Anfrage dazu lässt die Firma unbeantwortet. Doch Rubin sagt: «Ähn­­lich schwerwiegende Fälle kennen wir nur wenige, im Aargau gab es bisher nichts Vergleichbares.» Der Fall habe aber auch seine gute Seite: «Er zeigt, dass das Kontrollregime in der Schweiz funktioniert und wie wichtig es ist, ­­­um die Schweizer Arbeitsbedingungen zu schützen.» Denn gleichzeitig zeige sich in Lupfig, wie schnell sich Dumping ausbreiten würde, wenn Kontrollen aufhörten. Für Rubin ist daher klar: «Eine Schwächung der Lohnkontrollen muss unbedingt verhindert werden, ganz im Gegenteil braucht es für die Sozialpartner noch bessere Mittel, um auch Auftraggeber zur Ver­antwortung zu ziehen, statt den einzelnen Dienstleistern nachrennen zu müssen.»

Grüter windet sich

Und was sagt Franz Grüter zu den Zuständen in Lupfig? Immerhin ist das Dumping in seinem Haus nur aufgeflogen, weil jede Entsendemeldung automatisch eine Kontrolle zur Folge hat. Das garantieren die flankierenden Massnahmen, die Grüters SVP bekämpft. Auch er selbst wetterte wiederholt gegen eine «Lohnpolizei», die «nach Lohndumping fahndet». Jetzt aber windet er sich. Als Gegner der flankierenden Massnahmen wolle er sich nicht per se verstanden wissen. Diese seien «ein notwendiges Übel», solange die Personenfreizügigkeit bestehe.

Ansonsten versichert Grüter, dass während seiner Zeit als VR-Präsident stets nach ­Gesetz und nur mit Fachkräften gearbeitet worden sei. Aber: «Für Arbeiten, die Kunden innerhalb ihrer gemieteten Flächen mit eigenen Auftragnehmern durchführen lassen, bestanden weder ein Auftragsverhältnis mit Green noch eine Einflussnahme auf deren arbeitsrechtliche Ausgestaltung.» Grüter hat also mit dem Rüpel-Konzern Geschäfte gemacht, ohne auf diesen einzuwirken – trotz zahlreichen einschlägigen Vorgeschichten. Und Amazon? Schweigt. Für PK-Präsident Rubin ist umso klarer: «Das Datacenter wird für unsere Kontrolleure auf der Watchliste bleiben!»

* Name geändert

Data-Platzhirsch Green: Vom Bauernverband
in Britenhand

BRANCHEN-PRIMUS: Das Datacenter von Green in Lupfig AG. (Foto: Keystone)

Der Ursprung von Green liegt nicht etwa im Silicon Valley, sondern in der Schweizer Landwirtschaft, konkret beim Bauernverband. Dieser hatte schon früh computeraffine Funktionäre, die 1995 den Internetpionier agri.ch gründeten. Damit ermöglichten sie in den ländlichen Regionen das Surfen zum Lokal­tarif. Aus Agri wurde der Provider green.ch, den Franz Grüter 2008 übernahm und zum Datahub-Dienstleister ummodelte. 2011 entstand in Lupfig AG das erste Hochsicherheits-Datacenter. In Zürich kamen drei weitere ­hinzu. Green ist heute mit 160 Mitarbeitenden der grösste Anbieter in der Schweiz. ­Eigentümer ist seit Oktober 2025 der IFM Global Infrastructure Fund, ein Vermögens­verwalter im Besitz britischer und australischer Pensionsfonds.

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