No Kings: Ein Gastkommentar
Wenn Fackeln mehr Haltung zeigen als der Bundesrat

Das Bild ging um die Welt: «No Kings» loderte in feurigen Buchstaben am Berg, 450 Fackeln setzten ein klares Zeichen gegen US-Präsident Donald Trump, gegen alle Autokraten, die sich am WEF in Davos tummelten – und gegen die haltungslose Politik des Bundesrats. Ein Gastkommentar über die mutige Aktion und das beschämende Schweigen von Politik und Medien. Von Buchautor und Tagesanzeiger-Journalist Marco Maurer.

FEURIGE NACHRICHT HOCH ÜBER DAVOS: Für eine Haltung gegen Trump & Co. (Foto: zvg)

In Davos, diesem sorgfältig gepolsterten Biotop der Weltpolitik, hinterliess keine Rede, kein Panel, kein Staatsgast, nachhaltig Eindruck – sondern eine Aktion von Leuten aus dem Dorf. Ein Satz, so schlicht wie unmissverständlich, trugen 12 Menschen auf einen Berg: No Kings, keine Könige. Die Losung wird in den USA gegen Donald Trump verwendet, um auszudrücken, dass er sich wie ein Monarch verhaltet und die Demokratie gefährdet.

Sehnsucht nach Haltung

Sie entzündeten dadurch nicht nur ein Feuer auf dem Berg, sondern auch in der gesamten Schweiz. Denn durch diese Aktion passierte etwas Ungewöhnliches: Zustimmung. Viel Zustimmung. Einhellige Zustimmung. Und das, in einem Land, das sonst schon beim 30er-Tempo-Limit zuverlässig in Lager zerfällt. Offenbar hat diese Aktion etwas getroffen, was tief im Verborgenen sitzt, und in keinem Buch namens «Gebrauchsanweisung für die Schweiz» zu finden ist: die Sehnsucht vieler Schweizerinnen und Schweizer, Haltung gegen Unrecht zu zeigen. Nicht irgendeine diplomatische oder taktische Haltung, sondern eine klare, mutige, nach aussen sichtbare.

Denn machen wir uns nichts vor: Trump war nicht einfach ein weiterer mächtiger Gast in der Schweiz. Er ist einer, der dem Faschismus in den USA, und durch seine global-europäischen Freunde um Orbán, Höcke, Meloni & Co. weltweit, einen Weg bereitet. Einer, der Demokratie nicht reformieren, sondern ersetzen will.

Wer das ignoriert, schweigt nicht nur; sondern macht sich mitschuldig an der Normalisierung autoritärer Bewegungen.

Und damit sind wir bei der offiziellen Schweiz und ihrer, nun ja, Zurückhaltung. Bloss nicht anecken. Bloss nicht provozieren. Bloss niemanden verärgern. Bloss kuschen. Sie nennen das Neutralität. Eine, die auf ein klares Pro-Europa-Statement verzichtet, und deren US-Aussenpolitik noch immer an die Worte der damaligen Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter erinnert, die die Rede von US-Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025, die nichts anderes als ein europäisches Land und damit Europa zersetzen sollte, als «sehr schweizerisch» bezeichnet.

Dieses Anbiedern bis Schweigen der offiziellen Schweiz zur Trump-USA war auch wieder überall während des WEF zu beobachten, zu spüren, zu hören. Letzteres in Sätzen, die nicht gesagt worden sind durch die politisch Verantwortlichen.

Die offizielle Schweiz wirkt zunehmend wie Feigheit in Staatskleidung.

Der schweigende Bundesrat mag das vorsichtig nennen, ehrlicher wäre: rufschädigend. Neutralität ohne Haltung ist nichts als ein Deckmantel für Verzicht auf Prinzipien.

Oder kurz gesagt: Wenn den Schweizer Politikerinnen der Mut und der demokratische Anstand fehlt, einen europäischen Weg mitgestalten zu wollen, machen es die Davoserinnen und Davoser.

Nicht in unserem Namen

Dass ausgerechnet eine kleine Dorfaktion diesen Widerspruch sichtbar macht, ist fast schon ironisch. Während auf Regierungsebene taktiert, relativiert und verschoben wird, sagt eine Handvoll Menschen schlicht: nicht in unserem Namen. Und plötzlich ist da etwas, das lange gefehlt hat – ein kollektives Aufatmen. Endlich sagt es mal jemand. Endlich nicht dieses vorsichtige Drumherumreden.

Bemerkenswert ist auch, was viele dabei empfunden haben:

Stolz. Ein altmodisches, fast verdächtiges Wort. Stolz darauf, Schweizerin oder Schweizer zu sein – nicht wegen Banken, Bergen, Ordnungsliebe und geschützter Grenzen, sondern wegen demokratischer Selbstbehauptung.

Und hier schliesst sich ein Kreis: Die Aktion erinnert an einen Wert, den die SVP über Jahre gekapert hat – Wehrhaftigkeit, illustriert mit Hellebarden, folkloristisch aufgeladen und ideologisch vereinnahmt.

Die zwölf Davoserinnen haben sich genau dieses Sache wieder zurückerobert, indem sie «Nein» sagen – gerade dann, wenn mächtige Männer glauben, ihnen stünde alles zu.

Demokratie ist kein Dekor

Die Gipfelsteiger brauchten dafür nur Skifelle und einen guten Kompass. Damit schickten sie eine zivile Erinnerung daran, wer der Souverän im Land ist: weder die SVP noch der Bundesrat, den Trump in einer Art Geiselhaft hält – sondern das Volk. Anstelle von Hellebarden wählten die zwölf Menschen ein anderes alpenländisches Instrument: das Höhenfeuer. Und zeigten so, dass Demokratie kein Dekor ist, das man einmal für den Anlass aufstellt und danach wieder einlagert.

Diese Aktion richtet sich daher nicht nur gegen Trump und seine globalen Freunde. Sie richtet sich auch nach innen. Als unbequeme, unüberhörbare Frage an die politisch Verantwortlichen: Wann traut ihr der Schweiz eigentlich Haltung zu? Wann beginnt Neutralität wieder, etwas anderes zu sein als Schweigen? Wann erkennen das, übrigens, auch die grössten Schweizer Medien? Wann hört man auf, sich hinter taktischer Vorsicht zu verstecken, und steht auf für die Prinzipien, auf denen auch die Schweizer Demokratie fusst?

Manchmal, das zeigten zwölf Davoserinnen, braucht es nämlich keinen Gipfel, keinen Konsens, keine Abschlusscommuniqués. Manchmal reicht ein haltungsstarker Satz, und der Mut ihn auf einen Berg mit Feuer zu schreiben.

*Marco Maurer ist Journalist, unter anderem für den «Tages-Anzeiger». Und er schreibt Bücher, auch zum Thema Klassengerechtigkeit. Er lebt in Zürich. Hier geht’s zu seinem Instagram-Account.


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