Medienspiegel
Das Jahr scheint schon alt, arg lädiert, bevor es überhaupt so richtig begonnen hat: Die Brandkatastrophe von Crans-Montana (und plötzlich war die Medienwelt voller selbsternannter Brandspezialisten) oder die Entführung des...

Ich habe das Jahr entspannt und sportlich begonnen: Am Neujahrsmorgen früh war ich schwimmen. Ich habe meine Neujahrsvorsätze im Wasser mit jeder zurückgelegten Bahn gefeiert: mehr Ausdauer und Disziplin im neuen Jahr – das schaffe ich! Als ich mich laut schnaufend in die Garderobe zurückzog, dachte ich über meine Ausdauer nach. Und muss zugeben, dass ich meine bisherige Leistung nicht so schlecht finde. Insbesondere, was die Arbeit angeht. Jeden Morgen stehe ich pünktlich im Laden, erledige fleissig und zielstrebig meinen Job. Über Jahre habe ich die Launen diverser Chefs ausgehalten. Mein Wissen und meine Leistungen wurden oft runtergeputzt oder kleingeredet, weil ich keinen Abschluss habe. Ich bin aber immer noch hier. Disziplin – abgehakt! Aber Ausdauer? Ich bin erst in der Halbzeit. Das Ziel, also die Rente, ist für mich noch weit entfernt. Jeder Tag gleicht für mich einer Bahnlänge im Wasser. Rhythmus aufrecht halten, atmen und den Platz beanspruchen. Stress verschlägt uns oft den Atem: Das Sparen von Personalkosten und die Erhöhung des Arbeitsvolumens bringen uns manchmal brutal aus dem Takt.
Ich habe bei einigen Gschpönli erlebt, dass sie ihr Ziel nicht erreicht haben und aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig abbrechen mussten. Das System hat sie krank gemacht. Entweder gibt der Körper auf, oder wir werden so überlastet, dass der Kopf sich ausschaltet – dann ist es vorbei. Das Schlimme daran ist, dass meine Gschpönli Vorwürfen und Vorurteilen ausgesetzt sind: Sie würden das System ausnutzen. Nicht arbeiten und dennoch kassieren. Fürchterlich. Nach Feierabend frage ich mich oft, ob ich diese Arbeit in diesem Tempo noch zwanzig Jahre lang machen kann. Momentan läuft es gut, aber was ist, wenn ich aus der Bahn geworfen werde? Ich bin nicht allein mit dieser enormen Belastung. Wir müssen bis zum Rentenalter arbeiten und möchten die Zeit danach so gesund wie möglich geniessen. Dafür brauchen wir optimale Voraussetzungen: einen gesunden Rhythmus, Zeit zum Atmen. Angesichts der Anforderungen und des Profitdenkens lautet das Motto: Arbeiten bis zum Umfallen. Und daran sollen wir auch noch selber schuld sein!
Zum Glück hat sich einiges bei mir geändert, so dass ich meistens nur in der Garderobe laut Luft holen muss. Ich hoffe sehr, das bleibt so. Ich nehme mir einiges vor für das neue Jahr, gleichzeitig feiere ich die bisherigen Leistungen. Das müssen wir unbedingt: Uns feiern, das tut gut.
