Jagoda Sejdić stand für ihre Rechte ein – mit Erfolg!
«Ich habe recht bekommen – für alle Frauen»

Die Hotelkellnerin Jagoda Sejdić wehrte sich gegen Diskriminierung und holte fast 10 000 Franken heraus. Das zeigt: Auch in der Probezeit sind Schwangere nicht schutzlos.

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DOPPELTE GENUGTUUNG: Mehr noch als über das erkämpfte Geld freut sich Jagoda Sejdić darüber, sich erfolgreich gegen Diskriminierung gewehrt zu haben. (Foto: Matthias Luggen)

Damit hatte Jagoda Sejdić nun wirklich nicht gerechnet. Der Hoteldirektor zitierte sie ins Büro. Erst knapp drei Monate zuvor hatte sie ihre Stelle als Frühstückskellnerin im Hotel Essential by ­Dorint in Interlaken angetreten. Die Arbeit gefiel ihr, sie gab vollen Einsatz und war dank ihrer Ausbildung im Hotelgewerbe auch bestens qualifiziert dafür.

Im Chefbüro wartet nicht nur der Direktor, sondern auch sein Chef, verantwortlich für mehrere Schweizer Dorint-Hotels. Die beiden teilen der verdutzten Sejdić mit, dass sie entlassen werde. ­«Einen konkreten Grund haben sie nicht genannt», so das Unia-Mitglied.

An ihrer Leistung könne es nicht liegen. «Ich bin mir sicher, ich war eine gute Mitarbeiterin», sagt sie. Nein, der Grund ist offensichtlich ein anderer: Sejdić ist schwanger. War es bereits, als sie eingestellt wurde. Sie habe einen sehr grossen Bauch gehabt, sagt sie und lacht: «Es war nicht zu übersehen.»

Betriebe versuchen immer wieder, Schwangere los zu werden. Im Dezember berichtete work von der Verkäuferin Erma Braho, die sich ­erfolgreich gegen die Kündigung während der Schwangerschaft gewehrt hatte. Kellnerin Sejdić sagt:

Viele Firmen reagieren mit Vorurteilen oder Stereotypen, sie sehen eine Schwangerschaft als Risiko.

SICHTBAR: Schwangerschafts-­Selfie von Jagoda Sejdić ­zur Anstellungszeit. (Foto: ZVG)

Eine Frau wehrt sich…

Dagegen wollte die gebürtige Italienerin etwas tun. Die Frauenrechte seien derzeit unter Druck, sagt sie – «in der Schweiz, in Italien, auf der ganzen Welt». Sie beschliesst, diese Kündigung nicht kampflos zu schlucken. Und nimmt mit der Unia Berner Oberland Kontakt auf.

Dort betreut die Juristin Gohar Tabaker den Fall. Sie erklärt: Das Hotel Dorint kündigte Sejdić gerade noch vor Ablauf der Probezeit. In dieser sei zwar, arbeitsrechtlich, eine Kündigung grundsätzlich zulässig. Aber nicht, wenn die Schwangerschaft das Motiv sei. «Denn das Gleichstellungsgesetz verbietet jede Benachteiligung aufgrund einer Schwangerschaft – auch in der Probezeit.» Dabei genüge es schon, wenn die Tatsachen eine solche Diskriminierung vermuten liessen.

…und hat Erfolg

Also ruft Jagoda Sejdić, unterstützt von der Unia, die Schlichtungsbehörde an. Und hat Erfolg! Das Hotel willigt ein, ihr eine Entschädigung von zwei Monatslöhnen plus Zinsen zu zahlen: exakt 9750 Franken. Mehr noch als das Geld freut die 28jährige Mutter etwas anderes: «Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich für die Rechte der Frauen eingestanden – und habe gewonnen!» Deshalb ist sie auch gerne bereit, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Sie sagt:

Alle Frauen sollen wissen: Gegen Diskriminierung können wir uns wehren!

Dorint Schweiz bestreitet auf Anfrage die Vorwürfe und erklärt, man habe dem Vergleich nur deshalb zugestimmt, um «eine langwierige Auseinandersetzung zu vermeiden». Vor der Kündigung sei Sejdić in Gesprächen «wiederholt» auf «Defizite» hingewiesen worden, etwa beim Arbeitstempo oder der Aufmerksamkeit gegenüber den Gästen. Die Schwangerschaft sei der Firma gar nicht bekannt gewesen, es habe auch keine «erkennbaren Anhaltspunkte» dafür gegeben. Ernsthaft? Sejdić zeigt mehrere Fotos, die rund einen Monat vor der Kündigung entstanden sind. Sie zeigen den Bauch eindeutig. Und was die von der Dorint angeführten «Gespräche» angeht, widerspricht sie klipp und klar: «Meine Arbeit wurde nie beanstandet, weder schriftlich noch mündlich.»

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