Kolumne EUropa
Migration: Brain-Drain im Westbalkan

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Regula Rytz, Delegierte bei den European Greens, ehem. Nationalrätin und Präsidentin der Grünen, Mitglied der Arbeitsgruppe Europa des gewerkschaftsnahen «Denknetzes». (Montage: work)

2026 werden die europapolitischen Weichen in der Schweiz gestellt. Denn die Abstimmung über die SVP-Chaos-Initiative («10-Millionen-Schweiz») ist faktisch ein vorgezogenes Europaplebiszit. Kommt sie durch, steht die Erneuerung der bilateralen Verträge – inklusive Lohnschutz – auf dem Spiel. Die Schweiz wäre isolierter denn je. Genau in dem Moment, in dem Europa von skrupellosen Autokraten umgeben ist und ein internationaler Konfliktherd nach dem anderen eskaliert.

Ob es der SVP gefällt oder nicht: Die EU ist heute der einzige Player, der Trump, ­Putin und Co. die Stirn bieten könnte, auch dank der enormen Wirtschaftskraft. Die ­EU ist die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und repräsentiert rund 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Beste Vor­aussetzungen also, um dem Abbau von internationalen Grundrechten beherzt entgegenzutreten und die europäischen Nachkriegswerte zu verteidigen. Allen voran die Demokratie.

Weit entfernt

Doch dafür braucht es eine gemeinsame Strategie. Und davon sind die europäischen Länder weit entfernt. Viele Regierungen sind instabil, und autoritäre Tendenzen nehmen zu. Auch in Serbien. Das Land gehört neben Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro und Albanien zu den sechs Ländern des «Westbalkans», die seit über 20 Jahren auf den EU-Beitritt warten. Das Buch «Der Westbalkan»* zeigt die Grün­­de und die Folgen davon auf.

Die Westbalkanländer kämpfen mit ­einer dramatischen Abwanderung. Eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigte, dass ein Drittel der Jugendlichen einen Job im Ausland sucht. Die Ursachen: tiefe Löhne, ein schwacher Sozialstaat und fehlende Perspektiven. Auch wenn die Migrantinnen und Migranten Geld nach Hause schicken, schwächt der «Brain-Drain» ihre Herkunftsländer. Es fehlen Fachkräfte, es fehlt Gesundheitspersonal, es fehlt die Veränderungskraft der Jugend.

500 000 Menschen

Anstatt die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung des Westbalkans mit einem Beitritt zu stärken, macht die EU heute das Gegenteil. Sie wirbt «günstige» Arbeits- und Fachkräfte ab, dort, wo sie eigene Lücken hat. Am krassesten ist Deutschland. Mit der «Westbalkanregel» erhalten 50 000 Menschen jährlich erleichterten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. In der Summe waren 2024 rund 500 000 Menschen aus den sechs Westbalkanstaaten auf deutschen Baustellen, in deutschen Restaurants, in deutschen Spitälern angestellt. Es erstaunt nicht, dass Albanien, als Land mit der niedrigsten Ärztedichte in Europa, nun Massnahmen gegen die Abwanderung von Medizinstudentinnen und -studenten prüft.

Auch die europäischen Gewerkschaften reagieren. Sie fordern stärkere Sozialstandards und Lohnschutz in den Ziel- und Herkunftsländern der Arbeitsmigration. Das ist die einzig richtige Antwort, auch auf die SVP-Abschotter in der Schweiz.

* Krsto Lazarević, Franziska Tschinderle und Danijel Majić: «Der Westbalkan – Im Wartezimmer der EU.» Bonn 2025.
Regula Rytz schreibt hier im Turnus mit Roland Erne, was die europäische Politik bewegt.

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