In der Branche brodelts:
Schreiner und Zimmerleute wollen Job-Exodus stoppen

Der Holzbau boomt, und auch die Schreinereien brummen. Doch die Branche hat ernsthafte Probleme. Diese wollen gewerkschaftlich aktive Schreinerinnen und Holzbauer aus der ganzen Schweiz jetzt angehen.

LÖHNE RAUF! Der Hauptgrund, wieso Schreinerinnen und Schreiner ihren Beruf verlassen, ist der zu tiefe Lohn. (Foto: Keystone)

Eines muss man den Schreinermeistern lassen: Kommunikation können sie! Just am 24. Dezember fütterte der Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) die Redaktionen des Landes mit einer süffigen Weihnachtsgeschichte: Ab 2026 gibt es für alle Schreinerlernenden ein Geschenk in Form einer zusätzlichen Ferienwoche – und das, obwohl die Jungspunde so was angeblich gar nicht wollen.

Die unglaubliche Geschichte der wunschlos glücklichen Zöglinge und der gönnerhaften Altmeister war gesetzt.

Und geisterte wie bestellt durch alle grossen Medientitel. Grund genug, die hölzige Branche genauer unter die Lupe zu nehmen. Erst recht, weil sich am am Samstag, 17. Januar gewerkschaftlich aktive Schreinerinnen und Holzbauer aus der ganzen Schweiz in Zürich versammeln. Und dort neue Forderungen an die Arbeitgeber beschliessen. Aber zurück zum Glück der Schreinerlernenden.

Ein Gschänkli mit Eigennutz

Richtig ist: Der VSSM hat letzten Sommer alle rund 1000 Schreinerlernenden zu einer Umfrage eingeladen. Etwa die Hälfte haben mitgemacht. Drei Viertel davon gaben an, mit den bestehenden fünf Wochen Ferien zufrieden zu sein. Nur ein Viertel war es nicht. Trotzdem legen die Meister jetzt eine Woche obendrauf. Wobei: Die sechste Ferienwoche ist bloss eine Empfehlung, keine Pflicht. Und uneigennützig ist das Gschänkli auch nicht, wie die Begründung von VSSM-Bildungschef Rolf Kümin zeigt: «Wir sind überzeugt, dass mit dieser Empfehlung einige unliebsame Diskussionen in sogenannten Mischbetrieben, die Zimmerleute und Schreinerinnen und Schreiner ausbilden, zukünftig wegfallen werden.»

Tatsächlich garantiert der GAV Holzbau den lernenden Zimmerleuten längst sechs Wochen Ferien. Dem GAV Schreinereigewerbe hingegen sind Lernende noch nicht einmal unterstellt. Für sie gilt entsprechend bloss das gesetzliche Minimum von fünf Wochen.

Was die Schreinermeister nicht laut sagen

Die Umfrage hat auch Ergebnisse zutage gefördert, die der VSSM nicht an die grosse Weihnachtsglocke hängte: Über 42 Prozent der Lernenden sind mit ihrem Lohn unzufrieden. Fast 41 Prozent empfinden die Lernzeit als ungenügend. Und immerhin 37 Prozent sind auch von der Wertschätzung enttäuscht. Die gute Nachricht: Insgesamt erleben fast 91 Prozent ihre Lehrzeit positiv. Und trotzdem harzt es heftig: Die Lehrabbruchquote liegt im Schreinereigewerbe mit 28,5 Prozent über dem Schweizer Berufsschnitt von 23,9 Prozent. Zudem beklagt der VSSM einen kontinuierlichen Rückgang der Lernenden von 1500 im Jahr 2000 auf gegenwärtig noch rund 1000.

Nicht völlig auf dem Holzweg

Immerhin scheinen die Chefinnen und Chefs nicht komplett auf dem Holzweg. In den Lohnverhandlungen mit den Gewerkschaften haben sie für 2026 einige Zugeständnisse gemacht. So steigen ab Januar alle Schreinerlöhne. Generell, also für alle, um 20 Franken. Zusätzlich muss die Lohnsumme in jedem Betrieb um weitere 30 Franken pro Person und pro Monat erhöht und individuell verteilt werden. Ausserdem wurden die Mindestlöhne – hier gab es einen grossen Nachholbedarf – für Ausgelernte um 2,5 Prozent angehoben. Unia-Branchensekretär Kaspar Bütikofer sagt: «Das gesamte Lohnpaket entspricht rund einem Prozent – und liegt damit deutlich über der offiziellen Teuerung von 0,2 Prozent. Das ist ein ermutigendes Zeichen und zeigt, dass die Anliegen der Arbeitnehmenden gehört werden.» Und Zuhören bleibt zentral, wie die Ergebnisse einer neuen Unia-Umfrage zeigen.

Fast die Hälfte denkt an Jobwechsel

Auch die Gewerkschaft hat den Berufsleuten den Puls gefühlt. Konkret hat sie rund 800 Schreinerinnen und Schreiner und nochmals so viele Zimmerleute befragt. Die Umfrageergebnisse bilden die Grundlage für die anstehenden Neuverhandlungen der beiden GAV. Zentralste Erkenntnis: Die Probleme scheinen in beiden Berufen exakt dieselben, die Empfindungen sind praktisch identisch.

So haben in beiden Berufen schon fast die Hälfte der Beschäftigten schon einmal daran gedacht, die Branche zu wechseln (45 Prozent der Schreiner, 46 Prozent im Holzbau).

Hauptgrund für den möglichen Berufswechsel war eindeutig zu tiefer Lohn (beiderseits 44 Prozent). Tatsächlich sind die Verdienstmöglichkeiten relativ bescheiden: Ein Zimmermann hat nach vierjähriger, anspruchsvoller Lehre gerade mal 4747 Franken garantiert und nach zehn Jahren immer noch keine 6000 Franken auf sicher. Eine ausgelernte Schreinerin bekommt 4623 Franken, ihr höchster Mindestlohn nach vier Jahren liegt bei weniger als 5800 Franken. Und im Unterschied zum Zimmermann gibt’s für sie keinen Samstagszuschlag und weniger Ferien. Ein Jobwechsel kommt für beide Berufe auch wegen der körperlichen Belastung in Frage (36 Prozent der Schreiner, 33 Prozent im Holzbau). Aber auch Termindruck, schlechte Planung und wenig Zeit fürs Privatleben sind für etwa jeden vierten Schreiner und jede vierte Zimmerin ein Grund zu gehen. Und es bleibt nicht beim Gedankenspiel.

Holzbauboom ohne Routiniers?

Ab einer gewissen Erfahrung wechseln viele den Job. Das Durchschnittsalter der verbleibenden Teams bleibt daher extrem tief. Im Holzbau sind zwei Drittel unter 36jährig. Erfahrung ist aber durchaus gefragt. Denn dem Schreinereigewerbe geht es gut. Und der Holzbau boomt sogar. Die Zahl der Betriebe ist in den letzten 20 Jahren um 1000 gewachsen, die Zahl der Mitarbeitenden um 6000. Heute gibt es 22 000 Holzbauerinnen und Holzbauer. Und sie und ihre Schreinerkollegen haben Ideen, Wünsche, Pläne. Die Branchenkonferenz wird entsprechende Forderungen definieren. Sicher ist schon jetzt: Es braucht mehr Holz vor der Hütte! Und zwar auch für jene, die täglich damit werken.

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